Es stimmt nicht, dass die Wall Street nicht aus ihren Fehlern lernt. Das Problem ist nur, dass sie immer neue macht. Vor zehn Jahren begann die Finanzkrise, ausgelöst durch neue Wertpapiere, die Finanzingenieure mit Hypotheken ausgetüftelt hatten. Heute hat die Wall Street ein neues Lieblingsprodukt: ETF, kurz für Exchange Traded Funds. Es handelt sich dabei um bestimmte Investmentfonds, die frei an der Börse gehandelt werden.

Sie werden gerade Kleinanlegern angepriesen. Sie könnten damit Gewinne wie die Profis machen, verspricht die Branche. Sicher hat der Erfolg der ETF auch weniger wohlhabenden Menschen den Zugang zu attraktiven Anlagemöglichkeiten eröffnet und nicht zuletzt zu günstigeren Gebühren in der Branche geführt. Doch die scheinbar simplen Produkte sind in Wirklichkeit komplexe Derivate, die die Stabilität der Finanzmärkte gefährden können. Die Warnsignale mehren sich.

Vor zehn Jahren waren es ebenfalls Derivate, die eine Krise auslösten, deren Auswirkungen wir bis heute spüren. Die Hypothekenpapiere, deren Wert sich aus den Krediten an US-Hausbesitzer ableitete, galten als gewinnbringende Innovation für praktisch alle Beteiligten. Amerikaner von Chicago bis nach Miami bekamen billiges Geld, um sich Wohnungen oder Häuser zu kaufen. Die Kredite wurden von Investmentbanken gebündelt und in Wertpapiere verwandelt, die wiederum von Rating-Agenturen bewertet und schließlich an Investoren in aller Welt verkauft wurden. Die Pfänder hinter den Papieren waren Immobilien, deren Wert ständig weiter zu steigen versprach. Aber eben genau das trat nicht ein. Bis heute horchen alle Experten auf, wenn das Wort Subprime fällt. Doch es ist nahezu ausgeschlossen, dass sich die Krise in dieser Form wiederholt.

Aber das heißt keineswegs, dass damit die nächste Krise verhindert wird. Sie wird nur eine andere Ursache haben. ETF haben einiges gemeinsam mit den Hypothekenpapieren. Sie gelten als attraktiv, aber – bis auf einige exotischere Varianten – nicht übermäßig riskant. Und wie die Hypothekenpapiere haben sie innerhalb kurzer Zeit einen enormen Boom erlebt. Weltweit haben Anleger vier Billionen Dollar in ETFs gesteckt. Vor zehn Jahren waren es knapp über 800 Milliarden. Allein zwei Billionen Dollar sind in ETFs angelegt, die den amerikanischen Aktienindex S&P 500 abbilden. Die zunehmende Konzentration in einige große Produkte könne das Finanzsystem gefährden, sollte es zu großen Kursschwankungen kommen, warnte vergangenes Jahr Nikolaos Panigirtzoglou, Analyst bei JP Morgan. Die Indexfonds hätten besonders Zulauf bei steigenden Kursen – was den Aufwärtstrend verstärke. Allerdings, so Panigirtzoglou, würden auch Korrekturen schärfer ausfallen. Das heißt, die Finanzmärkte wären anfälliger für plötzliche Einbrüche und diese Einbrüche dürften dann heftiger ausfallen.

Wie schon bei den Hypothekenpapieren fängt auch die Geschichte der ETF mit einer guten Idee an. Im August 1976 startete ein Vermögensverwalter aus Philadelphia namens John Bogles den ersten Indexfonds. Zuvor konnten Anleger entweder einzelne Aktien kaufen oder die Auswahl ihres Portfolios einem Fondsmanager überlassen, der dafür Gebühren kassierte. Bogles Alternative: Das Portfolio seines Fonds würde lediglich den Aktienindex nachbilden. Im Fall des S&P 500 würde der Fondsanbieter also Aktien all derjenigen Unternehmen kaufen und halten, die der Herausgeber Standard & Poor's wegen ihres Umsatzes und Börsenwerts zu den 500 wichtigsten US-Unternehmen zählte.

Aktienindizes, die es für nationale Märkte sowie einzelne Branchen gibt, dienten ursprünglich nur dem Zweck, Investoren eine Vergleichsmöglichkeit zu bieten. Wie gut schneidet die Aktie eines Unternehmens im Vergleich zum Rest des Sektors oder dem Rest des US-Marktes ab? Wie laufen die Kurse gegenüber dem Vortag, dem Vorjahr? Diese Listen als Basis für die Aktienauswahl eines Fonds zu nehmen, bot aus Bogles Sicht zwei unschlagbare Vorteile: Es machte es unnötig, sich als Anleger mit einzelnen Unternehmen und deren jeweiligen Erfolgsaussichten ausführlich zu beschäftigen – eine Aufgabe, die Kleinanleger in der Regel überfordert. Und vor allem: Es musste auch kein Finanzprofi dafür bezahlt werden.