ZEIT ONLINE: Herr Flaskämper, der Wert eines Bitcoins ist mittlerweile auf mehr als 10.000 Euro gestiegen – ein Plus von mehr als 1.000 Prozent seit Jahresbeginn. Wie lange hält der Bitcoin-Rausch noch an?

Oliver Flaskämper: Das liegt an Ihrer Vorstellungskraft. Wenn Sie glauben, dass die Digitalisierung und Globalisierung weiter voranschreiten und freie Währungen ihre Daseinsberechtigung haben, dann kann es durchaus sein, dass ein Bitcoin irgendwann einen Wert von rund 500.000 Dollar hat.

ZEIT ONLINE: Das ist doch utopisch. Wie kommen Sie auf diese Zahl?

Flaskämper: Ich vergleiche Bitcoins gern mit Gold. Bitcoins sind selten, genau wie physisches Gold. Physisches Gold ist geologisch selten und Bitcoins sind mathematisch selten. Wenn man die Vorstellungskraft besitzt und daran glaubt, dass Bitcoins in einer immer vernetzteren und digitalisierten Welt eine Daseinsberechtigung haben, dann ist es aus meiner Sicht nicht unrealistisch, dass sie genauso viel wert sein können wie physisches Gold weltweit. Wenn diese Parität eintritt, müsste ein Bitcoin im Jahr 2030 einen Wert von etwa 500.000 US-Dollar haben – auf Basis des aktuellen Goldkurses und der in den nächsten knapp zwölf Jahren geförderten Goldmenge.

ZEIT ONLINE: In den Anfängen kostete ein Bitcoin weniger als zehn Euro. Dieser krasse Anstieg ist doch durch nichts gerechtfertigt – außer durch Zockerei.

Die Bitcoin-Blase wird noch oft platzen.

Flaskämper: Keine Frage, Bitcoins sind nichts für schwache Nerven und sicherlich noch nichts für die private Altersvorsorge. Man muss sich als Investor auf 50 Prozent Kursverlust an einem Tag einlassen können. Die Bitcoin-Blase wird noch oft platzen. Allein vergangene Woche haben sich an einem Tag 6.200 Nutzer auf unserer Bitcoin-Börse registriert, ein neuer Rekord. Da ist doch klar, dass inzwischen auch Spekulanten dabei sind, die schnell investieren, aber auch schnell wieder ihre Investments abstoßen. Die ursprünglichen Bitcoin-Nerds, die Technologie-Begeisterten, machen auf unserer Handelsplattform vermutlich nur noch einen geringen Teil aus.

ZEIT ONLINE: Die Ursprungsidee des Erfinders Satoshi Nakamoto war aber eine weltweite Währung auf Computerbasis, ohne staatliche Kontrolle und Einfluss. Jetzt sind Bitcoins doch nur noch ein extrem volatiles Investment.

Flaskämper: Der Erfinder denkt – und der Markt lenkt. Am Ende entscheidet immer der Markt, wie eine Erfindung genutzt wird. Bitcoins werden sich aufgrund der Limitierung der Geldmenge als Anlage etablieren. Die Limitierung der Bitcoins ist quasi das Killerfeature, das macht sie so attraktiv. Inzwischen gibt es andere Kryptowährungen, die sich besser zum Zahlen eignen als Bitcoins. Aber Banken, Hedgefonds, Risikokapitalgeber und Vordenker wie Richard Branson oder Peter Thiel investieren in Bitcoins oder fördern die Technologie und Krypto-Start-ups. Selbst Family Offices, also private Vermögensverwalter, mischen Bitcoins inzwischen ihrem Portfolio bei.

ZEIT ONLINE: Sie alle haben aber auch ausreichend Spielgeld zur Verfügung und können ihre Risiken mit anderen Investments absichern.

Flaskämper: Aber diese Menschen sind ja keine Idioten oder Spieler. Und was ist so schlimm an Spekulation? Immobilien und Aktien sind doch auch Spekulationsobjekte.

ZEIT ONLINE: Bei Immobilien stecken reale Werte dahinter. Und bei Aktien ist der Handel reguliert und wird von einer Bankenaufsicht kontrolliert. Bitcoins sind dagegen eine rein digitale Währung in einem fast unbeaufsichtigten Markt. Ihr Wert kann extrem schwanken. Dabei muss eine Währung doch Stabilität gewährleisten, damit sie breit akzeptiert wird.

Flaskämper: Satoshi Nakamoto, der Erfinder der Bitcoins, war überzeugt: Es kann nicht sein, dass wir heute noch immer Menschen vertrauen müssen, wenn es um die Stabilität unseres Geldes geht. Menschen brechen Regeln. Denken Sie an den Euro und seine Maastricht-Kriterien, die Staaten erfüllen müssen. Die werden doch immer wieder gerissen. Und was ist mit den Hilfskrediten für Krisenländer wie Griechenland? Laut den EU-Verträgen sind solche Finanzierungen verboten. Überall drucken die Notenbanken auf Teufel komm raus Geld. Ich bin mir sicher: Der Bitcoin kann scheitern, der Euro wird scheitern.

"Der Bitcoin wird staatliche Währungen nie ersetzen"

ZEIT ONLINE: Aber was ist dann der Bitcoin: ein Spekulationsobjekt oder eine Alternative zum Euro?

Flaskämper: Der Bitcoin wird staatliche Währungen nie ersetzen, allein weil Staaten sich nie das Recht werden nehmen lassen, Währungen auszugeben. Geldpolitik ist Machtpolitik. Regierungen werden sicherlich noch einmal über ein Verbot von Kryptowährungen diskutieren, spätestens wenn ihre weltweite Marktkapitalisierung die magische Grenze von einer Billionen Dollar überschreitet. Zurzeit sind wir bei einer Marktkapitalisierung von etwa 370 Milliarden US-Dollar. Aber selbst bei einem staatlichen Verbot werden Bitcoins nie wieder verschwinden. Auch Gold war in der Geschichte schon oft verboten und jedes Verbot wurde früher oder später wieder aufgehoben. Gutes Geld lässt sich eben nicht wirksam verbieten.

ZEIT ONLINE: Sie nennen Bitcoins "digitales Gold mit Bezahloption". Aber in Deutschland zahlt doch niemand mit ihnen.

Deutschland tut sich mit Finanzinnovationen wie Kryptowährungen spätestens seit der Finanzkrise 2008 extrem schwer.

Flaskämper: Deutschland ist weltweit absolute Bitcoin-Diaspora. Es gibt hier wegen der starken Regulierung nicht einmal einen einzigen Geldautomaten oder die Möglichkeit, Bitcoins an Tankstellen zu kaufen. Unser Bitcoin-Marktplatz ist seit sechs Jahren der einzige, den es in Deutschland gibt. Das muss ja irgendeinen Grund haben. Ich denke, dass Deutschland sich mit Finanzinnovationen wie Kryptowährungen spätestens seit der Finanzkrise 2008 extrem schwertut. In Österreich kann ich an jeder Postfiliale Bitcoins kaufen oder in der Schweiz an jedem Fahrkartenautomaten der schweizerischen Bundesbahn.

ZEIT ONLINE: Wenn niemand mit Bitcoins in Deutschland zahlt, weil sie gerade viel zu wertvoll sind und man es technisch auch gar nicht kann: Warum gibt es dann überhaupt noch Bitcoins? Inzwischen ist es doch nur noch ein digitaler Herdentrieb.

Flaskämper: Warum gibt es Gold? Damit kann man ja praktisch auch nicht bezahlen. Mit Bitcoins kann man aber bezahlen, wenn man es möchte. Die weltweite Zahl der Akzeptanzstellen steigt täglich, aber weil es eben nur wenige Menschen gibt, die Bitcoins wegen der erwarteten Wertsteigerung zum Bezahlen verwenden möchten, steigt die Zahl vielleicht nicht in dem Maße, wie man es erwarten würde.

ZEIT ONLINE: Dass immer wieder Bitcoin-Börsen gehackt werden oder, wie im Fall von China, von der Regierung gar verboten werden, trägt nicht gerade zur Vertrauensbildung bei.

Flaskämper: Hackerangriffe wird es immer geben. Wie bei analogem Geld muss man auch auf seine Kryptowährungen gut aufpassen und sie am besten offline aufbewahren, zum Beispiel in einem sogenannten Paper-Wallet. Als Bitcoin-Handelsplattform loben wir mit unserem Bug-Bounty-Programm Prämien für Hacker aus, die uns auf Schwachstellen hinweisen. Und nur ein ganz geringer Teil der Bitcoins, die wir für unsere Kunden verwalten, liegt auf den Servern. Mehr als 98 Prozent sind offline gesichert.

ZEIT ONLINE: Bitcoins gelten als beliebte Währung für Kriminelle und Terroristen, selbst die Terrororganisation "Islamischer Staat" soll sie nutzen.

Flaskämper: Als Handelsplattform sehen wir natürlich nicht, was mit den Bitcoins am Ende gemacht wird. Aber wir bekommen jeden Tag Anfragen von Ermittlungsbehörden, von der Polizei bis zum Verfassungsschutz. Das Bitcoin-System mit seiner Blockchain-Technologie mag zwar erst einmal anonym sein. Aber sobald Personendaten hinzukommen, weil jemand damit zahlt oder Bitcoins auf einer Börse handelt, ist es mit der Anonymität vorbei. Dagegen ist Bargeld immer noch das anonymste Zahlungsmittel überhaupt und lädt zu Betrug ein. Die Blockchain bietet auch aus der Sicht der Ermittlungsbehörden eine Menge Ansätze für eine Verfolgung von Straftaten und ist eine Verbesserung gegenüber dem Bargeld.

ZEIT ONLINE: Wann haben Sie zuletzt mit Bitcoins gezahlt?

Flaskämper: Gar nicht, dafür sind sie mir inzwischen zu wertvoll. Vor ein paar Jahren haben mich Freunde im Bitcoin-Kiez in Berlin-Kreuzberg regelmäßig dazu genötigt, mit Bitcoins zu zahlen. Nach heutigem Gegenwert haben mich ein Burger und ein paar Bier mehr als 150.000 Euro gekostet. Das bereue ich heute noch.