Wenn Chris Smiley von Detroit spricht, dann nennt er die Stadt einen "Dschungel", in dem sich "die Schwarzen wie die Tiere abknallen". Smiley, 53 Jahre alt, Trockenbauer, Eigentümer mehrerer Mietshäuser und Wähler der Republikaner, ist weiß und lebt in Royal Oak, einem Vorort von Detroit – genauer: einem vanilla suburb. So werden die Viertel genannt, in die Detroits weiße Bevölkerung in den sechziger und siebziger Jahren zog. Manche sagen, die Weißen seien damals aus der Innenstadt geflohen.

Smiley ist nicht geflohen. Er ist in einem vanilla suburb aufgewachsen. Die Grenze zur Innenstadt, genannt chocolate city, weil in ihr mehrheitlich Afroamerikaner leben, überquert er äußerst ungern. Dabei garantiert die Innenstadt seinen Lebensunterhalt, denn dort erhält er die Aufträge für seine Trockenbauarbeiten, und dort stehen seine Mietshäuser.

Doch der Weiße fürchtet die Leute aus der City. Detroit ist gespalten – seit Jahrzehnten schon. Vor 50 Jahren starben in der Stadt bei einer der größten Rassenunruhen in den USA Dutzende Menschen, als Afroamerikaner, Polizei und Nationalgarde sich fünf Tage lang bekämpften. Danach zogen die Weißen erst recht fort aus Detroits Zentrum. Ihre Flucht, die white flight, trug erheblich zum Niedergang der Stadt bei. Aus der Sicht von Smiley hat sich die Lage seitdem kaum verändert. 

Es gibt Dinge, die er über Schwarze sagt, mit denen er sich nicht zitieren lassen will. Zur Veröffentlichung gibt er nur so viel frei: "In Detroit gibt es einen Rassismus gegen Weiße. Schwarze haben es leichter als Weiße und sie nutzen ihre Chancen nicht. Sie kriegen all die Möglichkeiten für Ausbildung, sie haben es leichter, an Jobs zu kommen, aber sie leben lieber von Sozialhilfe. Weil sie faul sind."

Als Detroit schwarz wurde, ging auch die Industrie

Die Daten allerdings bestätigen Smiley nicht – und der Armutsforscher Dedrick Muhammad würde dem Mann aus der Vorstadt wohl entschieden widersprechen. Muhammad hat im Auftrag des Thinktanks Coorperation for Enterprise Development die finanzielle Situation von Schwarzen und Weißen in den USA über einen Zeitraum von 30 Jahren untersucht. Sein Ergebnis: Die Vermögensunterschiede zwischen Schwarzen und Weißen werden immer größer, wenngleich auch die durchschnittlichen Einkommen der Schwarzen in den USA seit Jahren steigen. In Detroit, haben Muhammads Recherchen ergeben, leben doppelt so viele schwarze Arbeitslose wie weiße, und deutlich mehr Schwarze sind arm, das heißt, sie verdienen weniger als 12.060 Dollar im Jahr.

In Detroit, weiß Dedrick Muhammad, zeigt sich deutlich das Problem des ganzen Landes: "Die Stadt ist ein Symbol für das De-Investment in den Industrieregionen der USA. Als Detroit schwarz wurde, zogen die Weißen weg; Firmen verlegten ihre Standorte; die Steuerbasis wanderte ab." Die Stadt ging bankrott. 2014 brachte Detroit das größte kommunale Insolvenzverfahren in der amerikanischen Geschichte hinter sich. Viele Einwohner leiden immer noch unter den Folgen, die Stadt hat es bisher nicht geschafft, Jobs und Menschen zurückzubringen. Von den einst fast zwei Millionen Einwohnern der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts sind heute gerade einmal 700.000 zurückgeblieben. 

Chris Smiley steigt in eines seiner 17 Autos. In Royal Oak, sagt er, kann er sich das leisten. "Jenseits von 8 Mile sind die Versicherungspolicen für Autos doppelt so teuer. Deshalb versichern die alle ihre Autos nicht." 8 Mile bezeichnet die Grenze zur Innenstadt.

Auf dem Rücksitz winselt Smileys Hund Poncho; am Schlüsselbund, der neben dem Lenkrad steckt, hängen mehr als 30 Schlüssel: für die Häuser, die Smiley in der Stadt besitzt. Er stopft Werbepostkarten in sein Handschuhfach, auf denen Immobilienfirmen anbieten, die Gebäude zu kaufen. Die Wohnungspreise in Detroit steigen, zumindest in manchen Teilen der Stadt. Kürzlich schaffte es der Großraum Detroit sogar in die Top 5 der boomenden Wohnungsmärkte des Landes. Die Einkommen sind hier nicht geringer als andernorts, aber die Häuser sind noch um einiges günstiger zu haben. Profitieren werden von den steigenden Preisen vor allem Hauseigentümer wie Smiley, der mittelfristig hofft, nur noch von den Mieteinnahmen leben zu können.

Weiße haben eher ein Haus

Die Vermögensunterschiede, die der Forscher Muhammad in seiner Studie festgestellt hat, hängen seit jeher vor allem mit der Frage nach dem Hauseigentum zusammen. Als in den 1940er und 1950er Jahren in Detroit maßgeblich durch die Autoindustrie die Mittelschicht aufgebaut wurde, war es vielen Menschen erstmals möglich, ein Haus zu erwerben. Für Schwarze war das aber nicht so einfach, denn in den meisten Teilen des Landes war Segregation noch Gesetz.

In Detroit besitzen bis heute zehn Prozent mehr Weiße als Schwarze mindestens ein Haus – und das, obwohl die Bevölkerung der Stadt heute zu 86 Prozent schwarz ist. Muhammad führt das unter anderem auf die Steuerpolitik der USA zurück. Die Regierung unterstützte Besserverdiener durch Steuernachlässe. Den Geringverdienern aber erschwerte sie den Hauskauf, auch unter der Präsidentschaft Barack Obamas. "229 Milliarden Dollar gibt die Regierung jedes Jahr für Steuergeschenke an Eigenheimbesitzer aus. Je größer das Haus, desto größer der steuerliche Vorteil." 

Chris Smiley ist mit seinen 30 Häusern ein gutes Beispiel dafür. Menschen wie ihn nennen die Detroiter "slumlord".