Opel-Verhandlungen Verworrene Fronten im Opel-Krimi

Zwei Fragen am Tag danach: Warum verkauft General Motors wider Erwarten doch an Magna? Und warum stimmt ausgerechnet der Beauftragte der Regierung dagegen?

Die Mitglieder der Opel-Treuhand (von links nach rechts): Ex-Conti-Chef Manfred Wennemer, der FDP-Politiker Dirk Pfeil, sowie die GM-Manager Enrico Digirolamo und John Smith.

Die Mitglieder der Opel-Treuhand (von links nach rechts): Ex-Conti-Chef Manfred Wennemer, der FDP-Politiker Dirk Pfeil, sowie die GM-Manager Enrico Digirolamo und John Smith.

Damit hatte niemand mehr gerechnet: General Motors (GM) verkauft seine europäische Tochter Opel nun doch an das Konsortium um den austrokanadischen Zulieferer Magna. Doch damit der Überraschung nicht genug. Offenbar wäre die Vereinbarung beinahe gescheitert – nicht am Widerstand sturer GM-Manager, sondern am Veto zweiter Vertreter der deutschen Regierung.

Was war geschehen? Am Donnerstagnachmittag hatte der Chef-Unterhändler von GM, John Smith, der deutschen Regierung mitgeteilt, der Verwaltungsrat des Mutterkonzerns habe entschieden, einen Teil von Opel an Magna zu verkaufen. Nun fehlte nur noch die Zustimmung des Beirats der Treuhand, die derzeit 65 Prozent an Opel hält. In dem Gremium sitzen zwei GM-Manager und zwei Vertreter der deutschen Regierung: der frühere Conti-Chef Manfred Wennemer und der FDP-Politiker Dirk Pfeil.

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Eigentlich sollte die Zustimmung eine Formalie sein. Dass die Bundesregierung ebenso wie die Ministerpräsidenten der Länder mit Opel-Standorten Magna als Bieter favorisieren, ist bekannt. Wennemer sitzt auf Vorschlag der Bundesregierung in dem Gremium, Pfeil gilt als Vertrauter des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Die Stimmen der GM-Manager waren ohnehin sicher, denn diese hatten grünes Licht aus Detroit.

Doch es kam anders, in dem Gremium gab es Streit. Wennemer sprach sich gegen die Magna-Lösung aus, auch Pfeil übte Kritik. Am Ende enthielt sich der FDP-Mann Pfeil seiner Stimme, Wennemer blieb bei seinem Nein, nicht allerdings ohne nach der Sitzung öffentlich seinem Frust Luft zu machen. "Ich habe nach den letzten Entwicklungen in Russland meine großen Zweifel, ob die Blütenträume wirklich aufgehen werden", sagte er. Am heutigen Freitag legte er noch einmal nach: "Die (Opel) verlieren Milliarden pro Jahr, das kriegen sie nicht einfach so schnell weg."

Dass Wennemer so denkt, ist nichts Neues. Bereits vor einigen Wochen deutete er an, dass er von dem Magna-Konzept wenig hält. Auch von Pfeil hieß es, er stehe den Plänen kritisch gegenüber und befürworte eher den konkurrierenden Bieter RHJ. Die Süddeutsche Zeitung zitierte daraufhin einen Unterhändler mit dem Satz, man müsse die Gesandten "wieder einfangen". Pfeil klagte am gestrigen Abend über politische Pressionen. "Ich hätte mich für die Aufgabe nicht bereit gefunden, wenn ich gewusst hätte, das politisch entschieden wird und nicht nach betriebswirtschaftlichen Kriterien", sagte er.

Die deutsche Regierung hat sich das Problem selbst eingebrockt. Als sie im Mai dieses Jahres nach der Opel-Nacht die Treuhänder einsetzte, ließ sie in den Vertrag schreiben, dass diese nur nach ökonomischen Gesichtspunkten über einen Verkauf von Opel an einen Investor befinden sollten. Wennemer nahm die Regierung beim Wort und betonte, er wolle die beste Lösung für Opel suchen, nicht die politisch opportune.

Die Argumente des früheren Conti-Managers sind in wirtschaftlicher Hinsicht nicht ganz von der Hand zu weisen. Tatsächlich sind Magna und Gaz nicht die starken Partner, die Opel eigentlich braucht. Der russische Automarkt, auf dem Opel künftig 700.000 Autos pro Jahr verkaufen soll, liegt darnieder. Niemand weiß zu sagen, wie schnell er sich erholt. Zugleich stehen rund 4,5 Milliarden Euro an Steuergeld auf dem Spiel. Folgt man dem Treuhand-Vertrag war es sogar die Pflicht Wennemers auf seine Bedenken hinzuweisen – und notfalls die Konsequenzen zu ziehen.

Leser-Kommentare
  1. ...haben das Blinzeln der Kanzlerin mißdeutet, als sie den Auftrag gab, nach wirtschaftlichen Kriterien zu entscheiden. Die haben wahrscheinlich gedacht Merkel will mit ihnen anbandeln.

  2. zählen nur zwei Fragen: 1.) ergeben Planungen der nächsten 3 - 5 Jahre schwarze Zahlen 2.) Wer kann bei einem negativen Szenario Verluste ausgleichen.
    Ziffer 2.) kann ich beantworten: der deutsche Steuerzahler. Wenn heute mit Milliarden eine Stützung erfolgt, wird die Politik es sich nicht leisten können, in wenigen Jahren Nein zu weiteren Beträgen zu sagen.
    Nachdem GM die Milliarden nicht aufbringen kann, bleibt doch nur ein Verkauf an Magna übrig, da nur diese Firma die Bürgschaften erhält.
    Insofern hat Magna für 500 Mio Technik und know-how für Russland eingekauf (bei einer Pleite von Opel wird Magna sein Geld schon wiederkriegen). Russland hat nun die Möglichkeit, in den nächsten Jahren moderne Produktionsstätten mit kostenvorteil zu bauen und Opel hier allenfalls mit einem kleinen Rest zu lassen, um das begehrte
    "Made in Germany" zu erhalten. Oder baut z.B. BMW seine Fahrzeuge alle in Deutschland? Nein.
    Der Verkauf an Magna ist ein politisches Geschenk an Russland.
    Währe die Regierung tatsächlich ernsthaft an einem Erhalt von Opel interessiert, so wäre nur eine Übernahme in Staatshand und anschliessende Sanierung infrage gekommen.

  3. Mal sehen, ob sich der Wahlkampf-Coup nicht als Boomerang für Union und FDP erweist... Zum einen haftet der deutsche Fiskus allein, zum anderen wurde Belgien in die Verhandlungen nicht eingeschaltet, obwohl das Opel-Werk in Antwerpen akut gefährdet ist. Inzwischen untersucht ja schon die EU-Kommission den "Deal", dem nicht einmal CDU- und FDP-Politiker im Aufsichtsrat bei Opel zustimmen wollten.

  4. Sich darüber bewusst zu sein, wodurch sich alltägliches Leben nicht nur das eines Istkaufmanns wie General Motors integriert, wirft nicht die Frage auf, ob Fronten durcheinander gerieten. Sich hingegen nicht mit solchermaßen Belanglosem zu beschäftigen, erlangt zugleich das entscheidende competitive edge (Porter) vor anderen. Befindet sich demgegenüber ein Investor wie Magna nicht im Besitz dieses notwendigen Bewusstseins, sind die von ihm fürderhin zu zeichnenden Verträge mindestens subjektiv unwirksam.

  5. ...fährt Opel Verluste ein. Jetzt soll der Staat ran. Bin ja mal gespannt wieviel unrentable Arbeitsplätze meine Steuern noch erhalten werden.

  6. Im schlimmsten Falle sind die Überkapazitäten der Autoindustrie noch immer so groß, dass Opel nicht überleben wird.

    Sie sind immer noch so groß. Sie sind ja in der Autoindustrie, die durch Ausbringungssteigerung bei Kostenreduzierung funktioniert, systemimmanent. Die Abwrackprämie hat ja geradewegs dazu geführt, dass die Bänder wieder angeworfen wurden, nachdem sie zwecks Stockbereinigung still standen, denn wer beim Relaunch nicht vorne sitzt, bleibt auf den Fixkosten sitzen. Und wer nicht von der Abwrackprmie profitiert hat, wie BMW, hat durch haarsträubend hohe Restwerte den Absatz über Leasing angekurbelt in der Hoffnung, in zwei bis drei Jahren habe sich der Gebrauchtwagenmarkt normalisiert. Gleiches Verhalten mit gleicher Ursache in anderer Form. Und wieder ist die Spirale eine Umdrehung weiter gedreht. Und was hat gerade Opel nicht mit den sog. "Behördenleasinggeschäften", deren Rabatte höher als die Herstellungskosten waren, in den vergangen Jahren massgeblich zum ruinösen Wettbewerb beigetragen! Es wäre gut gewesen, wenn hier eine Marktbereinigung stattgefunden hätte. Nun passiert das Gegenteil. Opel wird jetzt aufgrund des Imageverlustes noch mehr über den Preis gehen müssen. Im Gegenzug fehlt aber die Finanzkraft für die notwendigen Investitionen. Dabei ist nicht nur an die Brennstoffzelle und das Elektroauto zu denken - da muss z.B. auch an den Vertrieb gedacht werden, an moderne, kapitalkräftige Handelsorganisation, die Opel schon nicht mehr hat.

  7. Wenn es wirklich stimmt, dass die Politiker Wennemer und Pfeil nur nach ökonomischen Gesichtspunkten über einen Verkauf von Opel an einen Investor befinden sollten, dann finden sich meine schlimmsten Vermutungen über die Art und Weise, wie unsere Politiker handeln bestätigt. Gerade eine Fr. Merkel, von der ich bislang eine gute Meinung hatte, verliert da in meinen Augen massiv (von Steinmeier, der von Anbeginn an diese Causa nur populistisch angefasst hat, will ich gar nicht reden).

    Mit anderen Worten: bei diesem Thema, von dem ich doch ein wenig Hintergrundwissen habe, sehe ich mit Entsetzen, wie Politiker arbeiten, offenbar arbeiten müssen. Da kann man nur wieder auf den Essay von Precht in dieser Ausgabe verweisen, jedes Volk erhält die Politiker, die es verdient.

  8. was der Redakteur da 'rausgesucht hat. Ein Opel ohne Räder hängt am Haken, ein kleiner Mann schaut ratlos zu. Wie er (der OPEL)so unfertig in der Luft hängt ... ,kommt da Optimismus auf??
    Der Jubel der Politiker, die innerhalb von Stunden die Zukunftskonzepte verschiedener Interressenten qualifiziert geprüft und bewertet haben, bzw. dies' vorgegeben haben, bejubeln nur sich selbst.
    Als die Stunde der Wahrheit kam, und die bestellten Vertreter der Regierung die Kehrtwende machten (sie waren offensichtlich die ersten, die sich ernsthaft mit dem Problem beschäftigt haben, und das in der letzten Minute!)war es schon zu spät. Die heisse Kartoffel landet im Schoße des deutschen Steuerzahlers.
    Austro-Kanadische Kleinunternehmer und eine russische Spermabank werden den deutschen Staat in Kürze wegen der Vortäuschung falscher Tatsachen verklagen ... und Recht bekommen!

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