Aus für TraditionswerftZorn und Trauer in den Nordseewerken

ThyssenKrupp Marine Systems verkauft seine Werft, statt Schiffen sollen in Emden künftig Windkraftanlagen gebaut werden. Für die Arbeiter ist das ein harter Schlag.

Arbeiter tragen Trauerflor. Vor dem Werkstor steht symbolisch ein schwarzer Sarg. Tagelang haben die Arbeiter der Nordseewerke gehofft, ihre Werft würde erhalten bleiben. Zusammen mit ihren Kollegen von Blohm + Voss in Hamburg und der Howaldtswerke Deutsche Werft AG in Kiel liefen sie Sturm gegen die Verkaufspläne ihres Eigentümers ThyssenKrupp Marine System (TKMS) - letztlich erfolglos.

Binnen weniger Stunden besiegelte TKMS am Montag das voraussichtliche Ende des Schiffbaus in der mehr als hundert Jahre alten Traditionswerft an der Nordsee. Emden soll zum Hochtechnologie-Standort für Offshore-Windkraftanlagen werden. Das sei eine Chance, angesichts der Werftenkrise mit neuen Produkten Arbeitsplätze und den Standort für die Zukunft zu sichern, sagte eine Sprecherin des Werftenverbunds. Der neue Eigentümer, der Windkraftanlagenhersteller Siag Schaaf Industrie AG (Dernbach), soll 721 der 1196 Mitarbeiter übernehmen.

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Über die Schiffsschmieden in Hamburg und Kiel indes wurde von den Managern noch keine Entscheidung getroffen. Bei TKMS ist laut Vorstand im Zuge der Krise die Hälfte der Fertigungskapazitäten unausgelastet. Der Konzern will sich weitgehend aus dem Handelsschiffbau zurückziehen und sich künftig auf den Bau von Marineschiffen und U-Booten konzentrieren.

"Das ist ein schwerer Schlag für den Schiffbau in Norddeutschland", sagte die Bezirksleiterin der IG Metall-Küste, Jutta Blankau, zur Entscheidung über die Emder Werft. TKMS habe sich über den Widerstand der Beschäftigten und die Einwände der niedersächsischen Landesregierung einfach hinweggesetzt. Bei TKMS in Emden bleiben 375 Mitarbeiter, etwa 100 Mitarbeiter sollen freiwillig oder über Altersteilzeit ausscheiden. Die Auswirkungen auf die Zulieferer sind nach Auffassung der IG Metall gravierend.

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Die Sietas-Werft in Hamburg erfindet sich in der Krise neu: Klicken Sie auf das Bild, um die Bilderstrecke zu starten

Die Sietas-Werft in Hamburg erfindet sich in der Krise neu: Klicken Sie auf das Bild, um die Bilderstrecke zu starten  |  © Marita Theiling für ZEIT ONLINE

Als am späten Montagabend die Entscheidung des TKMS-Aufsichtsrates an der Ems eintrifft, sitzt der Schock tief. "Die Leute waren bleich im Gesicht, einige hatten Tränen in den Augen", sagt Karl-Heinz Benner vom Betriebsrat der Nordseewerke. Am Dienstag brennen am geschlossenen Tor vor der Werft in großen Metalltonnen dicke Holzbohlen. Immer mehr Menschen versammeln sich vor der Werftkulisse. Bauern fahren im Konvoi hupend mit ihren Traktoren vor, um ihre Solidarität zu bekunden. "Wir wurden vor den Kopf gestoßen. Da hat man Jahre lang sein Bestes gegeben und jetzt ist man nichts mehr wert. Ich habe Angst um meine Zukunft", sagt ein Arbeiter, der seit 1988 in den Nordseewerken beschäftigt ist.

Dabei begrüßen die Arbeiter, Betriebsräte, Gewerkschaften und Menschen in der Hafenstadt den Bau der Offshoreanlagen beim künftigen Arbeitgeber Siag. Was ihnen die Zornesröte in die Gesichter treibt, ist das Vorgehen des Managements der TKMS und das absehbare Ende der Tradition des Schiffbaus.

Am 9. September wurden die Beschäftigten über die Pläne der TKMS informiert. Keine vier Wochen später wurden am Montag mit dem doppelten Stimmrecht des Aufsichtsratsvorsitzenden Olaf Berlien Fakten geschaffen. "So geht man mit Belegschaften nicht um, man ist in der Vergangenheit immer zu Lösungen gekommen", erzürnt sich der Betriebsrat der Werft, Klaus Everwien. Auch der Vorsitzende des ThyssenKrupp-Konzernbetriebsrats, Thomas Schlenz, wirft dem Management Versäumnisse vor. "Ich hätte das so nicht für möglich gehalten."

(Von Oliver Pietschmann, dpa)

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    • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
    • Schlagworte ThyssenKrupp | Altersteilzeit | Betriebsrat | Landesregierung | Management | U-Boot
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