Finanzkrise "Ich hoffe, dass die Immobilienpreise China zu Fall bringen"

Der Immobilien-Boom treibt Chinas Wirtschaft voran. Doch die Mittelschicht kann sich die teuren Wohnungen nicht mehr leisten. Platzt die Blase? Von Kristin Kupfer, Peking

Im Bau befindliche Wohntürme in Peking

Im Bau befindliche Wohntürme in Peking

Die neuen Wohntürme im Osten Pekings sind nur spärlich erleuchtet. Immobilienmakler Zhang Chunhe zeigt auf die Gebäude. "Mindestens 30 Prozent der Wohnung stehen leer", sagt der 24-jährige im dunkelblauen Anzug, der die Apartments der Anlage "The Central" vermittelt. "Normalsterbliche können sie sich erst gar nicht leisten, und reiche Leute lassen sie einfach als Investition ruhen." Erst vergangene Woche hat Zhang eine rund 100 Quadratmeter Wohnung in der Anlage verkauft. Der Kunde bezahlte die knapp 300.000 Euro auf einmal, ohne Kredit.

Solche Käufer seien kein Einzelfall, sagt der Makler. Oft kaufen sie gleich mehrere Wohnungen. "Aber Kunden mit mittlerem Einkommen sind jetzt sehr zögerlich", sagt der junge Mann, "sie haben Sorge, sich mit einem Kredit zu übernehmen".

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Chinas Mittelschicht – je nach Definition rund 10 bis 20 Prozent der 1,3 Milliarden Bevölkerung – plagen Abstiegsängste. Die Wachstumskennziffern der Volksrepublik zeigen wieder nach steil nach oben, doch sie profitieren nicht davon. Im Gegenteil: das knapp 460-Euro-Konjunkturpaket der Regierung ist über Bankenkredite zu einem großen Teil als Investitionen in den Immobiliensektor geflossen. Der Bauboom bildet den Motor der Wirtschaftserholung in der Volksrepublik. Es wächst die Sorge, in China könnte eine neue Blase entstehen.

Allein in der Hauptstadt Peking sind die Immobilienpreise in den ersten sechs Monaten des Jahres 2009 um 30 Prozent gestiegen. Ein Quadratmeter im Zentrum, innerhalb des sogenannten vierten Rings, kostete im Oktober rund 2000 Euro. In 70 chinesischen großen Städten zogen Preise für Gebäudeflächen im Oktober um 3,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr an. Analysten warnen vor den Gefahren. Auch Chinas Zentralbank hat Ende November ungewöhnlich deutlich vor einer Überhitzung des Immobiliensektors gewarnt, welche die gesamte Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen könnte.

Im Boom erhöht der Staat die Preise für Wasser, Strom und Gas. Nicht nur Analysten, sondern auch die Angestellten sehen das mit Sorge als Vorbote einer heranrollenden Inflation. Im Oktober ist der Konsumpreisindex (CPI) zwar noch um 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Analysten der Standard Charter Bank rechnen jedoch mit einem Wachstum des CPI ab November. Für 2010 prognostizieren sie einen Preisanstieg von rund vier Prozent.

Wie berechtigt die Abstiegsangst sein kann, die Immobilienmakler Zhang bei seinen Kunden beobachtet, hat der Unternehmer Xiao Minbao am eigenen Leibe erlebt. Der Wert seiner 2006 gekauften 120-Quadratmeter-Wohnung hat sich in diesem Jahr zwar wieder verdoppelt. Doch er kann die Raten nicht mehr zahlen, seit die Krise sein Geschäft für Bürostühle und -zubehör erwischte. Im vergangenen Jahr musste er bis zu 40 Prozent seiner Einnahmen für die monatliche 500 Euro-Kreditratenzahlung aufwenden. Jetzt ist der 34-jährige Xiao mit Frau und Sohn in eine kleinere Mietwohnung umgezogen und hat seine Immobilie vermietet.

Auch Freunde und Bekannte äußern zunehmend Zukunftssorgen, obwohl sie feste Einkommen haben. "Das eine ist, dass die Kosten für Schulbildung und Arztbesuche weiter zunehmen", sagt Xiao, "das andere ist, dass wir den Überblick und damit das Vertrauen in die Preisentwicklungen verloren haben."

Wie viel politische Brisanz in der Krisenstimmung der urbanen Bevölkerung steckt, zeigte ein Blog-Beitrag eines selbsternannten Immobilienanalysten mit dem Pseudonym "Ochsenmesser". Eine Inflationsrate von drei Prozent könnten 50 Prozent der chinesischen white-collar-Angestellten in den Ruin treiben, schrieb er Mitte November in seinem Wirtschaftsblog, das auf der angesehenen Plattform der Hongkonger Firma Phoenix TV läuft.

Er begründet seine These mit Stichumfragen in Peking und Shanghai, laut derer Monatszahlungen für Kredite mit 20-jähriger Laufzeit bis zu 50 Prozent eines Haushaltseinkommens fressen. In nur zehn Jahren hätten private Hypothekenkredite in China mit über drei Milliarden Euro ein Volumen erreicht, für dessen Akkumulation die USA 50 Jahren gebraucht habe.

Binnen weniger Stunden wurde der Beitrag zu einem der meistgelesenen Artikel im Internet. Für die Stichhaltigkeit der Analyse interessierten sich die Leser wenig. Viele Kommentatoren nahmen die fragile Situation der white collar als Beleg für ein Wachstum, welches primär den Reichen und Mächtigen zugute kommt.

"Warum werden die Wohnungspreise auch in Zukunft nicht fallen?", schreibt ein Kommentator, "außer den Interessen der lokalen Regierungen und Geschäftsleute geht es doch nur um die verdammte sogenannte 'Stabilität'". Ein anderer Nutzer ruft die Leser zum Handeln auf: "Wir Bürger müssen uns zusammentun und ein Jahr lang keine Wohnungen kaufen", schreibt er, "dann treiben wir die gierigen Immobilienunternehmer in den Ruin."

Andere verbreiten Weltuntergangsstimmung: Ein User mit dem Pseudonym "wer Geld hat soll auswandern" kommentiert: "Bereitet Euch vor. Zieht schon mal in eine kleinere Wohnung um und haltet Cash für den Notfall bereit." Ein weiterer schreibt zynisch: "Ich hoffe, dass die Immobilienpreise China zu Fall bringen, ich warte darauf."

 
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