Siegfried Wolf im Interview Magna-Chef verfolgt "Plan B"
Ein schlechter Witz. Genau dafür hatte Siegfried Wolf die Aussage von GM-Chef Henderson gehalten, dass Opel bei General Motors verbleiben soll. Monatelange harte Arbeit war für die Katz. Nun blickt Magna-Chef Wolf im Gespräch mit dem "Handelsblatt" nach vorn. Und erläutert seinen Plan B.
Herr Wolf, Sie dachten nach eigenen Worten, als Sie von der GM-Absage für den Opel-Verkauf hörten, es sei ein Witz. Kann man das mit Humor nehmen oder herrscht nun nicht tiefe Verärgerung bei Magna?
Wenn man sich für eine Sache voll einsetzt, dann muss man dies aus vollster Überzeugung tun. So waren wir fest davon überzeugt, dass wir diese einzigartige Chance auch wirklich nutzen können. Als dann der Anruf von GM-Boss Fritz Henderson kam, waren wir natürlich überrascht und enttäuscht - aber Sie wissen, im Geschäftsleben müssen Sie Entscheidungen, wenn sie getroffen worden sind, so nehmen wie sie fallen.
GM hat angekündigt, dass sein Restrukturierungsplan dem von Magna ähneln werde. Wie schätzen Sie die Chancen für eine Opel-Rettung unter GM-Regie ein?
Was ist das wichtigste, wenn Sie ein Unternehmen aus einer Krise herausführen wollen? Das wichtigste ist, das man Mitarbeiter hat, die überzeugt sind. Mitarbeiter, die an die Sache glauben. Mitarbeiter, die motiviert sind. Das wird sicherlich die wichtigste Herausforderung des Mutterkonzerns sein, die Opel-Mitarbeiter wieder hinter sich zu bekommen. Vertrauen zu verlieren geht schnell, Vertrauen wieder zu gewinnen, dauert sehr, sehr lange. Dieses Thema muss GM am schnellsten aufgreifen.
Was würden Sie den Amerikanern jetzt empfehlen?
Wissen Sie, mit Empfehlungen bin ich sehr, sehr vorsichtig. Ich glaube, dafür gibt es berufene Leute bei GM, die haben eine Entscheidung getroffen und die ist zu respektieren. Dahingehend steht es mir jetzt nicht an, GM von außen Ratschläge zu geben.
Magna ist nun zum zweiten Mal knapp an dem Erwerb eines großen Autoherstellers gescheitert. Werden Sie sich jetzt nach anderen Autobauern umschauen oder sind Sie endgültig bedient?
Da muss ich jetzt schmunzeln. Wir glauben schon, dass wir erfolgreich waren. Wir müssen zwar zur Kenntnis nehmen, dass der Opel-Fall nicht so ausgegangen ist, wie wir das gerne gehabt hätten. Aber wir haben so viele positive Dinge aus dem vergangenen Jahr mitgenommen, dass ich uns nicht als gescheitert ansehe. Wir haben erheblich an Reputation gewonnen. Die Gewerkschaften haben Magna schätzen gelernt und die Medien haben uns als fairen und konstruktiven Verhandlungspartner kennengelernt. Natürlich hätten wir Opel gerne gehabt und glauben, dass wir eine sehr gute Strategie hatten. Wir haben eine einzigartige Chance verpasst, den dringend notwendigen Strukturwandel in der Branche aktiv begleiten zu können.
Alle guten Dinge sind bekanntlich drei. Werden Sie jetzt nach einem anderen Hersteller umschauen?
Chrysler und Opel waren jeweils Sonderfälle. Sowohl Chrysler als auch Opel/GM sind wichtige Kunden von uns. Es ist deshalb für uns wichtig, alles daranzusetzen, wenn wir eine Chance sehen, diese Hersteller zu unterstützen. Für uns wäre der Untergang eines solchen Unternehmens auch ein erheblicher Schlag gewesen. Aber das sind jeweils Ausnahmesituationen.
Also kein Interesse an einem Kauf von Volvo?
Nein, wir gehen jetzt nicht zum nächsten Bieterwettbewerb. Wir werden nicht aktiv suchen, welcher Autohersteller nun passen könnte. Wir haben ein sehr, sehr wichtiges Zulieferergeschäft, das ist unser Hauptgeschäft - und darauf konzentrieren wir uns jetzt. Wir haben auch immer betont, dass unser Kerngeschäft nicht unter dem geplanten Opel-Kauf leiden sollte. Im Gegenteil, wir haben auch im Zuliefererbereich weiter intensiv an Akquisitionsprojekten gearbeitet. Wir arbeiten darüber hinaus weiter an neuen Technologien, neuen Märkten und neuen Formen der Zusammenarbeit - und sind in allen Bereichen gut unterwegs. Wir brauchen deshalb keinen anderen Plan. Wir sagen im steirischen: Im Leben kann man sich mehr erwarten als erlaufen.
Viele große Kunden wie VW und BMW hatten die Pläne für die Opel-Übernahme kritisch aufgenommen. Gibt es bereits erste Signale aus München und Wolfsburg, wie man die Situation nach dem Platzen des Deals bewertet?
Bei BMW möchte ich in aller Klarheit feststellen, dass war nur eine Einzelmeinung und ist nicht im Einklang mit dem, was die Gesamtmeinung in München ist. Da hat es in der Tat sehr, sehr klare Signale gegeben.
Sie haben VW-Partriach Ferdinand Piech bereits bei der Verleihung des Goldenen Lenkrades in Berlin persönlich gesprochen. Was hat er Ihnen denn gesagt?
Ich freue mich jedes Mal, wenn ich Herrn Piech sehe. Wir tauschen uns immer gerne aus. Mal etwas mehr, mal etwas weniger. Aber in diesen Gesprächen bespricht man nicht das Tagesgeschäft. Dabei möchte ich es belassen.
Sie gehen also davon aus, dass VW den Porsche-Boxster-Auftrag nicht mehr abzieht?
Die Fertigung des Porsche Boxster ist immer nur als Spitzenabdeckungsprogramm geplant gewesen für den Fall, dass wenn Überkapazitäten notwendig wären, wir die in Graz produzieren können. VW kämpft wie jeder andere Autohersteller derzeit mit Kapazitätsunterauslastung. Es wird sicherlich nun das eine oder andere Gespräch von Nöten sein, denn wenn ich das eigene Haus nicht auslasten kann, ist es ein legitimer Wunsch, über eine Rücknahme des Auftrags zu diskutieren. Niemand hat ein Anrecht auf lebenslange Projekte: Aufträge sind immer so gestaltet, dass man aussteigen kann. Es wird hier sicherlich Gespräche geben müssen.
Große deutsche Konkurrenten kritisieren eine Wettbewerbsverzerrung, wenn GM für Opel jetzt milliardenschwere Staatshilfen bekommt. Haben Sie Verständnis für diese Position?
Das können nur Leute sagen, die glauben, dass die Staatshilfe geschenktes Geld ist. Das ist es aber mitnichten. Ich wünsche keinem Autohersteller, dass er mit so teurem Geld eine Restrukturierung fahren muss. Wenn Kredite im Raum stehen, auf die Sie einen Zins im zweistelligen Prozentbereich zahlen, ist das natürlich eine Herausforderung, weil das Geld muss ja zurückgezahlt werden. Ich sehe das nicht als Wettbewerbsverzerrung, sondern eher als Erschwernis für das Unternehmen. Ich kenne keinen Autobauer, der sich teurer finanziert.
Ein Jahr haben Sie intensiv an dem Deal mit zahlreichen Leuten gearbeitet. Können Sie eine Größenordnung nennen, wie viel Geld Sie in das Konzept und den Bieterwettbewerb gesteckt haben?
Eine Summe kann ich Ihnen nicht sagen, weil wir es selbst noch nicht durchgerechnet haben. Ich kann Ihnen nur sagen, dass wir volle sechs Monate intensiv mit einer großen Mannschaft an diesem Thema gearbeitet haben. Da ist natürlich unheimlich viel an Aufwand hinein gesteckt worden. Wir haben aber von unserer Seite mit relativ wenig Beratern gearbeitet. Mein Team und viele Mitarbeiter bei Magna mussten dagegen ein bisschen mehr arbeiten. Der Tag hat 24 Stunden - die sind zeitweise ausgenutzt worden. Es war eine große Doppelbelastung für meine engste Mannschaft, der ich ein großes Kompliment und danke schön aussprechen möchte.
Hoffen Sie jetzt auf Aufträge von Opel?
Wir haben Aufträge von GM und es gibt keinen Grund, warum wir nicht auch neue erhalten sollten. Es war ja eine sehr, sehr intensive Zusammenarbeit. Die Grundlage von jedem Geschäft ist Vertrauen und in den vergangenen Monaten hat sich eine gute Basis entwickelt, die eine Grundlage für gutes Geschäft sein kann. Aber niemand in der Branche erhält Aufträge im Beauty-Contest. Sondern wir haben unsere Aufträge gewonnen, weil wir zu diesem Zeitpunkt wettbewerbsfähig waren. Es kann sich im Endeffekt niemand leisten, seine Zulieferer nach persönlichem Gutdünken auszusuchen. Es geht stattdessen um Wettbewerbsfähigkeit, Verlässlichkeit, Qualität und Liefertreue. Ich könnte der Cousin von Henry Ford sein: Wenn Preis und Qualität nicht stimmt, wären wir eine Belastung - und keine Hilfe.
Ihr Manager Herbert Demel wird im Flurfunk von Opel als möglicher neuer Opel-Chef gehandelt. Halten Sie eine solche Lösung für denkbar?
Ich habe keine Indizien, aber es ehrt uns natürlich sehr, wenn die Arbeit, die wir gemacht haben, respektiert wird. Und was ist ein besserer Respekt, als wenn man sagt, ich würde gerne das Unternehmen in diese Hände geben. Ich weiss zwar nicht, wer das sagt. Nach meiner Meinung ist das spekulativ.
Mit Opel hat Magna eine große Wachstumschance verloren. Gibt es bei Ihnen jetzt einen Plan B für eine Expansion ohne Kauf eines Autobauers?
Es gibt immer einen Plan B - und der heißt fleißig arbeiten, Konzentration auf neue Technologien und das Kerngeschäft. Wenn wir die eine oder andere Akqusition im Zuliefererbereich nicht bekommen haben, hat es ja auch nicht geheißen, dass wir untätig geschaut haben. Wachstumsstrategie ist für uns ein wesentliches Thema. Wir haben in unseren angestammten Produktbereichen den Fokus auf diszipliniertes Wachstum gesetzt. Zudem schauen wir, dass wir uns auf neue Technologien, gerade im Bereich neue Antriebe, konzentrieren. Deshalb brauchen wir keinen Plan B. Wir tun, was wir immer gemacht haben: Uns auf unser Geschäft konzentrieren.
Analysten raten Ihnen, sich stärker auf China zu konzentrieren?
Wir haben das gemacht, wie wir es immer gemacht haben: leise. Wir haben 19 Standorte in China. Natürlich ist lokale Fertigung für uns ein wichtiges Thema. Man muss in den Märkten, in denen die Autoindustrie stark ist, auch mit eigener Fertigung stark sein. Wir sehen die neuen Märkte immer als eine Herausforderung.
Der insolvente Zulieferer Karmann aus Osnabrück ringt um seine Existenz. Stimmt es, dass Sie Interesse zumindest an einer Teilsparte haben?
Da bin ich immer vorsichtig. Ich bin gerne unter der Warnnehmungsgrenze. Wir kümmern uns, wir schauen, wir prüfen laufend, was zu uns passen könnte und was nicht. Aber mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Ich bin lieber weniger stark in der Ankündigungspolitik, sondern mehr in der Umsetzungspolitik. Opel hat wieder bewiesen, dass man über ungelegte Eier nicht zu viel gackern sollte.
Die gesamte Autoindustrie steckt in einer schweren Krise. Magna hat im dritten Quartal sich wieder in die Gewinnzone geretttet. Glauben Sie, dass Schlimmste liegt nun hinter der Branche?
Ich hoffe, dass das Schlimmste bereits hinter uns liegt. Denn für jeden Unternehmenslenker ist das Schlimmste, wenn man nicht weiss, wie man planen soll. Meine größte Unsicherheit war Anfang des Jahres, das wir nicht wussten, wo wir stehen. Das Gröbste ist also hinter uns: Wir können jetzt solide planen. Diese Sicherheit haben wir erreicht, wenn auch auf niedrigem Niveau.
Wird die Konsolidierung - vor allem im Zulieferersektor - sich weiter beschleunigen?
Ja, und ich denke, das ist auch dringend notwendig. Die Branche ist in einem Bereinigungsprozess. Jeder hat ungenutzte Kapazitäten. Man muss hier Synergiepotenziale heben und neue Kooperationen suchen.
Sie haben gerade die Chassisfertigung für den Mercedes SLS erhalten. Wird Ihr nächster Dienstwagen jetzt einen Stern auf der Kühlerhaube tragen oder fahren Sie aus Trotz jetzt Insignia?
Ach, wissen Sie, wir haben fast alle großen Hersteller als Kunden - und die bauen alle schöne Autos. Aber ich sage Ihnen ehrlich: Ich hätte auch kein Problem gehabt, wenn mein nächster Dienstwagen ein Opel gewesen wäre.
Erschienen auf Handesblatt.com, 10.11.2009
- Datum 10.11.2009 - 12:44 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Handelsblatt.com
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Die Kernfrage rund um die russische Sberbank wurden genauso nicht gestellt, wie die Bewertung der Aussagen des Managements von GM.
Denn dass die Entscheidung von GM nicht nach wirtschaftlichen, sondern rein nach politischen Gesichtspunkten getroffen wurde, weiß mittlerweile jedes Kind.
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