Der Tag des vorläufigen Finales beginnt für Nick Reilly mit einem mäßig gelaunten Ministerpräsidenten. Noch einer. Am Vortag war er ja schon bei Jürgen Rüttgers und Kurt Beck, gestern besuchte Reilly, seit zwei Wochen Europa-Chef von General Motors (GM), Roland Koch in Wiesbaden. Die beiden bauen sich in der Staatskanzlei nebeneinander auf, um über Opel zu reden. Kochs Blick geht mal ins Leere, mal sucht er den Fußboden nach Staubflöckchen ab. Dem Ministerpräsidenten schmeckt es nicht, dass er neben Reilly stehen und etwas Nettes über GM sagen muss.

Aber er hat keine Wahl. Reilly lässt ihm keine. Der GM-Manager hat Koch und dessen Amtskollegen aus Thüringen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen umzingelt. Brav lobt Koch, dass Reilly die GM-Europa-Zentrale ganz nach Rüsselsheim verlegen will. Und er sagt, GM möge doch auf betriebsbedingte Kündigungen in Hessen verzichten. Man hat Koch schon mal forscher erlebt.

Nick Reilly hält die Hände hinter dem Rücken verschränkt, sein massiges Kinn hat er in Büßerpose auf dem Krawattenknoten abgelegt. Er weiß: Er hat so gut wie gewonnen.

Als Reilly vor 14 Tagen über Nacht zum GM-Europa-Chef befördert wurde, stand er vor einer unmöglichen Mission. Der Opel/Magna-Deal war geplatzt, Kanzlerin Angela Merkel brüskiert, 25000 Opelaner fürchteten um ihre Jobs. Das Image von GM in Deutschland war so mies wie nie zuvor. Reilly galt als der böse Knecht Ruprecht. Steuergeld für GM? Nichts da, tönte es landauf, landab.

Aber GM braucht, will Geld. Also gab Reilly den Weihnachtsmann, der in Europa von Standort zu Standort düste und für jeden ein Präsent aus dem Sack zog. Sein Kalkül scheint aufzugehen: Trotz aller gegenteiligen Beteuerungen versprechen Europas Politiker GM Steuergeld für Opel-Jobs. Auch Deutschlands Ministerpräsidenten können kaum noch Nein sagen.

Sicher, um feste Zusagen drücken sich Koch & Co. noch herum. Aber sie sagen auch nicht mehr Nein. Das ist weitaus mehr, als Reilly noch vor zwei Wochen hoffen durfte.

Mit großem Talent für kleine Gesten hat Reilly alle gegeneinander ausgespielt und ausmanövriert, Ministerpräsidenten gegen Minister, Regierungschefs gegen EU-Kommissare.

Den Boden für Reilly bereitet hat GM-Boss Fritz Henderson. Er war es gewesen, der Anfang November Kanzlerin Merkel telefonisch wissen ließ: "Sorry, but we keep Opel." Merkel weilte gerade in Washington, Stunden zuvor war sie vom US-Kongress bejubelt worden. Die Kanzlerin hatte monatelang für den Verkauf an den Zulieferer Magna und die russische Sberbank gekämpft. 4,5 Milliarden Euro hatte sie Opel dafür versprochen. Umsonst.

Eine Woche später macht Henderson in Berlin einen angedeuteten Kotau. Er entschuldigt sich ein bisschen. Und lässt durchblicken, dass er die Sanierung von Opel Reilly übertrage.

David Reilly, Spitzname "Nick", jener Brite? Die Arbeitnehmervertreter von Opel sind empört. Sie versuchen noch, Henderson davon abzubringen – erfolglos. Reilly, der eigentlich von Schanghai aus das Asien-Geschäft von General Motors leitet, hat den Ruf eines bulligen Sanierers. Er hat schon gedroht, Werke, die sich nicht rechneten, dichtzumachen, sogar daheim.

Als Chef der GM-Tochter Vauxhall ist es Reilly, der im Jahr 2000 den Kollegen im Werk im britischen Luton mitteilt, dass GM den Standort schließen wird. Hunderte Mitarbeiter stürmen daraufhin die Vauxhall-Zentrale, sie beschimpfen Reilly, ihren Landsmann, als "Judas". Denn zwei Jahre zuvor hatte der sich noch für die Rettung des Werks eingesetzt. Er hatte dafür gar auf sein Jahresgehalt von 160000 Pfund verzichtet.

Sie haben es ihm verziehen – auch weil Luton letztlich überleben durfte. Als GM Anfang November Magna aus dem Deal schubst und Reilly Tage später neuer Opel-Boss ist, ist die Begeisterung groß in England.