Deutsche-Bahn-Probleme Der Chef ist gefordert

Hat das Versagen bei der Bahn System? Rüdiger Grube, der neue Chef, will "den besten Service der Welt bieten", hatte er bei seinem Antritt im Mai verkündet. Näher gekommen ist Grube dem Ziel nicht.

Es geht voran mit der Eisenbahn, endlich. In China sausen Züge im Rennwagentempo durchs Land, ebenso in Russland, ausgerüstet mit Siemens-Technik, und bald im Emirat Katar. In ganz Europa werden die Züge moderner, klimaschonender, komfortabler.

Es geht abwärts mit der Bahn, schon wieder. Sündhaft teure deutsche ICEs, die bei geringen Minusgraden einfrieren, eine S-Bahn in Berlin, die nur einen Notfahrplan bedienen kann, dazu Mitarbeiter, die ihre Kunden oft ohne Informationen auf Bahnsteigen frieren lassen, zudem steigende Preise trotz stagnierender Inflation: Das ist die Deutsche Bahn anno 2009 – in einem Jahr, das wegen der unappetitlichen Datenaffäre und der Konjunkturkrise für sie ohnehin katastrophal war.

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Hat das Versagen bei der Bahn System? Es gibt einen, der das ändern will: Rüdiger Grube, der neue Chef. "Wir wollen den besten Service der Welt bieten", hatte er bei seinem Antritt im Mai verkündet. Das waren neue Töne. Endlich, so schien es, war einer gekommen, der sich nicht damit abfinden wollte. Der einen der unbeliebtesten Konzerne überhaupt führen wollte, den das Image vom Zuspätkommer, Renditejäger, Servicekiller nervte.

Näher gekommen ist Grube dem Ziel nicht. Für ihn spricht, dass er alle Hände voll zu tun hatte – er musste Sparprogramme auflegen und wegen der Datenaffäre Manager feuern. Nun ist die Schonzeit vorüber. Die Malaise am Jahresende fordert von Grube, was alle Vorgänger überfordert hat: den Kunden ins Zentrum zu stellen. Das ist banal – doch es scheint noch immer, als sei der Eisenbahnbetrieb dem Unternehmen und seinen Leuten ein Selbstzweck. Als habe der Konzern vergessen, warum es ihn überhaupt gibt: Damit Menschen und Güter mobil sind, zuverlässig und zu einem bezahlbaren Preis. Dazu leistet sich der Staat das System Schiene, für zehn Milliarden Euro im Jahr.

Dass eine Organisation nicht störungsfrei funktionieren kann, die an zwei Tagen Tag so viele Fahrgäste transportiert wie die Lufthansa in einem ganzen Jahr, liegt auf der Hand. Ebenso, dass eine Industrie Mitschuld trägt, die sich Züge teuer bezahlen lässt, die nicht alltagstauglich sind. Doch es geht nicht zuerst um Perfektion, sondern um ein Gefühl. Wer sich einen Fahrschein kauft, will informiert werden und spüren, dass man ihn ernst nimmt. Die Bahn weiß das, schafft es aber nicht, daraus Lehren zu ziehen.

Beginnen muss Grube damit bei der S-Bahn. Chefsache ist das Thema bislang nicht, offenbar ist es ihm eine Nummer zu klein. Ein gefährliches Kalkül – schließlich hat die Performance des Konzerns in Berlin, der Nahverkehrs-Hauptstadt Europas, eine Signalwirkung. Vermittelt die Bahn weiter den Eindruck, nur das Nötigste zu tun, um das Chaos zu beheben, wächst womöglich die Zahl derer, die die S-Bahn lieber in der Hand des Senats sehen. Auch wenn wenig dafür spricht, dass Berlin als Betreiber es besser machen würde als die Bahn.

Bei der S-Bahn geht es um mehr als um Verkehrsprobleme der Hauptstadt. Ein Stück weit entscheidet sich hier die Zukunft des Systems Eisenbahn. Globalisierung, der Klimaschutz, der Wunsch nach noch mehr Mobilität werden die nächsten Dekaden prägen. Angesichts verstopfter Straßen und durch Sicherheitskontrollen gelähmter Flughäfen kann nur die Schiene zusätzlichen Verkehr bewältigen. Daher muss sie ausgebaut, modern und zuverlässiger werden und vor allem Akzeptanz bei den Kunden finden. Dazu sind eine neue Politik und andere Prioritäten im Management nötig. Dann kann es auch hierzulande mit der Eisenbahn aufwärts gehen.

(Erschienen im Tagesspiegel vom 30.12.2009)

 
Leser-Kommentare
    • helgam
    • 30.12.2009 um 14:38 Uhr

    wenn ich an die vielen trostlosen Bahnhöfe in kleinen Orten denke,so bestätigt sich die Frage.
    Kommen Sie mal nach Weißenfels, nach Großheringen, nach Dornburg....... wer soll da noch ermutigt werden,mit der Bahn zu fahren?
    Es stinkt auf den Bahnhöfen, es zieht, kein Schalterbeamter, der freundlich Auskunft gibt, kaputte Panzerglasscheiben, stehende Uhren ...aber immer wieder neue FahrkartenAutomaten, durchrauschende ICEs und Fahrpreiserhöhungen.
    Warum diskutieren Sie nicht über den Irrsinn der geplanten Privatisierung?
    Die Menschen im Lande reden schon darüber-und viele sagen, daß die Bahn in DDR-Zeiten besser funktionierte, daß es Bahnmitarbeiter gab, die sich zuständig fühlten, daß es Ansprechpartner gab u.v.m. und keine regelmäßigen Fahrpreiserhöhungen, und keine verfallenden Bahnhofsgebäude. Fast immer gab es einen Warteraum, oft eine Gaststätte und Menschen, die hinter dem Schalter uns sahen.Wie kann ein Staat für den Klimaschutz sein, wenn er die umweltfreundliche Bahn als Gewinnsache privatisieren will und einseitig den Straßenausbau fördert und Bahnhöfe zu trostlosen NICHTORTEN verkommen läßt??????????

  1. den "besten Service der Welt" bieten will hat, er noch verdammt viel zu tun. Die Dinge sind ja bekannt: Von den Verspätungen über zu wenig Ersatzzüge bis zu fehlenden Fahrkartenautomaten und verfallenden Bahnhöfen (übringens nicht nur im Osten).

    Doch selbst wenn man Grube den besten Willen unterstellt. Er wird wenig erreichen, weil die Politik die Weichen falsch stellt: Die Auto- und Fluglobby diktiert weiterhin die Richtlinien, die Bahn hat seit Jahrzehnten keinen Leiter mehr, der vorher den Betrieb in seiner Arbeit kennengelernt hat (bei einer Autofirma schlicht undenkbar). Die Politik zeigt so, was sie von der Bahn hält: wenig. So sieht es dann auch aus. Es wird kräftig an den Bedürfnissen der Kunden (auch im Güterverkehr) und an den Betiebsnotwendigkeiten vorbeigemanaget, ganz nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum". Dafür gibt es viel Hochglanzwerbung. Ob das bei Grube anders wird?

    • matbhm
    • 30.12.2009 um 14:59 Uhr

    Zunächst sollte man nicht Müde werden, die eigentliche Ursache für das Debakel zu benennen: Mehdorn!!! Und Mehdorn wiederum war das Produkt eines anderen Debakels: Der Regierung Schröder!

    Aber: Ursächlich ist im Ergebnis die lachhafte Idee, die Bahn um jeden Preis an die Börse zu bringen. Das ist im Übrigen schon deswegen Quatsch, weil die Idee zu Zeiten betrieben wurde, als man mit Börsengängen aufgrund der wirtschaftlichen Euphorie noch richtig Geld sammeln konnte. Dass das richtig schief gehen kann, zeigte der Börsengang Telekom, der die Probleme der Telekom nicht gelöst, aber dafür eine Unmasse von Kleinanlegern, die von der Politik und der Telekom geködert worden waren, um ihre Ersparnisse gebracht hat.

    Der Börsengang kann nur bei absoluter Gewinnmaximierung und Renditesteigerung klappen. Und das heißt: Alles bei der Bahn, was nicht mindestens 10 % Rendite bringt, muss aus dem Angebot fliegen. Und bis auf wenige Fernstrecken und die Frachtsparte bringt ein großer Teil der Tätigkeit der Bahn überhaupt keine Rendite. Bahnverkehr ist nationale Aufgabe im Interesse aller Bürger. Sie darf nicht völlig außerhalb von Renditeüberlegungen liegen (wie es im alten Staatskonzern der Fall war), kann aber nicht den rein betriebswirtschaftlichen Überlegungen enes privaten Unternehmens unterliegen. Deswegen, liebe Bundesregierung und Bundestagsabgeordnete: Nehmt endlich Abschied von dem groben Unfug eines Börsengangs (der nicht umsonst laufend verschoben werden musste!).

  2. Russland und auch China gilt zu bedenken, dass auch dort auf den Schnellfahrstrecken ICE3-Varianten verkehren.

    Dass der Servie in der VRChina besser ist, ist selbstverständlich bei Ticketpreisen, die an unsere Preise heranreichen und bei Löhnen für die Bahnbediensteten, die nicht einmal ein Viertel unseres Lohnniveuas betragen.
    Auch ist die Anlage neuer Strecken in der VRChina recht einfach: Die im Weg liegenden Grundstücke werden ohne wenn und aber enteignet, die Leute umgesiedelt; es gibt keine Chance auf Einspruch.

    Wenn wir eine Bahn nach diesem Muster wünschen, brauchen wir nur die Löhne zu vierteln und Grundstücke mit lästigen Grundtsückseignern, die der Bahntrasse im Weg stehen, enteignen. Dann haben wir bald neue schnelle Trassen, Geld für gepflegte Bahnhöfe, auf denen dann Bedienstete herumeilen, die zu einem Minijob-Lohn eine 80-Stunden-Woche ableisten.

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    • Harzer
    • 30.12.2009 um 17:52 Uhr

    die arme DDR konnte sich eine einfache, oft improvisierte Bahn leisten, die aber für kleinen Preis jeden überall hin brachte.
    Die Reichsbahn erwirtschaftete daher keinen Gewinn und brauchte einen Staatszuschuß, den sich wiederum sogar die arme DDR leistete.
    Unser heutiger Ansatz ist falsch.
    Bahnverkehr ist eine öffendliche Aufgabe, erst recht unter heutigen Umweltbedingungen.
    Die Bundeswehr liefert Sicherheit.( jedenfalls im günstigen Fall )Wer würde mit der Bundeswehr an die Börse gehen und erwarten, daß sie Gewinn ( Beute ? ) abwirft ?
    Und, noch eine Frage: Was brauchen wir eigendlich im Zweifelsfall nötiger, eine Armee,oder eine Eisenbahn ?

    • Harzer
    • 30.12.2009 um 17:52 Uhr

    die arme DDR konnte sich eine einfache, oft improvisierte Bahn leisten, die aber für kleinen Preis jeden überall hin brachte.
    Die Reichsbahn erwirtschaftete daher keinen Gewinn und brauchte einen Staatszuschuß, den sich wiederum sogar die arme DDR leistete.
    Unser heutiger Ansatz ist falsch.
    Bahnverkehr ist eine öffendliche Aufgabe, erst recht unter heutigen Umweltbedingungen.
    Die Bundeswehr liefert Sicherheit.( jedenfalls im günstigen Fall )Wer würde mit der Bundeswehr an die Börse gehen und erwarten, daß sie Gewinn ( Beute ? ) abwirft ?
    Und, noch eine Frage: Was brauchen wir eigendlich im Zweifelsfall nötiger, eine Armee,oder eine Eisenbahn ?

  3. Ja, angeblich war das Schienennetz der Deutschen Reichsbahn so marode, dass dort hätten überhaupt keine Züge mehr rollen dürfen.
    Komisch nur, dass die Menschen wenigsten von jeder kleinen Klitsche (fast) pünktlich an ihre Ziele gelangten - auch ohne teuren ICE.
    Von Berlin konnte ich wenigstens um 14.15 Uhr in meinen Heimatort im Süden abfahren und war so um Mitternacht zu hause und das für knappe 19,- Mark mit der Arbeiterrückfahrkarte.
    Heute fahre ich für ein "Schweinegeld" mit -zigmaligem Umsteigen vielleicht noch gerade einmal bis Reichenbach, Zwickau oder Plauen und muss dann zusehen, dass ich eine Taxe bekomme und dann wird es richtig teuer.
    Unser alter Kleinstadtbahnhof ist eine Ruine und wird nur noch von der Vogtlandbahn angefahren.
    Mit der fahre ich übrigens sehr gerne, denn die ist im Vergleich mit der Bahn geradezu preiswert und meine Morgenzeitung gibt es kostenlos im Waggon. Auch kann ich so ganz nebenbei noch den ÖPNV des Verkehrsverbundes nutzen.
    Oft seufze ich auch, wenn ich an die gute alte Ost-Berliner S-Bahn denke, die mich bis zur Wende stets an meine Ziele gebracht hatte - die Straßenbahn und den Bus einbegriffen.
    Heute ist alles viel vornehmer, bequemer und mit teurer Elektronik gespickt - dem Klimawandel folgend.
    Leider gibt es immer noch diesen "Winter" im Winter und dann liegt mal wieder der ganze teure Verkehr lahm.

  4. Was nützen mir elektronische Anzeigen und bequemere Sitze unterm Hintern, wenn ich mit den Verkehrsmitteln überhaupt nicht mehr pünktlich von A nach B komme oder wie ein "DDR-Volksfisch" in der Makrelendose -sprich: Waggon- stehen darf oder mir die Gliedmaßen an den Haltestellen weg friere, weil nix fährt?
    Wie hat uns doch der gute alte Helmut damals angelogen, dass jedem Bahner sein Arbeitsplatz sicher sei.
    Heute ist nur eines sicher:
    Die Bahn kommt - vielleicht irgendwann...!

    • Harzer
    • 30.12.2009 um 17:52 Uhr

    die arme DDR konnte sich eine einfache, oft improvisierte Bahn leisten, die aber für kleinen Preis jeden überall hin brachte.
    Die Reichsbahn erwirtschaftete daher keinen Gewinn und brauchte einen Staatszuschuß, den sich wiederum sogar die arme DDR leistete.
    Unser heutiger Ansatz ist falsch.
    Bahnverkehr ist eine öffendliche Aufgabe, erst recht unter heutigen Umweltbedingungen.
    Die Bundeswehr liefert Sicherheit.( jedenfalls im günstigen Fall )Wer würde mit der Bundeswehr an die Börse gehen und erwarten, daß sie Gewinn ( Beute ? ) abwirft ?
    Und, noch eine Frage: Was brauchen wir eigendlich im Zweifelsfall nötiger, eine Armee,oder eine Eisenbahn ?

    • Jativa
    • 30.12.2009 um 18:04 Uhr

    Die ICE sind winteranfällig, weil sie vom Hersteller nach Vorgabe der Bahn so gebaut wurden. Man kann natürlich Züge für Einsatztemperaturen z.B. bis -40 Grad bauen, dann muß aber auch so bestellt werden. Da galt (wie bei den bekannten Materialschwächen, die zeitweise die ICE-Flotte mehr oder weniger lahm legten): Hauptsache billig.
    Es könnten viele Sachen vereinfacht werden (das würde dann preiswert statt billig heißen), die Züge fahren bei -20 Grad sicher und es gäbe keine Probleme mit Achsen und Radreifen. Dann muß entsprechende Qualität von Technik und Material von der Bahn gewollt sein, statt den Hersteller zum Einsatz von Billigmaterial zu drängen.
    Bleibt zu hoffen, daß die Beteiligten aus den Problemen und Desastern lernen, solange die neuen ICE noch nicht bestellt sind.

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