Der Vorstoß kommt überraschend: Der Discounter Lidl kann sich vorstellen, dass im Einzelhandel Mindestlöhne eingeführt werden, um Lohndumping zu verhindern. Das geht aus einem Schreiben hervor, das Klaus Gehrig, Chef der Lidl-Muttergesellschaft Schwarz Unternehmenstreuhand und Aufsichtsratschef von Lidl, an den Bremer Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel geschickt hat.

Auch mehrere Zeitungen erhielten den Brief. "Wir teilen (...) Ihre Auffassung, dass im Einzelhandel unbedingt Mindestlöhne eingeführt werden müssen", zitiert die Financial Times Deutschland (FTD) aus dem Schreiben an Hickel. "Damit würde die Möglichkeit und der Missbrauch von Lohndumping, der auch vereinzelt im Handel zu sehen ist, unterbunden."

Hickel gilt als scharfer Lidl-Kritiker. Erst kürzlich hatte er in einer Fernsehsendung die Praxis des Unternehmens moniert. Auch die Gewerkschaft ver.di wandte sich mit dem 2004 sowie 2006 veröffentlichten Schwarzbuch Lidl gegen den Discounter. Sie wirft dem Einzelhändler unter anderem "Arbeitshetze" und "schikanöse Kontrollen" vor. 2008 sowie 2009 räumte Lidl ein, systematisch sensible Daten über seine Mitarbeiter gesammelt zu haben.

Beobachter werten die Mindestlohn-Initiative Lidls daher als Versuch, den ramponierten Ruf aufzupolieren. Gehrig nennt in seinem Schreiben auch keine konkreten Zahlen. Bisher werden in tarifgebundenen Unternehmen je nach Bundesland im Minimum zwischen sieben und 8,70 Euro gezahlt. Für einen ausgebildeten Verkäufer liegt der Lohn bei zwölf Euro. Das Statistische Bundesamt gibt den durchschnittlichen Bruttolohn pro Monat mit 2400 Euro an.

Der Lidl-Vorstoß dürfte Bewegung in die Debatte um die Arbeitsbedingungen in der Branche bringen. Denn auch andere Handelsunternehmen, der Einzelhandelsverband HDE sowie ver.di zeigten sich grundsätzlich aufgeschlossen. Ein Sprecher des größten deutschen Handelskonzerns Metro sagte, man sei offen für eine tarifliche Festlegung, "aber strikt gegen staatliche Mindestlöhne". Diese würden vorliegen, wenn der Staat die Höhe einer Lohnuntergrenze festlege.

Der Einzelhandelsverband kündigte eine Vereinbarung mit ver.di bis zum nächsten Jahr an. Gemeinsam mit der Gewerkschaft erarbeite man derzeit eine Tarifstruktur, "zu der auch ein für alle verbindliches tarifliches Mindestentgelt gehören soll", sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. "Wir erwarten, dass wir die Verhandlungen bis zum Frühjahr 2011 erfolgreich abschließen werden." Dann werde es eine für alle Unternehmen des Einzelhandels verbindliche, von den Sozialpartnern festgelegte Lohnuntergrenze geben.

Die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Margret Mönig-Raan äußerte sich zurückhaltender: "Wenn Lidl die Ankündigung, sich für einen Branchenmindestlohn im Handel stark zu machen, ernst meint, ist das prinzipiell zu begrüßen." Allerdings sei die Branche von einer solchen Regelung noch weit entfernt. Auch über die Höhe des Mindestlohns gebe es noch keine Einigkeit. Eine ver.di-Sprecherin sagte ZEIT ONLINE, die Lohnuntergrenze müsse "eher zehn als sieben Euro" betragen.

Der HDE sowie ver.di versuchen seit Längerem, einen neuen Branchentarifvertrag auszuhandeln. Sollte sich die Forderung nach einem Mindestlohn durchsetzen, wäre der Einzelhandel nach dem Bau, den Gebäudereinigern und der Abfallwirtschaft der bislang größte Wirtschaftszweig mit einer entsprechenden Vereinbarung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.