EinzelhandelLidl will den Mindestlohn

Der Einzelhandel strebt eine tarifliche Lohnuntergrenze bis 2011 an. Nun schließt sich auch der Discounter Lidl an, nachdem ihm selbst Dumpinglöhne vorgeworfen wurden.

Der Vorstoß kommt überraschend: Der Discounter Lidl kann sich vorstellen, dass im Einzelhandel Mindestlöhne eingeführt werden, um Lohndumping zu verhindern. Das geht aus einem Schreiben hervor, das Klaus Gehrig, Chef der Lidl-Muttergesellschaft Schwarz Unternehmenstreuhand und Aufsichtsratschef von Lidl, an den Bremer Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel geschickt hat.

Auch mehrere Zeitungen erhielten den Brief. "Wir teilen (...) Ihre Auffassung, dass im Einzelhandel unbedingt Mindestlöhne eingeführt werden müssen", zitiert die Financial Times Deutschland (FTD) aus dem Schreiben an Hickel. "Damit würde die Möglichkeit und der Missbrauch von Lohndumping, der auch vereinzelt im Handel zu sehen ist, unterbunden."

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Hickel gilt als scharfer Lidl-Kritiker. Erst kürzlich hatte er in einer Fernsehsendung die Praxis des Unternehmens moniert. Auch die Gewerkschaft ver.di wandte sich mit dem 2004 sowie 2006 veröffentlichten Schwarzbuch Lidl gegen den Discounter. Sie wirft dem Einzelhändler unter anderem "Arbeitshetze" und "schikanöse Kontrollen" vor. 2008 sowie 2009 räumte Lidl ein, systematisch sensible Daten über seine Mitarbeiter gesammelt zu haben.

Beobachter werten die Mindestlohn-Initiative Lidls daher als Versuch, den ramponierten Ruf aufzupolieren. Gehrig nennt in seinem Schreiben auch keine konkreten Zahlen. Bisher werden in tarifgebundenen Unternehmen je nach Bundesland im Minimum zwischen sieben und 8,70 Euro gezahlt. Für einen ausgebildeten Verkäufer liegt der Lohn bei zwölf Euro. Das Statistische Bundesamt gibt den durchschnittlichen Bruttolohn pro Monat mit 2400 Euro an.

Der Lidl-Vorstoß dürfte Bewegung in die Debatte um die Arbeitsbedingungen in der Branche bringen. Denn auch andere Handelsunternehmen, der Einzelhandelsverband HDE sowie ver.di zeigten sich grundsätzlich aufgeschlossen. Ein Sprecher des größten deutschen Handelskonzerns Metro sagte, man sei offen für eine tarifliche Festlegung, "aber strikt gegen staatliche Mindestlöhne". Diese würden vorliegen, wenn der Staat die Höhe einer Lohnuntergrenze festlege.

Der Einzelhandelsverband kündigte eine Vereinbarung mit ver.di bis zum nächsten Jahr an. Gemeinsam mit der Gewerkschaft erarbeite man derzeit eine Tarifstruktur, "zu der auch ein für alle verbindliches tarifliches Mindestentgelt gehören soll", sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. "Wir erwarten, dass wir die Verhandlungen bis zum Frühjahr 2011 erfolgreich abschließen werden." Dann werde es eine für alle Unternehmen des Einzelhandels verbindliche, von den Sozialpartnern festgelegte Lohnuntergrenze geben.

Die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Margret Mönig-Raan äußerte sich zurückhaltender: "Wenn Lidl die Ankündigung, sich für einen Branchenmindestlohn im Handel stark zu machen, ernst meint, ist das prinzipiell zu begrüßen." Allerdings sei die Branche von einer solchen Regelung noch weit entfernt. Auch über die Höhe des Mindestlohns gebe es noch keine Einigkeit. Eine ver.di-Sprecherin sagte ZEIT ONLINE, die Lohnuntergrenze müsse "eher zehn als sieben Euro" betragen.

Der HDE sowie ver.di versuchen seit Längerem, einen neuen Branchentarifvertrag auszuhandeln. Sollte sich die Forderung nach einem Mindestlohn durchsetzen, wäre der Einzelhandel nach dem Bau, den Gebäudereinigern und der Abfallwirtschaft der bislang größte Wirtschaftszweig mit einer entsprechenden Vereinbarung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

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Leserkommentare
  1. Es ist leider eine Tatsache, dass sich unsere Gesellschaft schizophren verhält. Während es auf der einen Seite ständig Krokodilstränen über die angeblich schrecklichen Arbeitsbedingungen bei Lidl, Schlecker und Co. gibt, laufen wir auf der anderen Seite jedem Schnäppchen im Discounter hinterher. Und es sage niemand, dies sei nur deshalb so, weil man sich die anderen Geschäfte nicht leisten könne. Wer immer nur nach dem Motto "Billig,billig,billig" einkauft, ist ja mit Schuld daran, dass es immer mehr Menschen gibt, die sich kaum noch etwas leisten können.

    Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber mir kommt es so vor, als sei in Deutschland diese Raff- und Geizmentalität besonders verbreitet.

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    • Deftone
    • 17. Februar 2010 14:44 Uhr

    Haben sie schonmal daran gedacht, dass es sehr viele mesnchen gibt, die sich nur billig leisten können?

    ... die Verantwortung für Missstände in der Herstellung und im Handel auf den Endverbraucher abzuschieben.

    Wie, um alles in der Welt, soll ich denn im Laden feststellen können, ob die Arbeiter auf der Kaffeeplantage ordentlich bezahlt werden oder wenigsten 14 Jahre alt waren?

    Es ist ein typisch übler Trick der verbesserungsunwilligen, marktgläubigen Liberalen, denen die Verantwortung zuzuschieben, die am wenigsten Zugang zu Informationen haben. Wie soll ich denn feststellen können, wie eine Einzelhandelsangestellte bezahlt wird? wie soll ich denn feststellen können, ob sie ihre Überstunden abrechnen darf?

    Wenn man wirklich Verbesserungen will, kann das nur über allgemeingültigen Vorschriften und Gesetze passieren. Innerhalb dieser Gesetze kann dann der Konkurrenzkampf der Anbieter stattfinden. Der Endverbraucher muss immer davon ausgehen, dass er in einem normalen Laden reguläre Ware kauft. Wie soll er denn nachprüfen, ob gerade der eine Artikel aus Asien unter sklavischen Bedingungen produziert wurde oder der andere daneben unter vertretbaren?

    Paart sich die Methode, die Verantwortung an den Endverbrauchern durch zu reichen, mit der Weigerung dem Verbraucher Informationen über die Entstehung der Ware zukommen zu lassen, bildet das ein sehr realistisches Bild des heute üblichen kapitalverherrlichenden und menschenfeindlichen Liberalismus.

    Der deutsche Verbraucher ist ja so unschuldig. Er denkt, die Discounter machten ihre billigen Preise nur aus reiner Menschenfreundlichkeit.

    Man muss wenigstens so ehrlich sein, zuzugeben, dass man durch seine Einkäufe beim Billigheimer auch seinen Teil Mitverantwortung daran trägt, dass die Löhne so billig sind. Warum beklagen sich die Michbauern? Warum fordern Eine-Welt-Organisationen faire Preise? Warum drängen Gewerkschaften auf Mitbestimmung? In welcher Welt lebt denn derjenige, der davon noch nie gehört hat?

    Die typische Verbrauchermentalität: Dort den Kaffee kaufen, wo er am billigsten ist und gleichzeitig darüber jammern, dass den Kaffeebauern kein fairer Lohn gezahlt wird.

    Es gab Jahrzehnte in Deutschland, da waren Kaffee, Schokolade u.v.m Luxusgüter, weil sie teuer waren. Heute scheint es geradezu als Grundrecht angesehen zu werden, sie zu Schleuderpreisen erwerben können und wenn es auch zu Lasten ihrer Produzenten geht.

    Wer beim Discounter, zumindest bei manchen, einkauft, unterstützt Billiglöhne, Mitarbeiterüberwachung, Verrohung der Handelssitten, Verarmung in den Herstellerländern.

    Es ist doch gerade die neoliberale Wirtschaftsideologie, die diese Zusammenhänge gerne ausblenden will, indem sie allein Preis und Gewinn zu ihren Leitgrößen erhoben hat.

    • Gerry10
    • 17. Februar 2010 14:17 Uhr

    Sechs Menschen sterben dank "Lidl Qualität" und plötzlich ist man für den Mindestlohn.
    Wenn da mal nicht einer ablenken will....

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    • 2eco
    • 17. Februar 2010 14:27 Uhr

    Die Ablenkung ist anscheinend gut Gelungen (zumindest auf ZEIT.de).

    LIDL Mindestlohn ist die TOP-Meldung und den Käse-Skandal findet man ganz weit unten, wenn man sucht.

    • Deftone
    • 17. Februar 2010 14:45 Uhr

    Politik ist eben wichtiger als tatsächliche Menschen. Hier redet man über Milchbauern, währen millionen Kühe sterben, weil sie keine Milch mehr geben können. Am ende zählt doch nur das Geld. Alles andere interessiert den Staat, interessiert die Zeitungen nicht.

    • Lapje
    • 17. Februar 2010 14:53 Uhr

    Hat Lidl den Käse selber hergestellt?

    Also schön bei den Fakten bleiben...

  2. Es geht noch schäfer: die im europäischen Vergleich zu langen Ausbildungszeiten als Verkäufer ermöglichen Lidl & Co. sich an Azubis zu bereichern. Eine 3-jährige Ausbildung ist eine reine Abzocke, teilweise gibt es schon Azubi-Filialen. So vera... man das Volk

    • 2eco
    • 17. Februar 2010 14:27 Uhr

    Die Ablenkung ist anscheinend gut Gelungen (zumindest auf ZEIT.de).

    LIDL Mindestlohn ist die TOP-Meldung und den Käse-Skandal findet man ganz weit unten, wenn man sucht.

    Antwort auf "Ach Ja?"
  3. Kleiner Leitfaden für Krisen-PR, Kapitel 1: Tarnen und täuschen.

  4. "Dank LIDL" Qualität sterben...

    ist etwas überzogen, denn erstens ist LIDL nicht der Produzent und zweitens sind mehrere Einzelhändler betroffen:

    "Wegen Listeria-Bakterien ruft das steirische Unternehmen Prolactal mehrere Käsesorten aus dem Handel in Österreich und Deutschland zurück. Laut Sebastian Wimmer von der Geschäftsführung der Hartberger Firma ist in Österreich "das ganze Handelsnetz" betroffen, darunter Märkte von Spar und der Rewe-Gruppe; in Deutschland nur Lidl-Märkte."

    http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/534984/index.do?direct=54...

    • SDA
    • 17. Februar 2010 14:43 Uhr

    Eine Mindestlohnforderung ist für Lidl durchaus sinnvoll. Hier gilt jetzt schon die Devise, dass auch ungelernte Kräfte ein Einstiegsgehalt beziehen, das dem einer Einzelhandelsausbildung entspricht. Der Mindestlohn würde also nur die Konkurrenz betreffen.

    • Deftone
    • 17. Februar 2010 14:44 Uhr

    Haben sie schonmal daran gedacht, dass es sehr viele mesnchen gibt, die sich nur billig leisten können?

    Antwort auf "Gier-Gesellschaft"
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    • guido-k
    • 17. Februar 2010 15:19 Uhr

    leider haben Sie die Entstehung des Teufelskreises auf den der Verfasser HealingCross aufmerksam machen wollte, nicht verstanden. Genau wie er sehe ich das aber auch, es ist eine Abwärtsspirale in Gang gekommen, indem auch die wohlhabenden Schichten das Geschäftsmodell 'geiz ist geil' unterstützen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP
  • Schlagworte Ver.di | Lidl | Statistisches Bundesamt | Abfallwirtschaft | Discounter | Euro
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