Opel-Betriebsrat Einenkel Der tragische Held tritt noch mal an

Keine Autofabrik in Europa kämpft verbissener ums Überleben als Opel in Bochum. Betriebsratschef Rainer Einenkel feilscht um jede Stunde Lebenszeit für sein Werk – und weiß doch, dass es dem Tode geweiht ist. Es geht um seine Wiederwahl.

Wenn Rainer Einenkel mit seinem Opel Insignia am Dienstag im Morgengrauen auf den Parkplatz des Werks rollt, haben die ersten seiner Opelaner bereits ihr Urteil über ihn gefällt. Seit Mitternacht sind die Wahllokale bei Opel Bochum geöffnet, 24 Stunden lang, der Betriebsrat wird neu bestimmt.

Bis zur letzten Minute wird Betriebsratschef Einenkel kämpfen, wie immer. Er wird noch mal alle abklappern, Hände schütteln, sich sehen lassen. In allen deutschen Opel-Werken wird heute der Betriebsrat neu gewählt, doch nirgendwo gibt es so viele gegnerische Grüppchen wie hier.

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So war das immer schon in Bochum, wo sogar die IG Metall um Mehrheiten fürchten musste gegen die Umtriebigen von links und von ganz-weit-links. Bochums Opelaner sind für ihre Streitlust berüchtigt, von ihrem Führer erwarten sie nichts weniger als Heldentum – und sei der Kampf auch noch so aussichtslos.

Rainer Einenkel ist ein kleiner, eher unauffälliger Mann. Sein Gesicht wirkt blass, die Lippen sind schmale Striche. Helden sehen gemeinhin anders aus. Dennoch ist er einer – wenn auch ein tragischer.

Sein Opel-Werk in Bochum steht seit Jahren vor dem Aus. Sparrunde folgt auf Sparrunde, die Belegschaft schrumpft, investiert wurde kaum noch. Irgendwann, Rainer Einenkel weiß das, ist Schluss. Dann dürfte Bochum seit Jahrzehnten das erste Autowerk in Deutschland sein, das geschlossen wird.

Aufgeben? "Die Sturheit zeichnet uns im Ruhrgebiet aus", sagt Einenkel. Seine Stimme klingt so matt, als habe er sie durch einen Schalldämpfer gepresst. Weiterkämpfen will er, wenn er wiedergewählt wird, streiten um jede zusätzliche Stunde Lebenszeit für sein Werk. Weil das kaum einer so verbissen tut wie er, ist Einenkel zum Vorbild geworden, zum Studienobjekt für andere Gewerkschafter, deren Fabriken ebenfalls überflüssig oder zu alt sind.

Einer wie Einenkel hat eigentlich nur noch Gegner: Das Management, andere Betriebsräte, die eigenen Kollegen, die Autokonjunktur – alles arbeitet gegen ihn und sein Ziel. Einenkels Kampf erinnert an den von Herkules gegen die Wasserschlange Hydra: Jedes Mal, wenn der Sohn des Zeus der Bestie mit seiner Keule einen der neun Köpfe zerschmettert hat, wachsen zwei neue nach. Vielleicht wäre auch Rainer Einenkel gerne ein Halbgott. Aber er ist keiner.

Ein Tag im Februar. Einenkel betritt die Endmontage in Werk I. An Infobrettern klebt Wahlwerbung, briefmarkenklein sind die Fotos der Spitzenkandidaten – alles Kollegen, die ihm die Macht im Betriebsrat streitig machen wollen. Um elf Uhr heult eine Sirene los. "Jetzt hätten die Kollegen eigentlich Pause", sagt Einenkel. Eigentlich, denn außer der Putzfrau, die mit einem Mopp den Boden feudelt, ist niemand da. Nur die Lüftung rauscht. Das Bockband, an dem die Opelaner sonst alle 80 Sekunden die "Hochzeit" eines Astras oder Zafiras feiern – die Verbindung zwischen Motor, Fahrwerk und Karosserie –, steht still.

Seit über einem Jahr wird in Bochum kurzgearbeitet, bis zu zehn Tage pro Monat. Grund sind die Autokrise und die Opelkrise, aber nicht nur. Das Werk gilt als veraltet. Und dafür ist auch Einenkel, 55, verantwortlich: "Wir haben uns in den letzten Jahren älter geredet, als wir sind, weil wir Druck machen und Investitionen eintreiben wollten." Etwas leiser schiebt er nach: "Das war nicht immer klug."

Denn wer alt scheint, sieht nun alt aus in der Branchenkrise. Vor allem in Europa und den USA gibt es zu viele Autowerke. "Weltweit können die Hersteller 94 Millionen Autos pro Jahr bauen, gekauft werden aber 30 Millionen Fahrzeuge weniger", rechnet Fiat-Boss Sergio Marchionne vor. Da sind Werksschließungen nur eine Frage der Zeit.

Gerade macht Marchionne eine Fiat-Fabrik auf Sizilien dicht, trotz heftiger Proteste der Arbeiter. Opel schließt das Werk Antwerpen. Mercedes und BMW verlegen die Produktion wichtiger Modelle nach China und Amerika.

Einenkel kennt die Experten, die ihm vorrechnen, dass die Autokonzerne ihr Geld nur noch in neuen Märkten in Fabriken stecken. Brasilien, Russland, Indien, China: "Viele investieren dort bereits oder wollen es in Zukunft tun", sagt Branchenexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. "Und wer in den Bric-Staaten Autos verkaufen will, der muss früher oder später Werke vor Ort haben – eher früher."

Eine alte Fabrik in Bochum? Ist eigentlich nicht mehr erforderlich.

Einenkel kennt seinen Markt. Zwar verspricht die Opel-Mutter General Motors, 1,9 Milliarden Euro in Europa zu investieren. Aber Einenkel lässt sich nicht täuschen. "Machen wir uns nichts vor: Das Problem der Überkapazität ist dadurch nicht vom Tisch. Heute ist es Antwerpen, morgen vielleicht Bochum. Kein Werk ist sicher."

Mit allen Mitteln versucht Einenkel, im seit 16 Monaten tobenden Opel-Drama dem Showdown für Bochum zu entkommen. Im November 2008 ruft Opel nach Staatshilfe, dann geht GM in die Insolvenz, der Zulieferer Magna soll als Retter her.

Erst sind die US-Manager dafür, dann dagegen. "Sorry, but we keep Opel", lassen sie Anfang November 2009 wissen. Auch Einenkel wollte die Amerikaner loswerden, nun bleiben sie doch. Der neunköpfigen Hydra sind neue Köpfe gewachsen.

Frankfurt, 9. Februar 2010. Der stämmige Mann auf dem Podium ist Einenkels natürlicher Feind – und sein stärkster. Opel-Chef Nick Reilly präsentiert seinen Rettungsplan. 20 Prozent der Kapazitäten sollen weg, Antwerpen wird dichtgemacht, 8300 Jobs – davon knapp die Hälfte in Deutschland – streicht Reilly. Ruhig spricht er all das aus, dann blickt er ernst ins Publikum: "Wir haben keine Zeit zu verlieren." Reilly will den Showdown, wieder einmal, will testen, wie schnell Gewerkschafter wie Einenkel reagieren, wie sie dagegenhalten.

Bochum trifft es härter als andere Standorte, 1799 Jobs sollen wegfallen, fast jeder dritte im Werk. Also zückt Rainer Einenkel wieder seine Keule. Ein paar Stunden, nachdem Reilly in Frankfurt seinen Plan verkündet hat, steht Einenkel im Empfangsbereich im Werk I in Bochum, sie nennen ihn das "Wohnzimmer". Ein Springbrunnen plätschert, ein auf Hochglanz poliertes, rotes GT-Coupé erinnert an die Blütezeit. 1962 lief hier der Kadett vom Band. Opel, das war für die Bochumer nicht nur eine Fabrik. Opel verkörperte den Strukturwandel, die Hoffnung Tausender nach dem großen Zechensterben.

In den 60er- und 70er-Jahren war Opel der zweitgrößte deutsche Autobauer. Dann rutschte die Marke ab, weil die Autos immer schlechter wurden. 2009 kehrte Opel auf Platz zwei zurück, ein trügerisches Comeback, das Opel allein der Abwrackprämie verdankte.

Auftritt des Betriebsratschefs. Einenkel fährt sich mit der Zunge ein paarmal über die Lippen. Dann sagt er, was er sagen muss: "Wir werden jeden Arbeitsplatz verteidigen." Die Hydra hat viele Köpfe.

Neben Rainer Einenkel steht Klaus Franz, der Chef des Opel-Gesamtbetriebsrats. Aus dem Stammwerk Rüsselsheim ist er herbeigeeilt. Von Franz heißt es, er sei der eigentliche Chef bei Opel. Beide tragen dunkle Rollkragenpullover unterm Sakko. Das ist aber auch schon alles, was sie eint.

In Wahrheit ist Franz ein Gegner von Einenkel, vielleicht gar sein gefährlichster. Zwischen den Betriebsräten tobt ein Wettstreit um Arbeit. In Bochum soll ab Herbst 2011 der neue Zafira vom Band laufen, aber das reicht nicht. Ohne eine zweite Modellreihe "geht es Bochum an den Lebensnerv", sagt Einenkel. Er hofft auf den neuen Astra Caravan.

Doch Klaus Franz will den Kombi für Rüsselsheim – koste es, was es wolle. Denn das Stammwerk benötigt Ersatz für Saab. GM hat die marode Tochter gerade verkauft.

Nun erst recht beäugt Einenkel jeden Schritt von Franz. Mutmaßungen machen die Runde, Gespräche soll es gegeben haben zwischen Managern, Franz und belgischen Gewerkschaftern. Eine Verschwörung? "Im Zusammenhang mit Verkaufsabsichten für das Werk Antwerpen soll zugesagte Produktion nicht nach Bochum kommen", mahnte Einenkel vergangenen Freitag in einer E-Mail an seine Bochumer Opelaner. Das gefährde weitere 1000 Jobs an der Ruhr. "Das wäre der schleichende Tod für das Bochumer Werk."

Sein Werk in Todesgefahr reden und dann das Überleben nachher zum Erfolg erklären: Es ist eine Strategie, die Einenkel immer wieder nutzt. Er weiß, dass er jeden Erfolg braucht, um seine Leute glauben zu lassen, dass Opel in Bochum eine Zukunft hat. Dabei scheint es schon heute manchmal, als habe Bochum Opel schon längst vergessen.

Anfang Februar im Kongresszentrum in Bochum: Auf 7500 Quadratmetern veranstaltet Autopapst Ferdinand Dudenhöffer das "CAR-Symposium", Branchenprominenz tummelt sich im feinen Zwirn. Alle sind sie da: Audi, BMW, Ford, Porsche, Daimler. Opel? Fehlt. – Kein Stand, keine Hostessen, keine Kugelschreiber. Als Hauptredner wollte Opelchef Reilly für "New Opel" trommeln, Kataloge mit seinem Konterfei waren bereits gedruckt, da sagte Reilly per E-Mail ab.

Einenkels Auftritt im "Wohnzimmer" ist vorbei, die Mikrofone sind weg und auch Klaus Franz. Einenkel wirkt erleichtert, er nimmt den Aufzug in den dritten Stock. Hier liegt sein Büro, mit Vorzimmer und eigener Sekretärin. Alles etwas grau und angestaubt, aber großzügig. Wie oft hat er hier gesessen und gedacht, es ginge nicht weiter. Hat immer neue Pläne gewälzt, die prophezeiten: Bochum wird geschlossen. 2004 haben sie in Bochum sieben Tage gestreikt für ihr Werk.

"Bis heute ist nichts passiert", sagt Einenkel. Seine Hoffnung? Der "europäische Zukunftsvertrag". Die Bochumer konnten Ex-GM-Chef Carl-Peter Forster darin die Zusage abringen, bis 2016 gebe es keine betriebsbedingten Kündigungen. Und was hat Einenkel nicht alles herausgeholt: Den Drei-Schicht-Betrieb hat er gerettet, und die 700 Mitarbeiter, die letztes Jahr hätten gehen sollen, sind auch noch da.

Einenkel weiß auch: Das Werk in Antwerpen hatte den gleichen Vertrag – nun soll es abgewickelt werden. "In Deutschland wäre eine Schließung nicht so einfach", sagt er trotzig. "Bei uns wären die juristischen und finanziellen Hürden viel höher."

Und in Nordrhein-Westfalen auch die politischen: Für Ministerpräsident Jürgen Rüttgers geht es bei der Landtagswahl im Mai um alles. Verliert er, ist Kanzlerin Angela Merkel ihre Mehrheit im Bundesrat los. "Ich bin nicht traurig, dass es auf die Wahl zugeht", sagt Einenkel. Er, der früher mal in der DKP war, vereint mit dem CDU-Mann Rüttgers.

Dass es so weit kommen würde, hätte Einenkel 1972, als er eine Elektrikerlehre bei Opel Bochum begann, nie gedacht. Nie würde er einen Wahlaufruf für Rüttgers unterschreiben: "Aber ich wäre fehl in meinem Job, wenn ich nicht mit jedem, der Druck machen kann, reden würde."

Manchmal scheint es gar, als sei Rüttgers Einenkels letzter Alliierter. Kaum gibt es eine neue Hiobsbotschaft von GM, fährt Rüttgers in Bochum vor und gibt, Seit' an Seit' mit Einenkel, den Arbeiterführer. Doch längst nicht alle Opelaner honorieren die politischen Dehnübungen ihres Betriebsratschefs.

Ein Sonntagmorgen in Bochum-Langendreer, im "Kaiserhof" hockt ein Dutzend Einenkel-Gegner um einen Tisch. Sie heißen Norbert, Günther oder Harry, und fast alle quarzen, was das Zeug hält. In ihren Tassen dampft Kaffee, schwarz.

Die Liste "Klartext" berät über die Wahlkampfstrategie, sie treten bei der Wahl heute gegen Einenkels Liste "Wir Gemeinsam" an. Ebenso wie die Konkurrenten von Listen wie "Gegenwehr" oder "Offensiv".

"Reilly ist ein knallharter Sanierer, da gibt's 'no mercy'", sagt Peter Gabriel, ihr Anführer. Er krempelt die Ärmel hoch. Wie Einenkel ist auch Gabriel Mitglied im Betriebsrat, aber er will ganz anders kämpfen gegen die Hydra. Einenkel ist ihnen zu passiv, so sei nichts zu gewinnen. Streiken? Warum nicht?

Noch deutlicher wird der Unwillen gegenüber Einenkel im Internetforum Opelaner.eu – im Schutz der Anonymität freilich. So schreibt einer: "Werdet endlich wach, sonst ist Bochum platt!" Und ein anderer fragt: "Wann gehen wir endlich wieder auf die Straße, um unsere Arbeitsplätze zu retten?"

Schon 2004 hatte das wenig gebracht. Am Ende stimmten die Betriebsräte zu, 2800 Stellen abzubauen. 10.000 Mitarbeiter hatte Opel in Bochum damals, heute ist es nur noch die Hälfte. Einenkel, damals Vizechef im Betriebsrat, legte seinen Posten nieder: Er fühlte sich verantwortlich für die Niederlage gegen GM. Doch sie haben ihn wieder gewählt.

Mittwoch Nachmittag, wenn alle Stimmen gezählt sind, wird er wissen, ob er es noch mal geschafft hat. Wenn ja, setzt er sich mit seinem Team zusammen und sucht neue Antworten auf die ewige Frage: Wie kann Bochum weiterleben?

Erschienen am 9. März auf Handelsblatt Online

 
Leser-Kommentare
  1. Insbesondere im Opel-Werk in Bochum buchstabierten vor rund sechs Jahren dessen Angehörige die universale Kategorie der Einheitsfront aller Arbeiter massiv falsch. Schlösse das Unternehmen das dortige Werk, bliebe der Verlust also gleich Null. Ein Erhalt hingegen schonte zutiefst abgründig.

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