China"Die Hälfte des Wachstums findet in Asien statt"

China überspringt gerade mehrere Entwicklungsstufen und bietet deshalb enorme Chancen, erklärt BASF-Chef Hambrecht. Gleichwohl müsse man über Handelsbarrieren sprechen.

Arbeiter in einer Automobilfabrik in Ningbo/China

Arbeiter in einer Automobilfabrik in Ningbo/China

Frage: Herr Hambrecht, viele reden von der Chinablase. Wie stabil ist das Wachstum in China?

Jürgen Hambrecht: Die Chinesen sagen selbst, dass das Wachstum zu überhitzen droht, und drosseln gerade sachte die Konjunktur. Der neue Fünfjahresplan fordert eine Umorientierung der wirtschaftlichen Entwicklung. Sie können sicher sein, dass dieser Fünfjahresplan auch umgesetzt wird. So wird etwa bei der Ressourcenschonung mehr gemacht, als viele glauben. Allerdings: China ist eine Aufholwirtschaft. Deshalb wird die Volksrepublik auf absehbare Zeit ein Wachstum zwischen acht und zehn Prozent haben. Das werden die Chinesen schaffen, ohne Zweifel.

Anzeige

Frage: Sie outen sich damit als gnadenloser China-Optimist.

Hambrecht: Nein, in die Ecke lasse ich mich nicht stellen. Ich bin Realist. Nicht mehr und nicht weniger.

Frage: Muss dem Westen Chinas Erstarken Angst machen?

Hambrecht: Keinesfalls. Wer vor Asien Angst hat, hat einen schlechten Ratgeber. Asien bietet für die deutsche Wirtschaft enorme Chancen. Das sehen wir ja gerade jetzt in dieser Krise. China trägt maßgeblich zu Stabilisierung der Weltwirtschaft bei. Das heißt für deutsche Unternehmen, dass sie unbedingt global aufgestellt sein müssen, mit einem starken Standbein in Asien. In vielen Bereichen der deutschen Industrie findet 50 Prozent des künftigen Wachstums in Asien statt. Das hängt vor allem mit dem rasanten Wachstum der Bevölkerung zusammen und damit, dass viele Volkswirtschaften Asiens gerade mehrere Entwicklungsstufen überspringen. Ein landesweites Telefonfestnetz wie in Deutschland beispielsweise wäre in China eine Fehlinvestition.

Frage: Ab Freitag treffen sich deutsche Asien-Experten unter Ihrer Regie zur Asien-Pazifik-Konferenz in Singapur. Sind eigentlich die Zeiten vorbei, in denen wir die Länder Asiens als Exportmärkte für unsere Produkte und billige Werkbänke gesehen haben?

Jürgen Hambrecht
Jürgen Hambrecht

Jürgen Hambrecht ist seit sieben Jahr Vorstandsvorsitzender von BASF. Der 63-Jährige gilt als einer der profiliertesten Kenner der asiatischen Wirtschaft. Er ist seit vier Jahren Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses (APA) der deutschen Wirtschaft, wird das Amt in Kürze aber voraussichtlich an Siemens-Chef Peter Löscher übergeben.

Hambrecht: Ja. Wir haben es längst mit einer Zweibahnstraße zu tun. Die Tendenz, dass wir hier in Europa von Innovationen und Exporten aus Asien überrascht werden, wird sich verstärken. In der Unterhaltungselektronik ist das ja heute schon für jeden sichtbar.

Frage: Wie muss Europa auf diese Herausforderung reagieren?

Hambrecht: Wir müssen mit den Asiaten, den Regierungen und Unternehmen, auf Augenhöhe in einen neuen Dialog eintreten. Wir brauchen neue universale Regeln. Es kann nicht sein, dass wir Deutschen den Asiaten sagen, dass sie werden sollen wie wir, am besten schon morgen. Wir brauchen mehr gegenseitigen Respekt. Wir müssen akzeptieren, dass es sich in Asien um Aufholwirtschaften handelt, für die zunächst einmal andere Regeln gelten als für uns.

Frage: Denken Sie da zum Beispiel an den globalen Kampf gegen die Erderwärmung?

Hambrecht: Das Ringen um die CO2-Reduktion ist für mich nur ein Beispiel für die große Herausforderung Ressourcenschonung. Wasser ist ein noch viel größeres Thema, weil es für die Menschen lebenswichtig ist. Wichtig ist auch die Mobilität von morgen, verbunden mit der Frage, wie die Megastädte in der Zukunft funktionieren können. In allen diesen Fragen hat die deutsche Wirtschaft umfangreiches Know-how. Darüber wollen wir in Singapur reden - erstmals auch mit Vertretern der asiatischen Unternehmen und der Politik.

Leserkommentare
  1. ... jetzt kennen wir den Blick der Großindustrie auf China. Und? Eigentlich kennen wir nicht mehr als den und das seit Jahren, denn die Großindustrie hat ja auch die Politik dahingehend "gestaltet", sonst hätten wir jetzt keinen Freihandel mit China und das ganze Gesülze vom Strukturwandel und der Globalisierung. Die Industrie und Politik hat all diese Sachzwänge ja erst geschaffen, um kräftig dabei zu verdienen. Also was sollen solche Interviews?

    Kein Wort zu den globalen Ungleichgewichten, kein Wort zu den kleinen und mittleren Unternehmen, die von chinesischen Raubkopien in die Insolvenz getrieben werden, kein Wort zu den Arbeitern, die hier ihren Job verlieren oder von ihren Unternehmen erpresst werden. Kein Wort zu den miesen Arbeitsbedingungen im neuen turbokapitalistischen China. Kein Wort über chinesische Währungsmanipulationen. usw. usw.

    Was ist neu daran, dass große Konzerne an dieser Entwicklung profitieren? Was neu daran, dass sie überall nach Steuervergünstigungen, Subventionen und Niedrigstlöhnen Ausschau halten? Was neu daran, dass sie das natürlich nie offen zugeben, sondern immer nur von Chancen und neuen Märkten labern? NICHTS!

    Aber schön, dass die Großunternehmerlobby auch in der ZEIT werben darf. Als Dank gibt bestimmt demnächst ne Anzeigenserie von BASF, jede Wette.

  2. Seit langer Zeit ist doch schon zu beobachten, wie sozial sich Hartz IV-Empfänger verhalten. Dank ihnen schießen die 1€uro Läden wie Pilze aus der Erde, damit chinesische Wanderarbeiter endlich feste und gesicherte Arbeitsplätze erhalten. Wie lange glaubt wohl ein deutscher Arbeiter, ohne selbst Nostradamus zu sein, dass unseren ach so intelligenten Politikern mit den ihnen zur Seite stehenden sogenannten Weisen aus Wirtschaft und Finanzen, per Blitz eine neue Intelligenz ins Hirn geblasen wird? Deutsche Politiker und ihr Anhang gehen doch am Liebsten in der großen Welt auf allen roten Teppichen tanzen, in dem Bewusstsein, dass ihr Inland immer maroder wird! Die der €uro-Währung angehörenden Länder lachen sich doch innerlich schon halb tot über den großen Zahlmeister. Wie man ein Land wie die BRD demoliert zeigt doch eindeutig ein Beispiel:" Wenn es zutrifft, was ein Polit-Magazin berichtet hat, dass in allen €uroländern die ges.Krankenkassen für Medikamente nur den halben Preis gegenüber den deutschen Kassen zahlen, ist doch klar, wer am Niedergang so sozial seine Konten füllt.!" Wenn jemand fähig ist dies jedem Analphabeten verbal, jedem denkfähigen
    wenn nötig schriftlich rüber zu bringen, ist die Beteiligung bei zukünftigen Wahlen bestimmt bei 20%!

  3. und da die andere Hälfte auch nicht bei uns anzutreffen sein wird, bleibt uns außer Freude für unsere außereuropäischen Nachbarn nur die Hoffnung und der Glaube, das unsere Kanzlerin unter Jo, the big Ackermann, wenigstens das Wachstum der DB (Leistung aus was auch immer) fördert und unser Präsidial-Rat uns jedes Weihnachtsfest mit einer, um eine minimale Nuance veränderten Weihnachtsbotschaft beglückt. Damit sind wird dann alle zufrieden!

  4. für das, was in diesen diktatorischen staat investiert wird und heranwächst habe ich eigentlich, bei allem respekt vor dem fleiss der chinesen, nur ein trauriges lächeln übrig. die breiten bevölkerungsschichten bei uns haben nichts von diesem wachstum, bei dem die arbeitskräfte beider länder gegeneinander ausgespielt werden.

  5. Ganz so rosig ist die Lage Chinas wohl doch nicht, wie der Chef von BASF sie sieht. Gewiss hat er die chinesische Vorzeigeindustrie besucht, nicht aber die ungeheuren unfruchtbaren Ebenen und Steinwüsten, wo Millionen in hartem Klima eine karge Existenz führen. Die Logistik- und Infrastrukturprobleme der Regierung dieses Riesenlandes übersteigen unsere Begriffe. Man macht sich bei uns überhaupt keine Vorstellung, wie viele Lebensmittel und Gebrauchsgüter anderthalb Milliarden Menschen pro Tag benötigen.

  6. ...nun wissen es alle: es sind nicht die Chinesen, die uns mit ihren Produkten bedrohen. Es sind sehr viele deutsche Unternehmen, die ihre Wertschöpfungsketten effektivieren. Über 50 % der chinesischen Exporte lässt ausländisches Kapital produzieren. Bitte nicht vergessen, wie häufig uns die gelbe Gefahr vor Augen geführt wurde. Diese hat einen deutschen Pass. Dass Unternehmen nun auch die dortigen Märkte entdecken und ihre Produktentwicklung darauf abstellen, sollte man begrüßen. Allerdings sollten die deutschen Unternehmen nicht länger die Chinesen daran hindern, für ihre Bevölkerung eine faires Arbeitsrecht umzusetzen. Genau dies geschah vor zwei Jahren. Damals wehrten sich transnationale Konzerne gegen eine Arbeitsverfassung mit Mindestlohn, Urlaubs- und Krankheitsansprüchen. Dass nun der Autor vom Handelsblatt eine Frage dahingehend unterschlägt, ist nicht verwunderlich. Allerdings könnte auch die Zeit selbst einen Kollegen losschicken, der etwas kritischer mit solchen Managern umgeht. Aber Handelsblatt-Interviews gibt es halt kostenlos.

    • thbode
    • 15.05.2010 um 9:29 Uhr

    Die Kommentare hier geben einen erfrischenden Kontrapunkt zu dem Interview. Obwohl die politische Kaste, die Medien (und die Unternehmerschaft ohnehin), unseren Gesellschaften ein "weiter so" aufzwingen wollen, gibt es erstaunlicherweise noch kritische Köpfe. Die sich zumindest in diesen kleinen Kommentar-Anhängseln melden können.
    Diejenigen die profitieren von den Verhältnissen, oder zumindest glauben zu profitieren weil sie sich einbilden zu den Gewinnern zu gehören (die "Mittelschicht") wollen kein Nachdenken und keine Visionen von einer Gesellschaft die vielleicht gegenüber der heutigen sich auf einer zivilisatorisch höheren Stufe befindet. Was Menschlichkeit, kreative Entfaltung, Umgang mit der Natur betrifft.
    Wir werden ständig beschallt, verwirrt, eingeschüchtert, verlockt, verblödet. Und das funktioniert heute unendlich viel effizienter als selbst in Feudalzeiten der Fall war. Die Medien, vielleicht oft ohne es selbst klar zu erkennen weil sie auch nur atemlos im Schwarm mitschwimmen, tragen am meisten bei jegliches Aufkommen alternativer Modelle zu verhindern. Weil dies alles diskreditiert wird als unrealistisch oder ideologisch. Das ungute Gefühl stellt sich ein dass nur eine echte Katastrophe diese mentalen Gummiwände durchbrechen kann. Aus eigener Kraft wird das nichts.
    Ob unsere politische "Elite" selbst keine Idee hat dass es auch anders und letztlich besser gehen kann? Das wird der Normalbürger wohl nie genau wissen. Was wirklich in deren Köpfen vorgeht.

  7. Ob man es nun mag oder nicht - China mit seinem ungeheuren wirtschaftlichem Erfolg ist nun einmal eine Realität. Da ist es schon erlaubt, darüber nachzudenken, wie unsere Wirtschaft an diesem Erfolg teilhaben kann, auch zum Wohl unserer Arbeitnehmer und auch unserer Hartz IV Empfänger. Wer die Verhältnisse in China aus eigenem Erleben kennt, weiss auch, dass vieles was in den immer wieder hervorgekramten Vorurteilen über diese Land geschrieben wird, in absehbarer Zeit vorbei und vergessen sein wird. Der Prozess der Normalisierung lässt sich nicht aufhalten. China arbeitet daran und unternimmt grösste Anstrengungen auf diesem Weg.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service