Berndt Finke ist Purist. "Wir könnten auch irgendwelche Fertig-Aromen bestellen", sagt der Leiter Rohwaren und Herstellung von Jägermeister. "Aber wir entscheiden lieber selbst, was genau in unseren Likör kommt." Hinter Finke türmen sich die Säcke in unzähligen Reihen. Gerüche von Sternanis, Pomeranzen und Zimt wabern durch die Fabrikhalle. Nur natürliche Produkte, immer die gleichen 56 Kräuter, dazu Wasser, Zucker und Alkohol - etwas anderes hat im Jägermeister nichts zu suchen, seit 1934. Da macht Finke keine Kompromisse.

Noch mehr gruselt es ihn, wenn er an Jägermeister mit Orangensaft, Jägermeister auf Eis oder all die anderen Mix-Getränke denkt, als die sein Arbeitgeber das Produkt vermarktet. Der Jägermeister an sich, findet der Braumeister, ist doch lecker genug. Finke aber muss sich an den Gedanken gewöhnen - mit einem Kräuterlikör alleine ist die weltweite Partyszene nicht mehr zu beeindrucken.

Deshalb denken die Waidmänner auch an Expansionsschritte, die ihrem obersten Feinschmecker noch mehr grausen dürften. Jägermeister plant offenbar Zukäufe. "Wir werden die Chancen wahrnehmen, die uns der Markt bietet", sagte jedenfalls Vorstandschef Paolo Dell?Antonio dem Handelsblatt. "Sollte sich eine Möglichkeit ergeben, schließen wir nicht aus, zuzukaufen." Es wäre eine Revolution im beschaulichen Wolfenbüttel. Denn für die Familien dominierte AG aus Niedersachsen und ihre 500 Mitarbeiter gilt seit Jahren ein Grundsatz: Wir machen nichts außer Jägermeister.

Mit dieser Ein-Marken-Strategie erklären Experten, warum die Jägermeister anders als nahezu alle anderen deutschen Spirituosenhersteller bisher der sinkenden Nachfrage der Deutschen nach hochprozentigem Alkohol und der Wirtschaftskrise getrotzt haben.

Denn eigentlich steckt die Spirituosenindustrie in einer tiefen Krise. Die Deutschen trinken immer weniger Schnaps. Alleine in 2008 ist der Pro-Kopf-Verbrauch um 1,8 Prozent auf 5,5 Liter geschrumpft. Mit einer Belebung rechnet der Branchenverband auch in diesem Jahr nicht. Einzig der Jägermeister AG ist es gelungen, stabil zu wirtschaften. Zumindest fast, die Krise hat auch die erfolgsverwöhnten Wolfenbütteler nicht komplett verschont. Mit 82,4 Millionen verkauften Flaschen knüpfte das Unternehmen aber an das Rekordergebnis aus dem Vorjahr zumindest an und erzielte damit einen Umsatz von knapp 400 Mio. Euro. Gemessen am Marktanteil gehört Jägermeister damit zu den zehn größten Spirituosenmarken der Welt.