US-Innenminister Ken Salazar betrachtet ein Video, das das ausströmende Öl im Golf von Mexiko zeigt. Forscher werfen der US-Regierung vor, sich zu sehr auf Angaben des Ölkonzerns BP zu verlassen © Chip Somodevilla/Getty Images

Das Misstrauen gegenüber den Angaben von BP zum Ausmaß der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko wächst: Ein seit Donnerstag im Internet kursierendes Video des ausströmenden Öls am Tiefseegrund scheint nun zu belegen, dass die bisherigen Schätzungen des britischen Ölkonzerns, wie viel der giftigen schwarzen Masse ins Meer gelangt, nicht korrekt sind.

Eine Reihe von Wissenschaftlern hatte bereits seit Tagen massive Zweifel daran geäußert , dass die Angaben von BP zur Ölmenge viel zu niedrig seien. Diese Zweifel scheinen sich nun weiter zu erhärten. Mehrere Experten nannten Werte, die zwischen 2800 bis 14.000 Tonnen Öl täglich liegen. Das entspricht einer Menge zwischen rund 3 Millionen und 16 Millionen Litern Öl.

Dass bei den Zahlen etwas nicht stimmen kann, zeigen auch neue Meldungen von BP. So teilt der Konzern mit, dass es mittlerweile gelungen sei, täglich etwa 700 Tonnen Rohöl direkt aus dem Leck in 1500 Meter Tiefe abzusaugen und auf ein Bohrschiff zu leiten. 700 Tonnen – das entspricht genau den bisherigen BP-Schätzungen der Gesamtmenge, die vor dem Aufsaugen täglich aus zwei Lecks ins Meer gelangt sind.

Zuvor war auch die amerikanische Regierung in Washington immer schärfer unter Beschuss geraten: Wissenschaftler und Umweltexperten lasten der Regierung an, dass sie sich bei der Einschätzung des Ausmaßes der Ölkatastrophe zu stark auf Angaben von BP verlässt, anstatt eigene Untersuchungen durchzuführen. Der Sprecher des Präsidenten Robert Gibbs räumte ein, dass die USA selbst nicht über die nötige Ausrüstung verfüge, um eigene Analysen zu machen. Man müsse sich auf BP verlassen .

Nach wachsender Kritik an ihrem Krisenmanagement hat Washington BP nun allerdings zur sofortigen Veröffentlichung aller wichtigen Informationen und Daten zur Ölpest aufgefordert. Das sei ein "Muss", schrieben die Heimatschutzministerin Janet Napolitano und die Leiterin der Umweltbehörde EPA, Lisa Jackson, an BP-Chef Tony Haward. "Die Öffentlichkeit und die US-Regierung haben einen Anspruch auf völlige Transparenz in dieser Angelegenheit."

Zudem ordnete die Umweltbehörde am Donnerstag an, dass BP – entgegen einer früheren Entscheidung – eine bisher unter Wasser verwendete Chemikalie zum Zersetzen des Öls nicht mehr einsetzen darf. Dafür wurde dem Konzern eine Frist von 72 Stunden eingeräumt. Bereits bis Mitternacht sollte BP der EPA eine weniger giftige Alternative zu dem bisher verwendeten Mittel Corexit 9500 nennen, hieß es in Medienberichten weiter. Die Behörde wolle dann prüfen, ob diese Chemikalie verwendet werden darf. Zuvor hatten Kongressmitglieder Alarm geschlagen: Sie befürchten, dass Corexit langfristige Umweltschäden verursacht .

Für kommenden Sonntag hat BP einen weiteren Versuch angekündigt, das Bohrloch zu schließen. Bei der geplanten Methode, die Experten als "Top kill" bezeichnen, werden große Mengen schweren Schlamms unter hohem Druck in die Quelle gepresst . Anschließend soll sie mit Zement endgültig abgedichtet und "versiegelt" werden.

Derweil wächst das Ausmaß der sichtbaren Schäden. An der Küste des US-Bundesstaates Louisiana sind offenbar bereits Dutzende Kilometer des hochsensiblen Marschlandes zerstört worden. Wie die örtlichen Behörden mitteilten, wurden 24 Meilen (rund 38 Kilometer) Schwemmland in der Gemeinde Plaquemines Parish durch das Öl verschmutzt. "Dort ist alles tot", sagte Billy Nungesser, der Vorsteher der Gemeinde, dem amerikanischen Nachrichtensender NBC. Der Ölteppich zerstöre das Schwemmland Zentimeter für Zentimeter und werde in den kommenden Wochen und Monaten weiter an die Küste gespült.