Myspace "Wir haben uns verzettelt"
Myspace war einmal das größte Soziale Netzwerk der Welt. Doch dann kam Facebook. Myspace-Chef Mike Jones erzählt im Interview, wie die Zukunft von Myspace aussehen soll.
Frage: Sie sind seit Februar Co-President von Myspace. Ihr Vorgänger hat es gerade mal ein Jahr ausgehalten. Ist Myspace noch zu retten?
Mike Jones: Noch zu retten? Wir sind die Nummer neun der meistbesuchten Websites der Welt, wir haben über 120 Mio. Unique-Nutzer monatlich, davon gut 72 Mio. in den USA. Wir sind einfach in einem Transformationsprozess, überarbeiten weite Teile des Angebots und revitalisieren die Marke.
Frage: Also nicht der Verlierer im Zweikampf mit Facebook?
Jones: Also dieses ganze „Myspace-Twitter-und-Facebook-in-einen-Korb-werfen“ bringt niemanden weiter. Jeder dieser Dienste erfüllt für seine Nutzer ganz spezielle Bedürfnisse. Und wir kehren jetzt zu unseren Wurzeln zurück.
Frage: Welche wären das?
Jones: Am Anfang wollten die Leute auf Myspace Inhalte entdecken und neue Leute treffen, Spiele spielen und Musik hören. Im Laufe der Zeit, als das Social-Network-Phänomen immer mehr um sich griff, kam dann immer mehr dazu, Fotos tauschen, mit der Familie kommunizieren und so. Aber das war eigentlich nicht das, was Myspace sein wollte, wir haben uns verzettelt. Jetzt gehen wir zu dem zurück, was uns groß gemacht hat.
Frage: Also zurück in die Zukunft?
Jones: Ich nenne es Konzentration aufs Wesentliche. Das bedeutet auch, dass sich wichtige Parameter in unserem Businessansatz verschieben werden.
Frage: Nennen Sie bitte Beispiele.
Jones: Die Besucherfrequenz und Zahl der Nutzer etwa. Andere Social Networks müssen sehen, dass so viel Besucher wie möglich, möglichst mehrmals am Tag, zu ihnen kommen. Nur dann verdienen sie Geld. Wenn sie wie wir der Anlaufpunkt fürs Entdecken neuer Videos, neuer Bands oder so was sind, müssen ihre Nutzer nicht dauernd online sein, damit sie ihre Seite monetarisieren können. Da reicht ein paarmal die Woche. Ich will auch nur die 13- bis 34-Jährigen haben. Damit ist unsere Zielgruppe per se kleiner als die von Yahoo zum Beispiel. Aber von unserer Zielgruppe wollen wir 80 Prozent weltweit erreichen.
Frage: Rupert Murdoch meinte kürzlich, dass er wohl damals zu viel für Myspace bezahlt habe. Stimmt das?
Jones: Ich kann das nicht kommentieren, da war ich noch nicht dabei. Es gibt aber keinen Zweifel daran, dass das Web sozial wird. Und wir sind als klare Nummer zwei gut positioniert. Und in der Vergangenheit wurden auch schon sehr gute Geschäfte gemacht, die viel Wert geschaffen haben.
Frage: Sie sprechen sicher auch den Google-Werbevertrag an. Er garantierte 900 Millionen Dollar über drei Jahre. Was wird damit, er läuft bald aus?
Jones: Der Vertrag läuft Ende Juni aus und wir verhandeln über eine Fortsetzung.
Frage: Wie hoch sind die Chancen, dass sie einen neuen Vertrag abschließen können?
Jones: Ich glaube zumindest nicht, dass er noch einmal in unveränderter Form zustande kommen wird. Aber das wäre auch nicht problematisch. Wir sprechen über Modifikationen.
Frage: Und wenn es keinen neuen Vertrag mit Google gibt?
Jones: Dann stehen andere Partner aus dem Suchmaschinenmarkt bereit, die interessiert sind, einzusteigen.
Frage: Meinen sie Microsoft?
Jones: Ich meine andere Partner.
Frage: Zu den Problemen: Myspace hatte früher einen schlechten Ruf, galt als etwas dubios mit schlüpfrigen Inhalten und war unbeliebt, weil der Spam Überhand genommen hat. Was war los?
Jones: In den wilden Tagen hatten wir viele frühe Nutzer, die wirklich verrückte Web-Profile erstellt haben, die Inhalte waren manchmal kritisch und Myspace war sehr offen, das hat bald vor allem die älteren Nutzer abgeschreckt. Spam war ein ernstes Problem, mit dem wir alle kämpfen. Aber ich glaube, das haben wir jetzt im Griff.
Frage: Wenn Sie sich raten würden: wie würden Sie ihre bisherige Arbeit bei Myspace einschätzen?
Jones: Also B bis B+ würde ich sagen, das ist fair. Wir sind angetreten, um Myspace wieder flott zu machen. Wir haben einiges gut gemacht, aber Jason und ich legen sehr hohe Maßstäbe an uns an und müssen einräumen, dass wir noch nicht alles geschafft haben. Au jeden Fall stehen wir deutlich besser da als vor zwölf Monaten. Das Management ist auf die richtigen Dinge fokussiert, auf Performance und Ergebnisse. Aber ganz klar: Es bleibt noch was zu tun.
Frage: Warum das B, warum das Plus?
Jones: Das „B“, weil wir einfach länger gebraucht haben als geplant, um das Budget in Ordnung zu bringen und den nötigen Personalabbau durchführen. Dann haben wir noch eine gute Zeit gebraucht, um wirklich alle Probleme zu durchdringen, die dieses Unternehmen hat. Ich glaube, wir haben die richtigen Dinge gemacht und gut, dafür das „Plus“. Aber ich bin rein persönlich noch nicht zufrieden damit oder stolz auf mich, darum arbeiten wir weiter daran und härter.
Frage: Wann werden Sie so weit sein?
Jones: Ich würde sagen, es dürfte noch um die sechs Monate dauern, bis wir so weit sind und Myspace komplett erneuert ist.
Frage: Ein paar Beispiele für kommende Änderungen?
Jones: Wir waren zu stark in die Richtung Portal marschiert. Wir brauchen keine Wettervorhersage oder Horoskop oder Unterkategorien, die jeder auch kopieren kann. Wir gehen zurück auf Content und Entdeckung. Wir werden zudem stark in den Mobile-Bereich investieren. Schon heute haben wir rund 20 Prozent der Nutzer, die über Mobile-Web zu uns kommen. Sehr stark wird auch Gaming werden. Alle großen Spiele-Entwickler haben bereits Mitarbeiter von sich bei uns im Haus.
Frage: Wie wichtig ist eine maximale Reichweite in der Web-Nutzerschaft für Myspace?
Jones: Für uns zählt nicht mehr die schiere Größe, aber mit Mobile-Web werden wir eine neue Welt beschreiten. Die Branche lernt gerade, dass man einen enormen Wert pro Mobile-Web-Kunde schaffen kann, wenn man sehr früh eine stabile Beziehung zu ihm aufbauen kann.
Frage: Datenmissbrauch oder Privatsphäre ist ein Riesenthema. Wird das das Waterloo der Web-2.0-Branche?
Jones: Es ist tatsächlich ein globales Thema. Wo gehen die Daten hin, wer nutzt sie? Zu Beginn des Webs wussten wir alle nur, dass Daten wichtig sind, aber wir wussten nichts mit ihnen anzufangen. In der zweiten Phase wurde uns allen klar, dass es gute Möglichkeiten gibt, Geschäftsmodelle darauf aufzubauen.
In der aktuellen Phase weiß man, wie man sie nutzt und dass man sehr, sehr viel Geld damit verdienen kann. Wir bei Myspace haben den Vorteil, dass wir unser Geschäft auf unsere Site konzentriert haben. Wir können auch mit anonymen Nutzern Geld verdienen, die ihr Profil komplett als „private“ gekennzeichnet haben. Andere Seiten nicht, die müssen Daten nach außen geben.
Frage: Ein Problem des Geschäftsmodells?
Jones: Ja, die Probleme beginnen, wenn ich die Daten meiner Nutzer aus meinem Netz herausgebe, um Dritten zu erlauben, damit Geld zu verdienen. In den Netzen ist die Sicherheit sehr gut. In der Zukunft wird es darum gehen zu regeln, welche Daten von wem an wen raus gegeben werden dürfen.
Frage: Alle Networks arbeiten gerade an oder haben eigene Bezahldienste für Inhalte. Was ist mit MySpace?
Jones: Wir haben bereits ein Pilotprojekt in China. Wir denken über eines in den USA nach.
Frage: Wie sehen Sie die Zukunft des Web allgemein und des Silicon Valley im Besonderen?
Jones: Die Zeiten werden härter werden für Start-ups und die Bewertungen geringer. Aber trotzdem wird es immer wieder zahlreiche Neugründungen geben, die dann von den „üblichen Verdächtigen“ übernommen werden, wenn sie vielversprechend sind. Aber zu niedrigeren Preisen.
Frage: Warum wird es härter? Das Web boomt.
Jones: Es wird schwerer werden, Investoren zu begeistern. Gigantische Erfolge wie Facebook oder Twitter haben die Messlatte dramatisch angehoben. Zum Beispiel 50 Mio. Unique-User im Monat, das ist ein stolzer Wert. Von 3000 bis 4000 Start-ups erreichen den aber vielleicht mal zehn. Die Investoren erwarten jedoch mittlerweile solche Zahlen. Wenn sie alleine, außerhalb von Netzen wie Facebook, Twitter oder Myspace wachsen wollen, wird das immer schwieriger.
Das Interview erschien am 03.06.2010 im Handelsblatt.
- Datum 04.06.2010 - 15:08 Uhr
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- Quelle Handelsblatt
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"als klare Nummer zwei gut positioniert"
Tja, wenn's um Netzwerke geht, ist die Nummer zwei zumeist schon deutlich abgeschlagen. Denn Neulinge gehen dorthin, wo die meisten Freunde oder Kollegen sind - und das ist die Nummer 1. Wenn Myspace die Fokussierung auf eine spannende Nische nicht schafft, wird's schwer werden.
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