Ölkatastrophe Der Deckel auf dem Bohrloch bleibt

Die Abdichtung am Grund des Golfs von Mexiko hält offenbar. Das Bohrloch soll nun geschlossen bleiben. Bekommt BP die Ölpest endlich in den Griff?

Die Belastungstests am lecken Bohrloch im Golf von Mexiko verlaufen nach Angaben von BP positiv

Die Belastungstests am lecken Bohrloch im Golf von Mexiko verlaufen nach Angaben von BP positiv

Dieser Erfolg ist keine Dauerlösung, sondern nur eine Unterbrechung der hässlichen Bilder. Seit Donnerstag, dem 87. Tag nach der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon , zeigen die Aufnahmen der Unterwasserkameras um das Unglücksbohrloch: Hier fließt kein Öl mehr ins Meer . Das neue Auffangsystem hält dicht. Das Ende der Ölpest ist das aber nicht. Die Drucktests im Inneren liefern doppeldeutige Ergebnisse: Sie sind niedriger als erwartet. Daher ist nicht auszuschließen, dass irgendwo weiter Öl und Gas austreten. So ordnete der Ölkrisenmanager der US-Regierung, Admiral Thad Allen, an, die Messungen vorerst fortzusetzen. Unklar ist, für wie lange.

Zuletzt schien es, als seien sich Allen und BP nicht ganz einig, wie es danach weitergehen soll. Allen kündigte an, nach Ende der Tests "beginnen wir sofort wieder mit dem Abpumpen“. Das würde bedeuten, dass Amerika erneut Bilder von ausströmendem Öl sieht. Für die Umstellung von Druckmessung zu Abpumpen müssen die Ingenieure die Ventile, durch die Öl austritt, öffnen. Der BP-Manager Doug Suttles sagte, das Bohrloch bleibe bis auf weiteres geschlossen. "Es gibt augenblicklich kein Datum, wann es wieder geöffnet werden soll."

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Die Messungen sollen Aufschluss geben, ob die Wände des Bohrlochs dicht sind oder bei der Explosion am 20. April Risse erlitten haben. Die Grundannahme lautet: Das Macondo-Ölfeld tief unter dem Meeresboden steht unter hohem Druck. Nachdem BP die neue, abgedichtete Auffangglocke auf den Blowout Preventer an der Spitze des Bohrschachts gesetzt hatte, hätte der Druck innen langsam ansteigen müssen auf deutlich über 6000 psi (pounds per square inch); das entspricht etwa 414 Bar. Ein Wert deutlich unter 6000 psi wäre ein klares Zeichen, dass die Einfassung des Bohrlochs undicht ist und Öl und Gas in das umliegende Gestein entweichen. Beruhigend wären nach Auskunft der Experten Druckmessungen von 7500 psi und höher. In mehreren Versuchsreihen wurden jedoch nur 6745 psi gemessen.

Thema: Ölpest
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BP sagt, die Zahl belege, dass der Bohrschacht keine Risse aufweise. Parallel seien seismische Messungen vorgenommen worden sowie Ultraschallaufnahmen. Sie hätten Anzeichen geliefert, falls sich Öl und Gas unter Druck tatsächlich einen Weg ins Freie suchen. Der moderate Druckwert sei also nicht Folge von Lecks. Sondern nachdem das Öl drei Monate lang ungehindert ins Meer fließen konnte, sei die Lagerstätte stärker geleert als angenommen – und lasse der Druck nach.

Die gesammelten Daten helfen laut Admiral Allen bei künftigen Entscheidungen. Man wisse nun, dass man das Bohrloch verschließen könne, wenn zum Beispiel ein Hurrikan das Abpumpen des Öls in Tankschiffe unterbricht. Die Pläne zum dauerhaften Verschließen des Bohrloch von innen setzen weiter auf Entlastungsbohrungen von der Seite. Sie sollen ihr Ziel Ende Juli erreichen.

Natur in Gefahr

Anfangs hieß es noch, dass aus den Lecks unter der explodierten Bohrinsel Deepwater Horizon nach Schätzungen des Ölkonzerns BP und der Behörden täglich rund 5000 Barrel Öl schießen würden. Das sind knapp 800.000 Liter der zähen schwarzen Masse. Mittlerweile hat die US-Regierung ihre Schätzung deutlich nach oben korrigiert. Sie liegt nun zwischen 35.000 und 60.000 Barrel pro Tag. Das wären bis zu 9,5 Millionen Liter. Seit Wochen weisen Forscher auf entsprechende Mengen hin.

Bedroht ist nicht nur die Küstenregion des amerikanischen Bundesstaates Louisiana, wo das Öl bereits auf Land getroffen ist. Nach Angaben der Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA (NOOA) kommt es auch zu Auswirkungen für Tiere und Pflanzen entlang der Küsten der Nachbarstaaten Mississippi, Alabama und Florida. Derzeit schätzt NOOA, dass allein in Louisiana zehn Tierschutzgebiete betroffen sind.

Die Sumpflandschaften in der Region sind artenreiche Ökosysteme, die fast 40 Prozent der Feuchtgebiete der USA ausmachen.

Meerestiere

Louisianas Ministerium für Natur und Fischerei sieht 445 Fischarten, 45 Säugetierarten, 32 Amphibienarten und 134 Vogelarten unmittelbar durch den wabernden Ölteppich in Gefahr.

Meeressäuger, wie die Delfinart Großer Tümmler oder der Pottwall können sich im klebrigen Öl verfangen, wenn sie zum Luftholen auftauchen. Der Karibik-Manati, eine bereits gefährdete Seekuhart, wandert entlang der Golfküste in warme Gewässer.

Auch einige Schildkrötenarten könnten unter dem Öl leiden. Gerade beginnt die Zeit, in der sie ihre Eier an den Stränden ablegen und auf Futtersuche sind.

Einige Umweltschützer fürchten sogar, dass der Alligator Schwierigkeiten bekommen könnte, im brackigen Mündungsgebiet des Mississippi-Delta Nahrung zu finden. Viele Fischarten, die auf seinem Speiseplan stehen, könnten vom Öl eingefangen werden.

Vögel

Eine Vielzahl an Vogelarten lebt und zieht an der Golfküste entlang, um hier Eier zu legen, Nester zu hüten und nach Futter zu suchen. Allein an der Küste Louisianas zählt man rund fünf Millionen Zugvögel in den Sumpfgebieten.

Kommen die Vögel mit Öl in Verbindung und verkleben sich ihre Flügel, können die Tiere weder Wasser abweisen noch Luft aufnehmen. In der Folge können sie ihre Körpertemperatur nicht mehr regulieren und unterkühlen.

Der offizielle Vogel des Staates Louisiana, der Braunpelikan, hat gerade angefangen auf den Sandinseln, die parallel zur Küstenlinie verlaufen, zu brüten. Weitere rund hundert Zugvögelarten, darunter Schwalben, Ammern und Waldsänger, legen derzeit einen Zwischenstopp in der Region ein.

Hinzu kommen zahlreiche Vogelarten, die an den Stränden nisten.

Pflanzen

Besonders die weitverbreiteten Mangrovenwälder an der Küste des Golfs von Mexiko reagieren sehr empfindlich auf eine Ölverschmutzung. Sie sterben ab, sobald das Öl ihre Luftöffnungen in den Wurzeln verklebt.

Dies ist nicht nur ein ökologisches Problem. Die Mangroven spielen auch eine wichtige Rolle im Küstenschutz. Gerade in der Region vor Louisianas Küste kommt es immer wieder zu starken Hurrikans. Die Mangroven bieten als eine Art natürliche Barriere Schutz für das gesamte Mississippi-Delta.

Künftige Stürme könnten größere Schäden anrichten, weil Mangroven nur langsam nachwachsen.

Fischerei

Der Golf von Mexiko ist der einzige Ort, an dem der Blauflossenthun im Westatlantik seine Laichgründe hat. Die Laichzeit hat gerade begonnen und die Meerestiere sind ohnehin eine gefährdete Art. Ihre Eier schwimmen an der Wasseroberfläche und auch die Larven bleiben in den oberen Wasserschichten, die direkt vom Öl verseucht sind.

Auch der Menaden, eine Heringsart, ist direkt vom Öl betroffen. Die Fische ziehen ihre Nahrung aus dem Wasser, indem sie es filtern. So kann das Öl direkt in ihren Organismus gelangen.

In den Gewässern vor der US-Küste leben zudem riesige Mengen Austern, Krabben, Muscheln und weitere Fische.

Noch geht die örtliche Industrie zwar nicht von einem dramatischen Einfluss auf die Fischereibetriebe aus. Dennoch geht die Furcht um. Einige Krabbenfischer haben bereits BP, Transocean und die anderen an dem Bohrvorhaben beteiligten Konzerne Halliburton sowie Cameron wegen Fahrlässigkeit verklagt.

Viele Jahre wird es freilich dauern, die Umweltschäden durch die Ölpest zu beseitigen. Ein Spezialschiff namens Wal , welches Öl auf der Wasserfläche aufsaugen sollte, hat sich unterdessen als Enttäuschung erwiesen. Es ist wegen seiner Größe nicht manövrierfähig genug um kleinere Öllachen einzufangen. Und die Trennung des Öls vom Wasser funktioniert nicht so effektiv wie die Schiffseigner versprochen hatten.

Ein Beitrag des Tagesspiegels .

 
Leser-Kommentare
  1. Wurde aber auch Zeit für BP, die positive Nachricht zu verkünden, alles im Griff und das Bohrloch verschlossen zu haben - bevor gar kein Öl mehr austritt!

    Kurz vor Versiegen der Quelle doch noch ein Erfolg für BP: Hurra, Hurra! BP, ihr seid die Größten! Ihr hab's geschafft! Unglaublich! Autokorso!

    War ein schrecklicher Unfall, aber eins muss man BP lassen: Bohrlöcher verschliessen, das könn'se! Da sieht man mal, dass auch Großkonzerne Verantwortung übernehmen!

    Mit Atomkraft wär das nicht passiert!

  2. Toll - das Einzige was man 'im Griff' hat, ist jetzt das Loch. Trotzdem schwimmen noch Milliarden Liter Öl im Wasser!!! Und dieses ist noch immer ein gigantisches Problem. Schön, dass es sich nicht weiter verschlimmert, OK.

    Und im Subtext liest sich das mit dem Druck etwa "es ist sogar NOCH mehr Öl ausgetreten als wir uns vorstellen konnten SCHRÄGSTRICH jemals hätten zugeben wollen".

  3. Im Interesse einer abwechslungsreichen und ausgewogenen Diskussion bitten wir darum, von der Veröffentlichung gleichlautender Kommentaren zu mehreren Artikeln abzusehen. Danke, die Redaktion/fk.

  4. Ich möchte mich für mein Doppelposting entschuldigen. Kurz nach dem Eintrag meines Kommentars im Artikel:

    http://www.zeit.de/wirtsc...

    war dieser scheinbar verschwunden.

    MFG
    willi2010

  5. 5. Plan B

    Gut wenn das Bohrloch nun verschlossen werden kann.Die Ölfirmen werden weiter darauf drängen Öl aus immer tieferen Bohrlöchern zu fördern.Die Industrielle Welt hängt an diesem Stoff und ein Plan B ist notwendig
    um von diesem Stoff los zu kommen.Warum?Eine aktuelle Dokumentation des NDR gibt darüber Auskunft.

    http://www.ardmediathek.d...

    Eine ähnliche Dokumentation ist "A Crude Awakening,The Oil Crash"in Englisch
    http://video.google.com/v...

  6. "In den Griff bekommen" sieht für mich eindeutig anders aus.

  7. In einer Meldung von der US Regierungsseite, spricht man von besorgten Wissenschaftlern, die in der Nähe des Bohrlochs von einer möglichen undichten Stelle ausgehen.
    http://www.google.com/hos...

    Interessant ist auch nachfolgender Pressemeldung, die kurz nach erscheinen wieder vom Netz genommen wurde. Hier wird sogar von der Gefahr eines möglichen Blow Out's gesprochen.
    http://webcache.googleuse... scientists try to make sense of well puzzle baugh&cd=5&hl=en&ct=clnk&gl=us

  8. Wie kommts, dass jetzt bei einer angeblichen Erfolgsmeldung auf einmal schöne Auffnahmen zu sehen sind?
    Erinnert mich ein wenig an den ersten Irak Krieg, da musste man auch dann zugeben dass es Bilder und Viedeos von Koreakrieg waren.
    Ich glaub nichts mehr was ich nicht selber sehe.

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