Bankenrettung Wie der Staat bei der Commerzbank durchregiert
Die Commerzbank sieht sich trotz Staatsbeteiligung als Privatbank. Doch hat der Bund mehr Einfluss, als das Management zugibt. Der Staatseinstieg hat Spuren hinterlassen.
Gelegentlich nötigt der Umstand, Chef einer "Staatsbank" zu sein, Martin Blessing ein breites Grinsen ab. Dann verweist der 47-Jährige spitzbübisch darauf, dass die Deckelung seines Gehalts auf 500.000 Euro im Jahr durchaus auch positive Seiten für ihn habe. Seine Ehe mit Frau Dorothee, Partnerin bei Goldman Sachs und momentan zweifelsohne deutlich besser verdienend, sei trotz der schier endlosen Stunden im Büro noch enger geworden. Schließlich könne er im Falle einer Scheidung derzeit auf Unterhalt hoffen. Blessing grinst nach dem Witz stets zufrieden in die Runde. Er weiß, dass er die Lacher auf seiner Seite hat.
Abgesehen davon dürfte der Einstieg des Bundes mit gut 25 Prozent bei Deutschlands zweitgrößtem Geldhaus eher weniger Schmunzeln auslösen. Jüngst wurde bekannt, dass das Institut in einer Kundenbroschüre zur Finanzkrise das eigene Anklopfen beim Staat fast komplett ausgespart hat. "Die Commerzbank hat sich nicht zuletzt vor diesem Hintergrund im November 2008 und Januar 2009 dazu entschlossen, das von der deutschen Bundesregierung zur Stabilisierung des Finanzmarktes ins Leben gerufene Programm zu nutzen", heißt es darin auf Seite 28 lapidar mit Blick auf die 18,2 Milliarden Euro des Steuerzahlers. Das klingt banaler, als es ist.
Keine Frage – der Staatseinstieg hat Spuren hinterlassen. Wer dabei den Wegfall dicker Zigarren und die Streichung von Dienstwagen-Privilegien vor Augen hat, liegt eher falsch. Schon unter Blessing-Vorgänger Klaus-Peter Müller wurde von diesen vermeintlichen Attributen der Macht im Frankfurter Bankenzentrum weitgehend Abstand gehalten. Eher schon war das bei der Dresdner der Fall, insbesondere in der Zentrale am Jürgen-Ponto-Platz.
Jetzt berichten Ex-Dresdner-Banker nach der Eingliederung in die Commerzbank von Gehaltskürzungen und dem Wegfall des hoch geschätzten Firmenwagens. Wer sich bei den "Gelben" umhört, ob das mit der Staatsrettung zu tun hat, erntet Kopfschütteln. "Das gab's bei uns schon vorher nicht", meint ein Commerzbanker. "Wir hätten das so und so nach dem Kauf der Dresdner abgeschafft." Die Kostenstruktur sei ohnehin nicht akzeptabel gewesen.
Dennoch: Das Wissen, unter Kuratel des Staates zu stehen, schwingt unterschwellig vielerorts in der "neuen Commerzbank" mit. Mehr noch: Es beeinflusst das Handeln – wenn auch oft nur im Kleinen. Mitarbeiter berichten, man überlege lieber doppelt und dreifach, in welcher Mannstärke man bei Kongressen oder Veranstaltungen auftrete. Ziel sei es, den Tross möglichst klein zu halten. "Sonst heißt es noch, die fahren mit unserem Staatsgeld durch die Gegend", erläutert ein Commerzbanker die Logik dahinter. Sicher: Wer 2009 mit einem Milliardenverlust abgeschlossen hat, tut ohnehin gut daran, zu sparen. Aber das ist eben nur die eine Seite der Medaille.
Dass es auch eine zweite gibt, schimmert regelmäßig mit durch. Etwa bei einem Commerzbanker, der über wochenendliche Strategie-Tagungen im Management und deren Ausrichtungsort philosophiert. Früher – das bedeutet in diesem Fall vor dem zweiten Rettungspaket des Bundes – hätte es wohl keinen gewundert, Führungskräfte zum sogenannten "Off-Site" nach Mallorca einzuladen. Mit Billigflieger und abseits der Hauptsaison sei das vermutlich sogar günstiger als ein Top-Hotel hierzulande, sinniert der Banker. "Heute käme hier keiner mehr auf die Idee. Das würde man wohl auch nicht überleben." Und hinterhergeschoben: Man solle einfach den öffentlichen Eklat bedenken, falls ein solcher Trip nach draußen dringe.
Auch an der Spitze der Bank wird tunlichst darauf geachtet, sich öffentlich nicht gegen die Politik zu stellen, sondern möglichst Sympathiepunkte in Berlin zu sammeln. Das ist zumindest der Eindruck, den mancher Wettbewerber im Markt hat. Und auch gerne hinter vorgehaltener Hand weitergibt. "Das ist ein Opportunist", sagt ein Banker von der Konkurrenz mit Blick auf Blessing. "Da könnte ich kotzen."
Opportunismus und berechtigte Selbstkritik liegen in diesen Tagen sehr nahe zusammen. Mitunter sind sie wahrscheinlich sogar identisch. Dass Blessing sich Mitte 2009 so deutlich wie kaum ein anderer seiner Rivalen für härtere Regulierung ausspricht, haben viele von ihnen nicht vergessen. "Ich glaube nicht, dass Märkte allein in der Lage sind, kollektive Selbstdisziplin zu üben", lautet damals im Handelsblatt-Interview das vernichtende Urteil des Commerzbank-Chefs. Das Kasino dürfe nicht wieder öffnen.
Kein Einzelfall. Wenn es um verschärften Anlegerschutz geht, gibt Commerzbank-Privatkundenvorstand Achim Kassow gerne den Einsichtigen. Den Kunden in den Mittelpunkt rücken, Interessenkonflikte aufdecken, weg vom bloßen Verkäufer, hin zum Berater auf Augenhöhe – so sein Credo. In den letzten Monaten war Kassow oft in Berlin, um diese Botschaften rüberzubringen. Nicht selten mit Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU). Offenbar wolle das Institut sich zum "Klassenprimus" mausern, bemerkte der Branchendienst Platow Brief hierzu erst vor wenigen Tagen nicht ohne ein Quäntchen Ironie.
Auch als sich die Bundesregierung im Mai mit dem Alleingang beim Verbot ungedeckter Leerverkäufe international komplett isoliert, ist es Blessing, der die Treue hält. Er applaudiert öffentlich – und löst damit Zwist im eigenen Lager aus. Gerade die stark im Kapitalmarktgeschäft engagierte Deutsche Bank, aber auch viele andere Häuser fühlen sich düpiert. Einer der Verärgerten beschimpft Blessing in der Presse als "Merkels Pudel".
In dessen Umfeld will man von Opportunismus naheliegenderweise nichts wissen. Mehr noch – anderthalb Jahre nach dem Einstieg des Bundes scheint man zunehmend gelassen mit dem Vorwurf der "Staatsbank" umzugehen. "Solange der Staat drin ist, wird es bei jeder kritischen Bemerkung heißen, der Blessing will sich profilieren", sagt ein hochrangiger Commerzbanker fast schon fatalistisch. "Und wenn wir uns inhaltlich auf die Seite der Bundesregierung stellen, lästert jeder, weil wir Merkels Pudel sind."
Die Angelegenheit lässt sich noch aus ganz anderer Perspektive betrachten. "Wer zahlt, schafft an", besagt ein gängiges Sprichwort. Vergleicht man Blessing mit Josef Ackermann von der Deutschen Bank, seinem Widerpart, lässt sich für das Bonmot schnell eine Bestätigung finden. Ackermann muss Versicherer, Hedgefonds und andere Investoren unaufhörlich mit Gewinnen versorgen, denn er braucht ihr Kapital.
Kein Wunder also, dass er auch nach der schwersten Finanzkrise seit 80 Jahren sein Renditeziel von 25 Prozent vor Steuern aufrecht erhält. Moral hin, Risiko her. Blessing muss hingegen seit anderthalb Jahren vor allem andere Leute bei Laune halten: Zuvorderst Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble. Danach die Politik. Und am Ende die Steuerzahler. Die haben schließlich die Bank mit Milliarden gerettet. Da ist Demut angebracht – und nicht Widerworte.
Blessings Hauptfront mit Merkels Truppen, ja vielleicht im Kampf mit der öffentlichen Meinung generell, verläuft ohnehin an ganz anderer Stelle. "Das einzige Thema, wo man den Einfluss des Staates wirklich merkt, ist bei den Gehältern", gibt ein hochrangiger Commerzbanker zu. "Da hängen wir am Gängelband der Politik." Ansonsten kümmere sich Berlin herzlich wenig um die Bank. Nicht einmal das Thema Kreditvergabe stoße auf allzu großes Interesse.
Ob letzteres tatsächlich so stimmt, ist offen. Wenn ja, liegt es womöglich auch daran, dass Blessings Truppen gerne in vorauseilendem Gehorsam agieren. Als Merkel Ende 2009 zum "Konjunkturgipfel" nach Berlin ruft, um die vermeintlich drohende Kreditklemme zu verhindern, kündigt Blessing einen Tag zuvor ein milliardenschweres Mittelstandsprogramm an.
Wie sensibel auf alle Fälle das Gehaltsthema ist, lässt sich leicht an der Aufregung zu Jahresbeginn ablesen. Offenbar über den Berliner Umweg wurde der Presse zugespielt, dass Commerzbank-Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller nach zwei Jahren Deckelung die Grundgehälter im Vorstand erhöhen will. Schließlich, so die Logik des Blessing-Vorgängers, hätten die Manager angesichts der Mammut-Aufgaben auch Anspruch auf eine marktgerechte Entlohnung. Und die Bank laufe andernfalls Gefahr, auszubluten. Das aber könne nicht im Sinne des Steuerzahlers sein.
In Berlin sah man das anders und legte über den Bankenrettungsfonds Soffin ein unmissverständliches Veto ein. In Frankfurt dauerte es Tage, bis man die öffentliche Entrüstung wieder einigermaßen eingedämmt hatte.
Dabei dürften die Gehälter von Blessing & Co. nur der am besten sichtbare Teil sein. Auch unterhalb des obersten Managementgremiums wird aktuell angeblich darauf geachtet, nicht den Verdacht der Unbescheidenheit auf sich zu lenken. Mäßigung lautet die Devise – sehr zur Freude der Konkurrenz. Die wirbt Personalberatern zufolge gerade munter bei den Gelben ab. Wer gut ist, kommt ohnehin von alleine auf die Idee zu wechseln. Andernorts winkt nicht nur mehr Geld, sondern auch ein besseres Image – Stichwort: Staatsbank.
Das Phänomen dürfte weit über das gerne zitierte Investment-Banking hinausgehen. "Das betrifft alle Bereiche", meint eine junge Führungskraft. Während sich ein Weggang im Kapitalmarktgeschäft auch zügig wieder auffüllen lasse, sei dies beispielsweise im Controlling oder Risikomanagement nicht der Fall. "Da dauert es länger, bis sie den Aderlass merken", fügt der Manager hinzu. "Und die Bank braucht lange, um sich wieder zu berappeln", meint er.
Erschienen im Handelsblatt.
- Datum 27.07.2010 - 13:29 Uhr
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So schlimm kann es doch nicht sein:
http://www.businessinside...
Fröhliches Zocken noch!
Die Commerzbank existiert nur noch dank der Hilfe der Steuerzahler und dann werben die mit dem Slogan
"miteinander mhr erreichen1"
Meinen die damit die gerupften steuerzahlenden Bürger ?
Was dann ja bdeutet, dass wir diesen hinterhältigen Schwachsinn auch noch selbst bezahlen. Die Dummheit, mit der die Frechheit unserer sogenannten "Eliten" deherkommt ist wirklich nicht mehr zu überbieten.
meint Wendelstein
Jetzt kann man natürlich sagen, der Staat greift durch und ist ein toller Unternehmer. Die Wirklichkeit ist, dass Herr Blessing als ehemaliger McKinsey-Mann ein herausragender Analytiker ist und auch ein Gespür für die öffentliche Sensibilität besitzt.
Der ein oder andere mag sich jetzt an der Deckelung der Gehälter erfreuen. Tatsächlich ist das der größte Hemmschuh, den die Commerzbank hat. Ich kenne zumindest keinen hochqualifizierten Banker, der zur Zeit davon träumt bei der Commerzbank einzusteigen. Goldmann und die Deutsche Bank bedanken sich dafür beim Staat.
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