Ralph Platte wird bei Conergy nur noch "Eigenverbrauchs-König" genannt. Der Hamburger Solarkonzern hat Plattes Haushalt im Frühjahr mit einer unscheinbaren, schuhkartongroßen Box ausgestattet. Diese Vision Box zeigt, wie viel Strom Platte gerade verbraucht und wie viel die Solaranlage auf dem Dach zur selben Zeit liefern kann. Die fünfköpfige Familie aus Sachsen-Anhalt hat ihre Gewohnheiten inzwischen so angepasst, dass sie 66 Prozent des Bedarfs selbst produziert. Fachleute sind beeindruckt, schließlich gelten 30 Prozent schon als ambitioniert.

"Meine Frau verlegt das Anschalten von Trockner, Wasch- und Spülmaschine schon mal auf die guten Sonnenstunden und unsere Oma bügelt um die Mittagszeit – und so profitieren wir vom selbst erzeugten Sonnenstrom", sagt Platte. Darüber freut sich vor allem die Haushaltskasse. Für jede nicht ins öffentliche Stromnetz eingespeiste Solarstrom-Kilowattstunde kassiert die Familie seit Juli einen kräftigen Bonus. Und spart sich den Kauf von konventionellem Strom. Schon nach einigen Monaten haben sich die etwa 850 Euro Investitionskosten gerechnet.

"Eigenverbrauch" ist das neue Zauberwort, das die Solarbranche seit einigen Monaten in Verzückung versetzt. Von einem "neuen Trend" spricht man beim Bundesverband Solarwirtschaft. Für viele Solarunternehmen ist der Eigenverbrauch (oft auch als Direktverbrauch bezeichnet) ein willkommener Hoffnungsschimmer: Schließlich vermiesen ihnen die aktuellen Kürzungen bei der Solarstrom-Vergütung die Bilanz. Setzt ihre Kundschaft zukünftig auf selbst verbrauchten Strom, könnte das einen Teil des möglichen Absatzrückgangs bei Photovoltaik-Anlagen ausgleichen.

Zudem lässt sich das Thema hervorragend von den Marketing-Abteilungen ausschlachten. Schon jetzt werben die Firmen mit schmissigen Worten wie "Unabhängigkeit von den Atom- und Kohlestromkonzernen" und dem "grünen Gewissen."

Wer mit einer Solaranlage Strom produziert, hat im Prinzip zwei Möglichkeiten. Entweder speist er ihn ohne Umwege ins öffentliche Stromnetz ein und erhält dafür seit dem 1. Juli je Kilowattstunde eine Vergütung von 34 Cent. Die zahlen alle Stromkunden per Umlage. Weil der durchschnittliche Strompreis bei etwa 20 Cent je Kilowattstunde liegt und das Erneuerbare-Energien-Gesetz die Vergütung für 20 Jahre garantiert, verzeichnet die Branche trotz Kürzungen noch immer ein Wachstum.

Die jüngste Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes vergoldet nun auch den selbst verbrauchten Solarstrom. Wer mehr als ein Drittel seines Stromverbrauchs selbst deckt, der erhält je Kilowattstunde 22 Cent. Dazu kommen die eingesparten Stromkosten von etwa 20 Cent – macht in der Summe 42 Cent. Unter dem Strich machen die Direktverbraucher daher ein Plus von sechs bis acht Cent je Kilowattstunde gegenüber den Solarwirten, die ihren Ökostrom ins Stromnetz abgeben.

Conergy ist nicht das einzige Unternehmen, das sich diese Kalkulation genau angeschaut hat. Auch andere Firmen steigen in das neue Geschäftsfeld ein. Sie arbeiten mit Hochdruck an Solarstrom-Speichern, damit ihre Kunden den Eigenverbrauchs-Anteil noch steigern können. Denn was ist mit all den Berufstätigen oder Urlaubern, die gegen Mittag nicht zu Hause sind und die Spülmaschine nicht anschalten können?