PR-Kampagne Atomstreit spaltet deutsche Wirtschaft

Die PR-Kampagne der Atomlobby spiegelt nur einen Ausschnitt der deutschen Wirtschaft wider. Viel interessanter ist, wer den Appell nicht unterzeichnet hat und warum.

In der Nordsee ging vor einigen Monaten Deutschlands erster Offshore-Windpark Alpha Ventus ans Netz

In der Nordsee ging vor einigen Monaten Deutschlands erster Offshore-Windpark Alpha Ventus ans Netz

Die deutschen Maschinenbauer sind alles andere als erfreut. Dieser Tage schaltet der von den vier großen Atomkonzernen neu gegründete Verein Energiezukunft für Deutschland ganzseitige Anzeigen. Im "energiepolitischen Appell" fordert er eine längere Laufzeit von Atomkraftwerken, die weitere Privilegierung bei der Ökosteuer und einen Verzicht auf die Brennelementesteuer.

Manfred Wittenstein, Präsident des Verbands der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA), gehört nicht zu den Unterzeichnern. "Der VDMA teilt den Gesamttenor des Aufrufs nicht – uns geht es in erster Linie um Planungssicherheit, wir haben uns auf den Atomausstieg eingestellt und dementsprechend investiert", sagt Thorsten Herdan, Geschäftsführer der Energiesparte des Branchenverbands.

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E.on, RWE, Vattenfall und EnBW müssen so auf eine einflussreiche Stimme verzichten. Schließlich gilt der VDMA als einer der mächtigsten Wirtschaftsverbände. Er vertritt eine Branche, für die Deutschland weltweit bewundert wird: den Maschinenbau.

Die Stromkonzerne, die in Anspruch nehmen, sich um "die Sicherung der Lebensgrundlagen von morgen und die Zukunftsfähigkeit des Standortes Deutschland" zu sorgen und sich entsprechend als Sprachrohr der deutschen Wirtschaft verstehen, hatten beim VDMA angefragt. Doch Wittenstein ließ sie abblitzen.

Er ist nicht einzige. Fast alle Mitglieder des neunköpfigen Präsidiums des Industrieverbands BDI gehören zu den Appell-Unterstützern – bis auf zwei Herren: der besagte VDMA-Präsident Wittenstein und Wilhelm Scheer, Präsident des Informationstechnologieverbands Bitkom. "Wir respektieren den Aufruf, unterstützen ihn aber nicht", heißt es bei Bitkom. Lieber betont der Verband, dass seine Mitglieder doch Produkte zum Energiesparen anbieten würden.

Vor allem aber verweigert Siemens seine Unterstützung, einer der größten europäischen Technologiekonzerne. In einem offiziellen Statement anlässlich der jüngsten PR-Kampagne lässt der Konzern mitteilen, dass man sich im "direkten Austausch und Gespräch mit der Politik" an der Diskussion beteilige. Im Klartext: Eine Anzeigenkampagne braucht Siemens-Chef Peter Löscher nicht.

Und überhaupt: Derzeit werde zu sehr über "Lenkungsaspekte und fiskalische Zielsetzungen" diskutiert als über "wünschenswerte und erforderliche konzeptionelle und langfristige Überlegungen zur Gestaltung einer ausgewogenen, nachhaltigen und innovativen Energieversorgung am Standort Deutschland", so der Konzern.

Der wahre Hintergrund für die Zurückhaltung bei Siemens ist nach Auffassung von Branchenkennern ganz einfach: Das Unternehmen fürchtet um zwei wichtige Geschäftsfelder: um den Bau neuer, effizienter Kohlekraftwerke und um seine Sparte erneuerbare Energien. Beide sind unmittelbar von einer Laufzeitverlängerung der AKWs betroffen. Zurzeit liegen wegen der unklaren Investitionsverhältnisse zahlreiche Pläne für Kohlekraftwerke brach.

Würden die Atommeiler noch länger am Netz bleiben, gebe es noch weniger Handlungs- und Investitionsdruck für Stromversorger, ihre Altanlagen abzuschalten und in neue Kohlemeiler zu investieren. Ähnlich sieht es in der Sparte erneuerbare Energien aus, einem Zukunftssegment des Konzerns: Mit Umwelttechnologien erwirtschaften die Münchner einen immer größeren Anteil ihres Umsatzes. Siemens stellt mittlerweile weltweit seine Windräder auf.

Auch der Mittelstand, von der Bundesregierung gerne als " Rückgrat der deutschen Wirtschaft " bezeichnet, kann sich für den Appell der Atomkonzerne nicht erwärmen. Ein Sprecher des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) betont: "Für uns sprechen die nicht." Der VKU, der 1400 Stadtwerke und regionale Stromkonzerne vertritt, sieht sich selbst als "energiewirtschaftlicher Mittelstand" und tritt für eine dezentrale Energieversorgung ein.

Das ist der Gegenentwurf zu den vier Oligopolisten, die ihre marktbeherrschende Stellung verteidigen. "Es geht bei der Erstellung des Nationalen Energiekonzepts auch darum, den Ausbau der erneuerbaren Energien in dezentralen Strukturen industriepolitisch sicherzustellen", betont VKU-Hauptgeschäftsführer Hans-Joachim Reck. 

Auffallend still ist es noch an anderer Stelle: bei so manchem Windkraft- und Solaranlagen-Hersteller. Die Firmen schicken in der aktuellen politischen Debatte lieber ihre Bundesverbände vor, um gegen die Laufzeitverlängerung zu kämpfen. Kaum ein Unternehmen mag sich namentlich in der Presse zum Atomstreit äußern. Der Grund ist nahe liegend und wird von Branchenkennern bestätigt: Die Firmen fürchten um ihre Aufträge.

Schließlich gehören die Ökostrom-Sparten der vier großen Stromkonzerne inzwischen zu wichtigen Auftraggebern. RWE Innogy vergibt etwa Aufträge an den Windkraftanlagen-Spezialisten Repower und kooperiert mit dem Solaranlagen-Spezialisten Solar Millenium beim Bau des Solarkraftwerks Andasol in Spanien.
 

 
Leser-Kommentare
    • CM
    • 23.08.2010 um 17:45 Uhr

    Die öffentliche Diskussion und Merkels Schautermine vor Windrädern lenken nur davon ab, daß die Entscheidung längst gefallen ist.

    Frau Merkel und ihre Komplizen haben unsere Sicherheit und die Zukunft der Energieversorgung an die Atommafia verscherbelt.

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    • joG
    • 23.08.2010 um 18:48 Uhr

    ....Stromkosten im Auge und wollen sie senken, wenn sie nicht zu viel abgreifen mit ihrer Steuer. Dann wäre für die Verbraucher nichts mehr übrig.

    "Frau Merkel und ihre Komplizen haben unsere Sicherheit und die Zukunft der Energieversorgung an die Atommafia verscherbelt.

    "

    als ob Rot-Grün keine Lobby Politik umsetzen würden. die SPD ist doch die übelste Lobby-Clique überhaupt.
    Und Autofahren ist unsicherer als neben einem deutschen Atomkraftwerk zu wohnen.
    Desweiteren wüste ich mal gerne welchen Verbrechens sich RWE EON usw. schuldig gemacht haben das man sie als Maffia bezeichnen darf.

    • joG
    • 23.08.2010 um 18:48 Uhr

    ....Stromkosten im Auge und wollen sie senken, wenn sie nicht zu viel abgreifen mit ihrer Steuer. Dann wäre für die Verbraucher nichts mehr übrig.

    "Frau Merkel und ihre Komplizen haben unsere Sicherheit und die Zukunft der Energieversorgung an die Atommafia verscherbelt.

    "

    als ob Rot-Grün keine Lobby Politik umsetzen würden. die SPD ist doch die übelste Lobby-Clique überhaupt.
    Und Autofahren ist unsicherer als neben einem deutschen Atomkraftwerk zu wohnen.
    Desweiteren wüste ich mal gerne welchen Verbrechens sich RWE EON usw. schuldig gemacht haben das man sie als Maffia bezeichnen darf.

  1. Bei diesem mir hoch willkommenen Beitrag, der endlich einmal den bornierten Betonköpfen ihr Meinungsdiktat streitig macht, fehlt mir eine kleine polemische Recherche. Die Frage nämlich, auf welcher Seite kreative Intelligenz und auf welcher fettbäuchige Geldgier überwiegen. Welche Seite will und kann Deutschland voranbringen und welche will es nur kahl fressen?

  2. geht, verabschieden wir uns aus der Industrie-Nation.
    Jetzt könnte der Morgenthau-Plan aktiviert werden.

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