KorruptionsaffäreFerrostaal, ein zweifelhafter Partner

Ferrostaal war oft in heikler Mission für die deutsche Industrie unterwegs. Doch eine Korruptionsaffäre belastet den Konzern. Jetzt ziehen sich wichtige Partner zurück. von Martin Murphy

Es klang wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht: Als die Manager so namhafter deutscher Konzerne wie Rheinmetall, Daimler, MTU, Deutz oder Ferrostaal im vergangenen August mit Vertretern des Staates Algerien einen Vertrag unterschrieben, träumten sie von Milliardenumsätzen, von neuen Fabriken in der Wüste, Perspektiven im internationalen Rüstungsgeschäft. Drei neue Werke zum Bau leicht gepanzerter Fahrzeuge sollte das Konsortium in die algerische Wüste setzen, dort jährlich gut 10.000 Radpanzer, Jeeps und Unimogs hauptsächlich für die algerische Armee bauen. Ein gutes Jahr später stehen die deutschen Konzerne vor allem vor einem riesigen Berg an Problemen. Der Bau der drei Fahrzeugfabriken stockt, der Zeitplan ist Makulatur – und mit dem Essener Anlagenbauer Ferrostaal ist der Generalunternehmer für Organisation und Durchführung des Gesamtprojekts schwer angeschlagen.

Ferrostaal hat sich durch einen Korruptionsskandal und damit einhergehenden Vertuschungsversuchen in weiten Teilen der deutschen Industrie so unmöglich gemacht, dass mehrere Großkonzerne nicht mehr mit dem Essener Anlagenbauer zusammenarbeiten wollen. Vor allem der Stuttgarter Autokonzern Daimler weigert sich, mit Ferrostaal in Verbindung gebracht zu werden. Die Stuttgarter sind aber einer der wichtigsten Partner des Projekts.

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"Der Zeitplan für den Aufbau ist nicht mehr zu halten", heißt es deswegen nun übereinstimmend aus dem Konsortium. Daimler bestätigte dem Handelsblatt denn auch am Freitag quasi, dass Ferrostaal zumindest aus jenen Teilen des Projekts ausgeschlossen sei, die Daimler verantwortet: "Derzeit führen wir direkte Gespräche mit den algerischen Partnern über die Umsetzung des Projektes", erklärte Daimler. Unternehmen aber, die direkt mit dem Auftragnehmer verhandeln, brauchen keinen Generalunternehmer mehr. "Die Situation bei Ferrostaal ist uns bekannt", heißt es dazu bei Daimler. 

Das Geschäft

Die deutsche Industrie will drei Fahrzeugfabriken in Nordafrika bauen. Unter der Führung von Ferrostaal sollen Mercedes-Geländewagen, Unimog-Transporter sowie Fuchs-Schützenpanzer gefertigt werden. Geplant ist eine Jahreskapazität von 10.000 Stück. Über die Jahre gerechnet ergibt sich ein Geschäft mit einem Milliardenvolumen.

Der Hintergrund

Die Bundesregierung stützt den Deal, Algerien gilt als strategischer Partner. Ferrostaal und Daimler stehen aber auch unter dem Druck ihrer arabischen Investoren. Daimler gehört zu 9,4 Prozent zu Aabar, der Staatsfonds hatte das Algerien-Geschäft vermittelt. Ferrostaal gehört zu IPIC aus Abu Dhabi.

Das ist freilich mehr als vornehm ausgedrückt. Die Situation in Essen ist nicht nur "bekannt", sie ist vor allem unschön. Ferrostaal sieht sich Vorwürfen der Staatsanwaltschaft München ausgesetzt. Das Unternehmen, das im Auftrag anderer Konzerne weltweit Großprojekte abwickelt, soll systematisch jahrelang Schmiergeldzahlungen geleistet haben. (Siehe " Die neue Führung ...") Kaum einer in Essen bestreitet die Schmiergeldvorwürfe derzeit noch.

Mit solchen Partnern aber will Daimler offenbar nicht in Verbindung gebracht werden. Schließlich haben die Schwaben selbst Probleme genug.

Nach einem Anfang des Jahres bekannt gewordenen eigenen Schmiergeldfall steht Daimler bis 2013 unter Aufsicht der als äußerst streng geltenden US-Börsenaufsicht SEC. Der ehemalige FBI-Chef Louis Freeh überwacht alle Daimler-Geschäfte auf Korruptionsverdacht. Da schaden Geschäftsbeziehungen zu so zweifelhaften Partnern wie Ferrostaal derzeit nur.

Leserkommentare
    • HM61965
    • 09. August 2010 21:13 Uhr

    Neugierig geworden, habe ich mich gerade
    mal über Ferrostaal im Web informiert:

    Ferrostaal agiert demnach seit Jahrzehnten
    als Drehscheibe der deutschen Industrie.
    Wie kaum ein anderes Unternehmen hat Ferro-
    staal durch die Beschaffung und Vermittlung
    von Export-Großaufträgen Millionen von
    Arbeitsplätzen in Asien, Afrika und Latein-
    amerika geschaffen.
    Und über Jahrzehnte hinweg zahllose Jobs
    in der deutschen Industrie erhalten.
    Auch Thyssen, Daimler und MAN haben offenbar
    nicht unerheblich davon profitiert.

    Wenn man in Google nach "Ferrostaal Korrup-
    tion" sucht, stellt man fest, dass gegen
    Ferrostaal keineswegs die vermuteten Korrup-
    tionsvorwürfe im Sinne von "in die eigene
    Tasche wirtschaften" erhoben werden.
    Es geht immer nur um Zahlungen an Auftrags-
    vermittler in den "südlichen" Kundenländern,
    deren Höhe und Angemessenheit in Frage ge-
    stellt wird.

    Wenn sich nun einige namhafte Konzerne aus
    Furcht vor sinkenden Börsenkursen von Ferro-
    staal verabschieden wollen, stellt sich zwangs-
    läufig die Frage, mit welchen Kundenländern
    Deutschland überhaupt noch Geschäfte machen
    möchte, um die 12 Millionen exportabhängigen
    Arbeitsplätze in unserem Land zu sichern.
    VIelleicht kauft Holland ja demnächst die
    deutschen U-Boote ?
    Und die Solarkraftwerke der Ferrostaal könnte
    man auch prima in England aufstellen ?
    Ab und zu soll ja auch dort mal die Sonne
    scheinen !

  1. Wir alle hoffen auf einen weltweiten Erfolg
    des Anti-Korruptionsnetzwerkes.
    Fairplay und saubere Geschäfte müssen zum
    weltweiten Standard werden:
    egal ob die Anbieter aus Deutschland, China,
    Indien oder Russland kommen.

    Nur so ist sichergestellt, dass auch die für
    den deutschen Großanlagenbau lukrativen Märkte
    in den Schwellenländern erreichbar bleiben und
    die qualitativ besten Produkte und Anlagen das
    Rennen machen.

    Das Beispiel des Exportweltmeisters China zeigt
    jedoch, dass trotz drakonischer Strafen die
    Trockenlegung des lokalen Korruptionssumpfes
    (auf Anbieter- UND Nachfrager-Seite) ein sehr
    langer Weg ist.

    Solange die globalen Anti-Korruptions-Standards
    nicht erreicht sind bzw. nicht flächendeckend
    umgesetzt werden, wird die deutsche Exportwirt-
    schaft ihren Focus zwangsläufig auf "saubere"
    Märkte richten müssen und in Kauf zu nehmen
    haben, dass langjährige Geschäftsbeziehungen
    mit kritischen Ländern nicht mehr im gewohnten
    Umfange aufrechterhalten werden können.

    Diesen Herausforderungen müssen wir begegnen.
    Je schneller die Umorientierung gelingt, umso
    gelassener können wir nach vorne schauen.

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