Mehr als sechs Jahre stritten sich Atomkonzerne, der Bund, die Länder und zahlreiche Experten. Dann, vor etwa einem Jahr, war es endlich geschafft: Mit Stolz präsentierte der damalige Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) das neue "Kerntechnische Regelwerk". Es soll die Sicherheitskriterien für deutsche Atomkraftwerke aktualisieren, ein moderner Prüfkatalog, der sich am Stand von Wissenschaft und Technik ausrichtet.

"Seit Jahren wurden die grundlegenden Sicherheitsanforderungen für deutsche Atomkraftwerke nicht weiterentwickelt", sagt Stephan Kurth, Kernkraftwerks-Experte am Öko-Institut in Darmstadt, der das neue Regelwerk miterarbeitet hat. "Es ist notwendig, bestehende Lücken zu schließen und die Regeln an den aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik anzupassen." Zurzeit können die Bundesländer und Energieversorger den neuen Anforderungskatalog freiwillig ausprobieren. Kommendes Jahr soll er in Kraft treten. Bei den Stromkonzernen kommen die neuen Maßstäbe nicht gut an. RWE teilt auf Nachfrage von ZEIT ONLINE mit, dass man nach erster Erprobung noch "erheblichen Korrekturbedarf angesichts der Anwendbarkeit und Angemessenheit" sehe.

Es mag sich um eine Diskussion unter Fachleuten handeln, um spröde Paragraphen und unverständliches Fachvokabular. Doch für Wolfgang Renneberg ist der neue Sicherheitskatalog der Dreh- und Angelpunkt in der aktuellen Diskussion um die Laufzeitverlängerung. "Um zu beurteilen, wie sicher die Meiler sind, benötigt man transparente Maßstäbe – und die müssen sich nach dem Atomgesetz am aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik orientieren", sagt er. "Diese Maßstäbe gibt es, sie werden zurzeit jedoch nicht angewandt."

Von 1998 bis zum vergangenen November leitete Renneberg die Abteilung Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium. Unter seiner Leitung entstanden die neuen "Sicherheitskriterien für Kernkraftwerke", hart bekämpft von Bundesländern und Energieversorgern, die befürchteten, dass zu viele Sicherheitsdefizite ihrer Meiler offen gelegt werden. Kurz nach seinem Amtsantritt im Herbst 2009 entließ Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) Renneberg und ersetzte ihn durch Ex-E.on-Manager Gerald Hennenhöfer. Der hat nun ein Déjà-vu. Denn er saß bereits beim Atomausstieg 2000 am Verhandlungstisch, damals auf der Seite von E.on. Jetzt verhandelt er für die Bundesregierung eine Laufzeitverlängerung.

Unermüdlich betont die Bundesregierung, dass Sicherheit das entscheidende Kriterium sei. Nur sichere Meiler bekämen eine Laufzeitverlängerung. Doch was bedeutet das in der Praxis? Welche Meiler sind sicher, welche nicht? 17 Kernkraftwerke besitzen zurzeit eine Betriebsgenehmigung. Das älteste Kraftwerk Biblis A ging 1974 ans Netz, das jüngste (Neckarwestheim 2) 1988.

Natürlich ist das Baujahr ein Kriterium bei der Beurteilung: "Man muss davon ausgehen, dass alte Kernkraftwerke in der Regel sicherheitstechnische Nachteile gegenüber neueren Anlagen haben. Es bestehen konzeptionelle Unterschiede, die auch durch Nachrüstungen nicht vollständig ausgeglichen werden können", sagt Kurth. Eine Betondecke lässt sich eben nicht problemlos erhöhen, verbautes Material versprödet oder verschleißt und Sicherheitsabläufe sind einfach nicht mehr auf dem aktuellen Stand.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch Renneberg in einer aktuellen Sicherheitsstudie für die Grünen. Die Umweltpartei ließ die acht ältesten Kernkraftwerke, die allesamt aus ähnlichen Baureihen stammen, untersuchen. "Die deutschen Kernkraftwerke sind aus technischer Sicht unterschiedlich sicher", heißt es dort. "Der Weiterbetrieb der acht ältesten Anlagen würde das allgemeine Risiko des Betriebs von Atomkraftwerken deutlich überproportional erhöhen." Laut Greenpeace tragen diese acht AKW nur noch 5,4 Prozent zu deutschen Stromversorgung bei und seien daher verzichtbar.