Laufzeiten AKW-Sicherheit ist Definitionssache
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Jüngere Meiler sind nicht automatisch sicher

Einer der umstrittensten Meiler ist das RWE-Atomkraftwerk Biblis. In dem ältesten Druckwasserreaktor Deutschlands passieren vier Mal so oft meldepflichtige Ereignisse wie in den jüngsten Kernkraftwerken Neckarwestheim 2 und Emsland. Immer wieder tauchen undichte Leitungen, defekte Schalter und Fehler in der Stromversorgung auf. Die beiden Blöcke A und B verfügen noch nicht einmal über jeweils unabhängige Notstandswarten, sondern greifen jeweils auf die Warte des anderen Blocks zurück – ein Umstand, der nur möglich ist, weil RWE ihn im Atomkonsens durchsetzen konnte. Wegen der dünnen Betonhülle würde der Meiler nach Greenpeace-Recherchen nicht einmal einen Terrorangriff mit einem Sportflugzeug überstehen, geschweige denn mit einem voll betankten Passagierflugzeug.

Eine RWE-Sprecherin betont dagegen, dass alle Kraftwerke permanent und mit modernster Technik nachgerüstet werden. Erst jüngst sei in Biblis Leittechnik eingebaut worden, die dem Stand des Europäischen Druckwasserreaktors (EPR) in Finnland entspreche, dem modernsten Atomkraftwerk, das zurzeit in Europa gebaut wird. "Die alten Meiler sind genauso sicher wie die neuen." Da Biblis A inzwischen abgeschrieben ist, verdient Betreiber RWE jedes Jahr Millionen mit ihm.

Die Verhandlungen in Berlin über die Laufzeitverlängerung könnten trotzdem das Aus für Biblis bedeuten. Denn ein möglicher Kompromissvorschlag sieht vor, dass im Zuge einer Laufzeitverlängerung ältere Meiler vom Netz gehen würden – und dazu würde sehr wahrscheinlich auch Biblis gehören – und die Atomkonzerne die Reststrommengen auf jüngere übertragen könnten. Darüber hinaus würden allen Meilern zusätzliche Stromengen zugeteilt. Die Stromkonzerne könnten so ihre jüngeren Kraftwerke erheblich länger laufen lassen – selbst wenn die Bundesregierung offiziell nur von einer moderaten Laufzeitverlängerung spricht. Die Lösung hat politischen Charme, schließlich können sich alle Seiten als Gewinner profilieren.

Aber ein jüngeres Baujahr bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Reaktor auch sicher ist. "Anlagenbetreiber argumentieren, dass für sie zunächst die in der Genehmigung zugrunde gelegten Standards maßgeblich sind", sagt Öko-Instituts-Experte Kurth, "eine Anpassung an den jeweils neuesten Stand der Sicherheitstechnik ist dadurch aber nicht automatisch gewährleistet."

 Ähnlich sieht das auch Renneberg: "Auch jüngere Kraftwerke müssten nachgerüstet werden." Schließlich sind auch die neueren deutschen Anlagen nicht wirklich neu. Rund 20 Jahre lang sind sie schon am Netz, vor 30 Jahren wurden sie konzipiert. Die Technik in den Leitwarten basiert etwa größtenteils noch auf analoger Technologie. Hier stehe jetzt eine Umstellung auf digitale Systeme an, so Renneberg.

Doch selbst das ist nur Kosmetik. "Trotz Nachrüstungen würden auch die neuen Meiler den gesetzlichen Schutzstandard, den die damalige CDU/FDP-Regierung 1994 für neue Atomkraftwerke beschlossen hat, nicht mehr erreichen", sagt Renneberg. Denn danach müsste auch eine Kernschmelze beherrscht werden. "Eine solche Nachrüstung ist jedoch technisch und wirtschaftlich praktisch nicht realisierbar."

Am Ende wird sich die Bundesregierung wohl jedes Kraftwerk einzeln vornehmen müssen und über dessen Nachrüstungsbedarf entscheiden, falls es zu einer Laufzeitverlängerung kommt. Den Gutachtern wird dabei eine Schlüsselrolle zukommen. Doch auch hier droht Ungemach. Denn deren Neutralität ist umstritten. Im Gegensatz zu den USA, wo Gutachter bei der nationalen Atomaufsicht angestellt sind und ein Kraftwerk maximal drei Jahre betreuen, sind manche Sachverständige des TÜVs mehr als zehn Jahre in einem Kraftwerk unterwegs. Von einer zu großen Nähe zu den AKW-Betreibern warnte bereits die Bundesregierung.

Nun kocht das Thema wieder hoch: Vor einem Monat berichtete das Fernsehmagazin Kontraste über die Abhängigkeit des TÜVs von den Atomkonzernen. Der TÜV Süd ist beispielsweise eine Aktiengesellschaft. Zwei Drittel der Papiere werden vom TÜV-Süd e.V. gehalten. Mitglieder des Vereins sind unter anderem die Energiekonzerne E.on, Vattenfall und EnBW.

 
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