Joel Siegels Zukunft, sie hängt an zarten Pflänzchen auf einem schmalen Feld bei Freiburg. Die Himbeersträucher hat er gerade erst gepflanzt, gleich nebenan reifen Erdbeeren. Stolz stapft Siegel in dickem Wollpulli und kurzen Hosen durch den Matsch seiner Äcker, zeigt wie er sein Bioobst produziert. Seit einem halben Jahr ist der 31-jährige Landwirt Pächter der 20 Hektar Anbaufläche, des kleinen Wohnhauses, der alten Scheune und den schmalen Feldern, eingeklemmt zwischen ICE-Trasse und Bundesstraße. "Im letzten Herbst suchte ein alter Bauer einen Nachfolger für die Pacht dieses Hofes. Das war die Chance meines Lebens", sagt Siegel.

Doch anfangs verlief seine Existenzgründung alles andere als geplant. Siegel stand nach wenigen Monaten schon wieder vor dem Aus: Zu hoch waren die Kosten für die Renovierung der Gebäude, den Kauf von Geräten und die Umstellung auf Bioproduktion. Die Bezahlung für das wenige Obst, das ihm die Händler abnahmen, ließ auf sich warten, und die Banken wollten dem jungen Existenzgründer kein Geld leihen.

Der Retter des jungen Obstbauern sitzt in einem kleinen Hinterhofbüro in der Freiburger Innenstadt. Christian Hiß ist der Vorstandsvorsitzende der Regionalwert AG. Auf dem wackeligen Tisch vor ihm liegen bunte Unternehmensprospekte. Gleich nebenan werkeln Schreiner an Antikmöbeln, Metaller schweißen skurrile Fahrräder zusammen. Mit seiner Aktiengesellschaft hat Hiß 20.000 Euro in den Obstbauernhof Siegels gesteckt – und ihm so die Existenz gesichert.

 Wegen der vielen Risiken der wetterabhängigen Landwirtschaft würde ein Investmentbanker eine solche Investition wohl als Schwachsinn bezeichnen, bei Christian Hiß gehört sie jedoch zum Geschäftsmodell. Seine Aktiengesellschaft sammelt Geld bei Bürgern und investiert in Biolandwirte und Unternehmer der Ökobranche aus der Region. 460 private Geldgeber – vor allem aus Freiburg und Umgebung – haben bislang Aktien im Wert von 1,7 Millionen Euro gezeichnet. 724.000 Euro hat die AG bereits in Unternehmen investiert, unter anderem in eine Gärtnerei, einen Milchviehbetrieb, ein Catering-Unternehmen, mehrere Lebensmittelhändler und ein Weingut.

Alle Unternehmen kommen aus der Region, alle produzieren und arbeiten mit Bioprodukten. Die grünen Unternehmen bilden ein Netzwerk, kaufen sich gegenseitig Produkte ab, vermarkten sich gemeinsam. Gewinne will die Regionalwert AG über Gewinnbeteiligungen bei den Bauern, Pachteinnahmen und Beratungstätigkeiten erwirtschaften und an die Aktionäre als Dividenden ausschütten. Bisher mussten sich die Aktionäre in Geduld üben, Dividenden gab es noch nicht. Und auch für die Zukunft gibt das Unternehmen keine Gewinngarantie.

Für Hiß steht das Erwirtschaften der Dividende im Mittelpunkt. "Mir geht es nicht um Gemeinnützigkeit. Die Regionalwert AG ist kein Spendensammler, sondern ein Wirtschaftsunternehmen. Geld ist wichtig", sagt der 49-jährige Christian Hiß. Doch genauso wichtig sei das "Wie" des Geldverdienens. Mit seiner AG investiert er ausschließlich in Unternehmen, die nach europäischen Biostandards produzieren, also auf Pestizide und künstlichen Düngemittel verzichten und keine Monokulturen anbauen, die Böden zerstören. Außerdem überprüft die AG auch die soziale Nachhaltigkeit der Unternehmen – etwa, wenn es um die Bezahlung der Erntehelfer geht. "Auf diese Weise stärken wir die regionale Landwirtschaft und stellen die Weichen auf nachhaltiges Unternehmertum", sagt Hiß.