Nur wenige Minuten nachdem die Vorstandsvorsitzenden der größten Banken des Landes das Gebäude im Herzen Manhattans verlassen hatten, trat Robert Benmosche vor die Kameras. Der Chef des Versicherungsriesen AIG hatte gute Nachrichten. Das Unternehmen hatte die ausstehenden Schulden bei der New Yorker Notenbank in Höhe von 47 Milliarden Dollar zurückgezahlt, die angekündigte Kapitalerhöhung war abgeschlossen. "Wir haben endlich wieder eine normale Firma", verkündete Benmosche Mitte Januar. "Genau wie jedes andere Unternehmen mit einem Mehrheitseigner." Und man sah ihm die Erleichterung darüber an. Doch den Mehrheitseigner will Benmosche schon bald loswerden – denn es ist die US-Regierung.

Kurz zuvor hatten die Chefs der Kreditinstitute bei einem Treffen mit Benmosche und Regierungsvertretern darum gerungen, wer den Aktienverkauf als Konsortialbank betreuen darf. Denn was bevorsteht, könnte der größte Börsengang der Geschichte werden. Vier Banken setzten sich durch, darunter auch die Deutsche Bank. Wenn der Staat im März rund ein Drittel seiner AIG-Anteile auf den Markt wirft, könnte das bis zu 20 Milliarden Dollar erlösen. Innerhalb der kommenden zwei Jahre will die Regierung, die derzeit mehr als 92 Prozent an dem Konzern hält, komplett aussteigen. "Wenn alles über die Bühne ist, werden die Steuerzahler jeden Dollar zurückbekommen, den sie investiert haben – und vielleicht noch einen Gewinn machen", sagte Finanzsekretär Tim Massad.

Der Verkauf ist der krönende Abschluss eines Befreiungsschlages, der über zwei Jahre dauerte. In den dunkelsten Stunden der Konzerngeschichte, im Frühjahr 2009, als AIG Verluste von fast hundert Milliarden Dollar meldete, glaubte niemand mehr an ein solches Comeback. Selbst Offizielle der Behörden in Washington sprachen nur noch von einem "bodenlosem Fass", dessen Geschichte "eine sehr verstörende Aneinanderreihung von Pflichtverletzungen, Inkompetenz und Gier" sei. AIG war zum Symbol für Größenwahn geworden, zur Inkarnation der Finanzkrise.

Hank Greenberg hatte den Konzern in den vergangenen dreißig Jahren zum größten und angesehensten Versicherungskonzern der Welt aufgebaut. Schon bald versicherte AIG nicht mehr nur Unternehmen, sondern verkaufte komplizierte Finanzprodukte, investierte in Aktien, Staatsanleihen und Industriezweige rund um die Welt und vermietete Flugzeuge. Auto- und Lebensversicherungen verkaufte der Konzern fast nebenbei. Das einstige Versicherungsunternehmen war um die Jahrtausendwende auf fast 4000 Unternehmenszweige angeschwollen und beschäftigte 116.000 Mitarbeiter in 130 Ländern. AIG hatte eine Bilanzsumme von über einer Billion Dollar. "Der Konzern war unmöglich zu führen – und unmöglich zu verstehen", sagt Experte Jonathan Hatcher.

Das versuchten sich die Verantwortlichen zunutze zu machen. Im Jahr 2000 frisierten sie in einer folgenreichen Transaktion mit dem Rückversicherer GenRe die Bilanzen. Plötzlich standen 500 Millionen Dollar mehr auf dem Papier. Ein anonymer Hinweis rief die Behörden auf den Plan. Greenberg geriet unter Druck und musste zurücktreten. Von hier an ging es bergab.

Denn zu diesem Zeitpunkt war auch ein Londoner Zweig des Versicherungskonzerns namens AIG Financial Products unter Druck geraten. Die Unternehmenstochter hatte Finanzprodukte, die auf Namen wie mortgage-backed securities und collaterized-debt-obligations hörten und die Lieblinge der Finanzbranche geworden waren, im Auftrag der großen US-Banken massenhaft gegen Ausfälle versichert. Der Markt für die Papiere explodierte, zwischenzeitlich lag das Volumen bei 62 Billionen Dollar. Die Londoner Unternehmenssparte warf in den Boomjahren einen Profit von fünf Milliarden Dollar ab. "Den Geschäftsbereich so groß werden zu lassen, war ein Fehler", sagt Jonathan Hatcher, Kreditstratege und Versicherungsexperte bei CreditSights, rückblickend.

Denn als AIG wegen der gefälschten Bilanzen von den Ratingagenturen herabgestuft wurde, verlangten die Banken für die Kontrakte neue, milliardenschwere Sicherheiten. Als dann der Wert der Immobilien, die die Basis der Sicherheiten darstellten, in sich zusammenfiel und die Banken immer neue Sicherheiten einforderten, kam eine Spirale in Gang, an deren Ende Forderungen in dreistelliger Milliardenhöhe standen. Die Finanzgeschäfte drohten, den ganzen Konzern in die Tiefe zu reißen.