Die arabischen Länder und ihre Wirtschaftsstrukturen sind sehr verschieden, aber sie haben eins gemeinsam: Ihre Systeme sind klassische Staatsklassen- oder Patronagesysteme. Das erklärt, warum politische Unruhe in so unterschiedlichen Ländern gärt. Im reichen Bahrain, im beschaulichen Oman, im armen Jemen, im bevölkerungsreichen Ägypten und im rohstoffreichen Libyen wurden Prozesse losgetreten, die politische Reformen versprechen oder in den Austausch der politisch führenden Kaste münden, immer unter dem Druck unzufriedener Bevölkerungsschichten, vor allem aus der Mittelklasse.

Die Unzufriedenheit in all diesen Ländern rührt vor allem aus der Unfähigkeit der politischen Systeme, eine immer schneller wachsende Bevölkerung durch Jobs und Transferzahlungen aus öffentlichen Kassen ruhig zu stellen. Die bürokratische Staatsklasse deformiert das Wirtschaftssystem durch politische Investitionen, deshalb sind die arabischen Ökonomien degeneriert und wenig wettbewerbsfähig. Werden die Revolutionen dazu führen, dass sich eine selbst tragende Wirtschaft entwickelt, weg vom staatlichen Patronagesystem? 

Der Staat ist in allen arabischen Ländern der Entwicklungsmotor schlechthin. Legitimiert durch die kolonialen Befreiungskriege hat sich eine bürokratische Entwicklungsverwaltung etabliert, die alle Bereiche des öffentlichen Lebens dominiert. Naturgemäß haben die ölreichen Staaten hier die meisten Möglichkeiten, sich Renten aus dem Ölgeschäft anzueignen und damit sich selbst und andere strategische Gruppen zu privilegieren.

Die Unruhen in Bahrain sind vor allem damit zu erklären, dass die sunnitische Oberschicht der schiitischen Mehrheit den Zugang zu den Öl-Renten verwehrt hat, hier in Form von Arbeitsplätzen im öffentlichen Sektor. Ähnliches gilt für Libyen. Dort leitete das Regime in den vergangenen Jahren schrittweise eine leichte Öffnung des Wirtschaftssystems ein, konnte die so geweckten Erwartungen aber nicht erfüllen.

Selbst im rohstoffarmen Ägypten hat sich die Staatsklasse – insbesondere ihr Militärsegment – weite Teile der Wirtschaft einverleibt. In fast allen arabischen Ländern wurde in den vergangenen Jahren fleißig privatisiert. Am generellen Charakter der Staatsklassen hat sich hingegen nichts geändert. Günstlinge und Mitglieder der Staatsklasse erlangten im Zuge undurchsichtiger Privatisierungen das Eigentum über Betriebe, die dann Güter für westliche Geldgeber produzierten. Besonders fatal war, dass die Staatsklassen nicht in der Lage waren, einen kaufkräftigen Binnenmarkt zu schaffen. Es gab keinen Massenkonsum, der die Volkswirtschaften hätte tragen können. Die Fokussierung auf Rohstoffexporte allein reicht aber nicht aus, selbsttragende Wirtschaftsprozesse zu etablieren.



Auch gab es in der arabischen Welt keinen Erfolg in der Integration von Märkten, wie sie in Europa und Südamerika stattfand. Kooperationen zielten vor allem auf Sicherheitsfragen. Eine Studie arabischer Ökonomen aus den 1990er Jahren rechnete für den Fall, dass es keine regionale wirtschaftliche Kooperation geben würde, mit einem Minuswachstum in fast allen Ländern und einem Auseinanderbrechen von fragilen Staaten. Das Szenario hat sich zumindest im Fall des Sudan und auch in der De-facto-Teilung des Irak bewahrheitet. Ohne den Anstieg der Ölpreise wären auch die Golfstaaten darin gefangen.

Die Bevölkerung fast aller arabischer Länder ist zu mehr als 30 Prozent im jugendlichen Alter. Die Zahl der Arbeitskräfte wuchs in den vergangenen Jahren enorm. Selbst Länder wie etwa Tunesien, die in letzter Zeit einigen Fortschritt bei der Positionierung als Outsourcing-Partner für frankophone Unternehmen erzielen konnten, waren nicht in der Lage, dieses enorme Wachstum an Arbeitskräften zu verkraften. So ist es nicht erstaunlich, dass es meist junge Leute waren, die auf die Straßen gingen. Die Revolte hatte zunächst keine ideologischen Auslöser, sondern wurde getragen von jungen chancenlosen Menschen, die ihre Lebensbedingungen verbessern wollten.