Wirtschaftskriminalität Rohstoffbanden plündern deutsche Unternehmen

Die hohen Metallpreise lassen eine neue Form organisierter Kriminalität entstehen. Banden stehlen Lkw-Ladungen und räumen Lager leer. Spuren führen nach Südosteuropa.

Der Abholer ließ sich den Diebstahl ordnungsgemäß quittieren. Ganz offiziell, mit allen erforderlichen Frachtdokumenten, lenkt der Fahrer der tschechischen Spedition Kamil Kantek seinen Sattelschlepper auf das Gelände der Gießerei Südguss in der brandenburgischen Kleinstadt Ortrand. Niemand im Warenlager des mittelständischen Betriebes schöpft Verdacht an diesem 25. Mai. Eine Unterschrift, ein Firmenstempel, gegen 14 Uhr lädt ein Gabelstaplerfahrer von Südguss 31 Paletten graue Rohrgussteile auf den Lkw. Zwei Unternehmen in Monteccio, in der italienischen Region Umbrien, hatten die 20-Tonnen-Ladung im Wert von 40.000 Euro bestellt.

Angekommen sind die Werkstücke in Mittelitalien nie. Tage später geht bei Südguss-Niederlassungsleiter Jens Muschter die Hiobsbotschaft ein: Die wertvolle Fracht lässt noch immer auf sich warten.

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Der 25. Mai 2011 geht auch in der Keulahütte, im 90 Kilometer entfernten sächsischen Grenzstädtchen Krauschwitz, als schwarzer Tag in die Firmengeschichte ein. Die älteste Gießerei Sachsens, die im 15. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt wurde, hat 33 Paletten mit Gussteilen zum Abtransport für einen Kunden in Österreich bereitgestellt. Wieder fährt ein 24-Tonner der Spedition Kamil Kantek auf dem Werksgelände vor. Wieder werden Frachtpapiere ordnungsgemäß unterschrieben und abgestempelt, werden Paletten aufgeladen, verlässt der Lkw den Werkshof vermeintlich in Richtung Bestimmungsort. Und wieder erreicht die Ladung ihr eigentliches Ziel nie. Ermittler stellen später fest, dass Keulahütte genau eineinhalb Stunden nach Südguss auf dieselbe tschechische Spedition hereingefallen war. Die Spedition war nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Auftakt einer Diebstahlserie

Die beiden Gießereien bildeten den Auftakt zu einer Diebstahlserie, die inzwischen weite Teile der deutschen Industrie aufschreckt. Renommierte Unternehmen wie Airbus, die Bosch-Tochter Buderus oder ThyssenKrupp, aber auch weniger illustre Adressen wie Recyclingfirmen und größere Schrottplätze – fast alle Metall verarbeitenden Unternehmen – sind zur Zielscheibe systematischer Trickbetrüger und Rohstoffräuber geworden. "Es gibt im Moment jede Woche mindestens einen Diebstahl, bei dem mehr als eine Tonne geklaut wird", sagt Ralf Schmitz, Hauptgeschäftsführer beim Verband Deutscher Metallhändler.

Allein durch Frachtdiebstahl gehen deutschen Unternehmen, so eine Studie des Europäischen Parlaments, jedes Jahr Waren im Wert von 1,5 Milliarden Euro verloren. Europaweit summieren sich diese Schäden auf 8,5 Milliarden Euro pro Jahr. Einen ähnlich hohen Betrag setzen Experten für den Rohstoffklau vom Werksgelände an. Fünfmal höher sind in der Regel die Folgeschäden. Durch den Zusammenbruch der Lieferketten, etwa durch Produktionsausfälle und Betriebsstörungen, gehen der deutschen Wirtschaft bis zu zehn Milliarden Euro pro Jahr verloren.

Der grassierende Rohstoffklau hat mehrere Gründe. "Die reichen von den hohen Preisen über den technischen Fortschritt bei der Produktion neuer Metalle bis hin dazu, dass das Diebesgut kaum von legaler Ware zu unterscheiden ist", sagt ein Manager eines großen deutschen Rohstoffunternehmens. Weil vor allem Schwellenländer wie China und Staaten wie die Türkei oder die Arabischen Emirate für die wachsende Industrie und die Bauwirtschaft Metall brauchen, sind die Preise trotz der Schwankungen der vergangenen Tage seit 2003 um das Dreifache gestiegen. Da lohnen sich weiträumige Diebestouren. Denn die gestohlenen Metalle sind bei einer Polizeikontrolle auf den ersten Blick nicht von legalem Schrott zu unterscheiden. "Nie ließ sich Diebesgut weltweit leichter loswerden", sagt ein Hüttenmanager.

Metalldiebstähle sorgen schon länger für Schlagzeilen in den Regionalzeitungen. Doch was bisher an die Öffentlichkeit kam, waren meist die Taten kleiner Krimineller, die Grablichter aus Messing und Bronze von Friedhöfen stibitzten oder Kupferkabel an Bahngleisen mitgehen ließen und sie dann beim nächsten Schrottplatz für ein paar Euro vertickten.

Gewinnschwelle erreicht

Mit dem Ende der scharfen Wirtschaftskrise vor zwei Jahren wurde schnödes Metall auch für organisierte Kriminelle wieder Gold wert. Kupfer kostet derzeit 5.500 Euro pro Tonne, viermal so viel wie vor acht Jahren, der Preis für Aluminium, Zink oder Blei ist bis dreimal so hoch. Da lohnt sich selbst der Transport über lange Strecken und trotz hoher Spritkosten – Hauptsache der Abnehmer liegt in einer Region, wo die Lieferanten nicht so scharf kontrolliert werden.

Das Geschäft mit geklauten Rohstoffen ist mittlerweile hoch profitabel. "Zwar bringt die illegale Ware oft nur gut die Hälfte der Einnahmen im Vergleich zur legalen", sagt ein Insider. Doch die Gestehungskosten der Hehlerware sind niedriger. "Diebstahl und Transport eines Containers voller Schrott kosten inklusive Personal nur ein paar Tausend Euro", so der Insider. Dieser Betrag werde bereits durch den Verkauf weniger Tonnen gedeckt. Da ein Container 20 Tonnen und mehr fasse, sei die Gewinnschwelle schnell erreicht. Vor allem kleinere Unternehmen aus wirtschaftlich schwächeren Staaten seien auf solche Lieferungen angewiesen, weil sie sich auf legalem Weg kaum noch zu bezahlbaren Preisen eindecken könnten. Hinzu kommt, dass die Hütten zunehmend Schrott minderer Güte verarbeiten könnten, ohne dass die Qualität des Endmaterials leidet. "Damit lässt sich natürlich das Diebesgut weltweit viel leichter verkaufen", sagt ein Hüttenmanager.

Leser-Kommentare
  1. In anderen Ländern auch sehr beliebt: Stromkabel von den Masten klauen und als Kupfer verkaufen.

  2. Wo ist denn das Problem? Das Volk und auch die Unternehmen wollten doch mehr EU und mehr Globalisierung und gegen das Schengen-Abkommen haben sich auch nur die allerwenigsten geäußert. Nun sollen sie selber sehen, wie sie das Problem überstehen.

    Pech gehabt!

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    • tuo
    • 12.10.2011 um 18:42 Uhr

    Wir wollten Grenzen aufweichen und haben die vielen Vorteile, die das mit sich bringt tatsächlich höher bewertet, als die Nachteile. So ein Verhalten muss sofort bestraft werden. Insofern sollten wir den Banden danken. Schließlich belangen sie lediglich, was ohnehin jeder verurteilen sollte: Optimismus, Vertrauen und die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft. "Pfui Teufel!" rufe ich bei solchen Werten. Ohnehin ist es eine Unart, dass jedes Opfer einer Straftat sich beschweren, ja gar um Hilfe und Aufklärung bitten darf. Erstmal sollte ganz minutiös geklärt werden, welche Handlungen des Opfers in der Vergangenheit zu seienm Unheil geführt haben. Wo kommen wir denn hin, wenn jedermanns Rechte verteidigt werden sollen?

    • tuo
    • 12.10.2011 um 18:42 Uhr

    Wir wollten Grenzen aufweichen und haben die vielen Vorteile, die das mit sich bringt tatsächlich höher bewertet, als die Nachteile. So ein Verhalten muss sofort bestraft werden. Insofern sollten wir den Banden danken. Schließlich belangen sie lediglich, was ohnehin jeder verurteilen sollte: Optimismus, Vertrauen und die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft. "Pfui Teufel!" rufe ich bei solchen Werten. Ohnehin ist es eine Unart, dass jedes Opfer einer Straftat sich beschweren, ja gar um Hilfe und Aufklärung bitten darf. Erstmal sollte ganz minutiös geklärt werden, welche Handlungen des Opfers in der Vergangenheit zu seienm Unheil geführt haben. Wo kommen wir denn hin, wenn jedermanns Rechte verteidigt werden sollen?

    • tuo
    • 12.10.2011 um 18:42 Uhr

    Wir wollten Grenzen aufweichen und haben die vielen Vorteile, die das mit sich bringt tatsächlich höher bewertet, als die Nachteile. So ein Verhalten muss sofort bestraft werden. Insofern sollten wir den Banden danken. Schließlich belangen sie lediglich, was ohnehin jeder verurteilen sollte: Optimismus, Vertrauen und die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft. "Pfui Teufel!" rufe ich bei solchen Werten. Ohnehin ist es eine Unart, dass jedes Opfer einer Straftat sich beschweren, ja gar um Hilfe und Aufklärung bitten darf. Erstmal sollte ganz minutiös geklärt werden, welche Handlungen des Opfers in der Vergangenheit zu seienm Unheil geführt haben. Wo kommen wir denn hin, wenn jedermanns Rechte verteidigt werden sollen?

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    Antwort auf "Selber schuld"
  3. Wer hätte das gedacht?!

    Bitte beteiligen Sie sich mit sachlich argumentierten Beiträgen an einer möglichst konstruktiven Diskussion. Danke, die Redaktion/lv

  4. Es ist seit Jahren bekannt, dass Tätergruppen aus Osteuropa recht einfallsreich sind, wenn es um neue Kriminaltiätsformen geht. Ob Skimming, Sprengen von Geldautomaten, Ladungsklau, jeden Tag kann man es in der Presse verfolgen.
    Auf Griechenland wird verständlicherweise Druck ausgeübt, um seinen Haushalt zu sanieren. Es wäre angebracht, auf die osteuropäischen Länder auch Druck auszuüben, um die von dort auf andere europäische Länder überschwappende Kriminalität einzudämmen.

  5. Ich sehe da gewisse Parallelen zu der aktuellen Plünderung unserer Staatskasse infolge der europäischen Schuldenkrise, bei der ebenfalls Südeuropa im Fokus steht.

    Ein gewichtiger Unterschied zu der in dem Artikel thematisierten Plünderung deutscher Unternehmen ist allerdings, dass bei der Schuldenkrise der deutsche Staat als Geschädigter durch seine bevollmächtigten Vertreter der Plünderung nicht nur ausdrücklich zustimmt, sondern diese sogar aktiv mitveranlasst.

    • Karl7
    • 12.10.2011 um 20:28 Uhr

    Mal ganz frech gesagt: Wie man sich bettet so liegt man. Es muss mal eine Zeit gegeben haben, in der lokale Unternehmen mit Personal als der lokalen Umgebung den Warentransport direkt übernahmen. Heute wird über Onlinebörsen ein Auftrag an völlig Unbekannte übergeben, die wiederum nur als Zwischenstation Geld abgreifen um dann letztendlich einen Auftrag an ausländische Ausführende zu vergeben. Bei denen bleibt dann im ordnungsgemäßen Transportfall auch nichts mehr hängen außer Lenkzeitüberschreitungen und überaltete, gefährliche Technik.

    Vielleicht helfen solche Vorfälle auch zu einer Rückbesinnung darauf, dass Tugenden wie Qualität, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit auch etwas kosten.

    Aber immer schön weiter mit Geiz ist Geil!

  6. auf die Lauer legen und im Falle des Falles das örtliche Kommissariat anrufen. Ggf. Dokumentations- oder Überwachungstechnik einsetzen.

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