Die Solarbranche hat sich, allen Diskussionen um die teure Förderung zum Trotz, ein gutes Image in Deutschland erarbeitet. Ein nationaler Liebling wie Lukas Podolski wirbt für sie, Bürger und Kommunen errichten Solaranlagen. Nur über die Arbeitsbedingungen reden die Unternehmen nicht gerne – nicht einmal, wenn sie, wie bei Bosch Solar Energy in Thüringen, gut sind. Dort wurde der erste ostdeutsche Haustarifvertrag der Solarbranche mit den Gewerkschaften abgeschlossen. Seit September gilt in dem Unternehmen eine 38-Stunden-Woche. Dazu kommen nach Angaben der IG Metall Lohnsteigerungen für mehr als 90 Prozent der Beschäftigten.

Von solchen Konditionen können viele Beschäftigte in anderen Solarunternehmen nur träumen. Niedriglöhne wie im Dienstleistungsbereich, Leiharbeit und lange Arbeitszeiten prägen die Branche. Ein Flächentarifvertrag, den die IG Metall fordert, scheitert schon daran, dass es keinen Arbeitgeberverband gibt. Der Bundesverband Solarwirtschaft, in dem die Branchengrößen zusammengeschlossen sind, begreift sich als reine Lobbyorganisation.

Die schlechten Arbeitsbedingungen sind auch eine Folge der Ansiedlungspolitik. Firmen wie Solarworld oder Conergy haben ihren Verwaltungssitz im Westen, ihre Fabriken aber im Osten errichtet. Fördergelder und billige Arbeitskräfte winkten. Brandenburg etwa setzte nach Flops mit einer Zeppelinfabrik und einem Formel-1-Kurs ab 2007 auf die Ansiedlung der boomenden Solarindustrie, beispielsweise Aleo Solar in der strukturschwachen Uckermark. Der Modulhersteller wurde 2011 von Bosch vollständig übernommen. Der Thüringer Tarifvertrag gilt dort aber nicht – wohl einer der Gründe, warum Bosch ihn nur zurückhaltend bewirbt.

Solarkrise trifft die Leiharbeiter zuerst

In Frankfurt an der Oder, vom Investor Center Ostbrandenburg gerne auch "Solar City" genannt, hat eine ganze Reihe von Firmen investiert: der US-Konzern First Solar etwa oder Conergy. Der IG Metall waren die Bedingungen bei Conergy von Anfang an ein Dorn im Auge: Zeitweise bestand die 700-köpfige Belegschaft zu einem Drittel aus Leiharbeitern, die Löhne sind niedrig, die Schichten zwölf Stunden lang. "Leiharbeiter bekommen zwischen 6,90 und 7,20 Euro die Stunde, die Stammbelegschaft zwischen zehn und zwölf Euro", sagt Betriebsrat Harald Frick. Hinzu kommen Zuschläge für Wochenend- und Nachtschichten. Conergy macht keine genauen Angaben über die Lohnhöhe, sagt aber, dass diese auf jeden Fall über den Forderungen aller Parteien für einen gesetzlichen Mindestlohn lägen.

Im vorigen Jahr, als die Solarbranche glänzend verkaufte, übernahm Conergy 100 Leiharbeiter in die Festanstellung. Auch wenn dies bei Conergy offiziell niemand zugeben mag – den Schritt dürfte das Solarunternehmen heute bedauern. Anfang September beschloss der angeschlagene Konzern, die Herstellung der Vorprodukte einzustellen, nur die Modulfertigung bleibt. Die letzten hundert Leiharbeiter müssen gehen, hundert Festangestellte sollen folgen. Betriebsrat und Unternehmen verhandeln über die fest Angestellten. In Frankfurt an der Oder geht die Angst um, dass sich Conergy in die Reihe der gescheiterten Projekte einreihen könnte.

Conergy ist kein Einzelfall. Der deutsche Solarmarkt ist nach Subventionskürzungen eingebrochen, gleichzeitig dringen chinesische Hersteller vor, die dank niedriger Löhne und hohen staatlichen Beihilfen billigere Module anbieten können. Q-Cells in Sachsen-Anhalt hat sich 2011 von nahezu allen Leiharbeitern getrennt. Selbst der als krisenfest geltende Wechselrichterhersteller SMA bei Kassel entlässt bis zum Jahresende 1.000 Zeitarbeiter. SMA gilt branchenintern als Vorbild, was die Arbeitsbedingungen betrifft: Den Leiharbeitern wurde dort der gleiche Lohn wie den fest Angestellten gezahlt.

Milan Nitzschke, Sprecher von Solarworld, verteidigt den Einsatz der Leiharbeit als unverzichtbar – die Solarbranche sei noch im Aufbau. "Das Instrument ist ja eigens für solche Phasen geschaffen worden. Zudem ist der Markt heftigen Schwankungen unterworfen", sagt Nitzschke. Solarworld entließ Anfang September 200 seiner 500 Leiharbeiter im sächsischen Freiberg, nachdem ein neues Werk in Betrieb genommen wurde.

 Große Marktbereinigung – zugunsten der Chinesen

Nitzschke verweist darauf, dass Solarworld seinen Beschäftigten "gewinnorientierte Zusatzzahlungen" gewährt habe. Andere Unternehmen werben im Internet mit ihrer Work-Life-Balance oder einer Auszeichnung als attraktiver Arbeitgeber durch das Great Place to Work Institute. Sind die Klagen der IG Metall also nur die Klagen einer frustrierten Gewerkschaft, die einer neuen Branche nicht ihr gewohntes Regelwerk aus Tarifverträgen und traditionellen Arbeitsformen aufzwingen kann?

Die Wahrheit ist ein bisschen komplizierter. Ilona Bergmann (Name von der Redaktion geändert), gewerkschaftlich engagiert, arbeitet bei einem der gefeierten Newcomer unter den ostdeutschen Solarfirmen. Einem Interview stimmt sie nur unter der Bedingung zu, dass sie und ihr Arbeitgeber nicht namentlich genannt werden – das Unternehmen könne in der Solarkrise nicht noch mehr schlechte Schlagzeilen gebrauchen. "Wir kämpfen darum, dass sich unsere innere Sichtweise des Unternehmens dem guten äußeren Image anpasst", sagt Bergmann, die zuvor bei einem deutschen Traditionsunternehmen in der Metallbranche gearbeitet hatte.

Anfangs war sie schockiert über die niedrigen Löhne. Aber das Hauptproblem seien vor allem die langen Arbeitszeiten von bis zu 50 Wochenstunden. Das Management habe massiv dagegen geschossen, als sich Protest äußerte, berichtet Bergmann. "Ich verstehe nicht, dass Leute, die früher einmal fortschrittlich waren und auf Anti-Akw-Demonstrationen gegangen sind, schlechte Arbeitsbedingungen für selbstverständlich halten." Diese gelten nach Auskunft von Bergmann allerdings nur für die einfachen Angestellten und Arbeiter, im Management werde zumindest ordentlich verdient. Ein großer Teil der Beschäftigten sei anfangs hoch motiviert gewesen, in der Erneuerbaren-Branche arbeiten zu dürfen. Die Begeisterung sei inzwischen aber stark gebröckelt.

Ruf nach staatlicher Hilfe

Fehlendes Bewusstsein für die schlechten Arbeitsbedingungen attestiert auch ein leitender Mitarbeiter eines großen deutschen Solarunternehmens, der ebenfalls nicht namentlich zitiert werden möchte. Doch die Schuld gibt er letztlich den Verbrauchern: "Glauben Sie, ein Kunde fragt, unter welchen Bedingungen seine Solarmodule produziert worden sind?" Selbst Umweltprobleme interessierten nicht: Mitte September gingen chinesische Dorfbewohner gegen die Verschmutzung eines Flusses durch den Hersteller Jinko Solar auf die Barrikaden. Die deutschen Käufer hätten dies nicht einmal zur Kenntnis genommen, meint der Branchenvertreter.

China hat in der deutschen Solarbranche große Ratlosigkeit ausgelöst. Wolfgang Hummel vom Berliner Zentrum für Solarmarktforschung sieht angesichts der hohen Kosten in Deutschland kaum noch Chancen für die hiesigen Hersteller. Er prophezeit eine große Marktbereinigung, an deren Ende allenfalls einige wenige deutsche Hersteller übrig bleiben. Hummel gilt als notorischer Pessimist in der Branche. Doch auch die IG Metall zeigt sich beunruhigt. Sascha Treml vom Bundesvorstand fordert, mehr Geld in Forschung und Entwicklung zu stecken, um konkurrenzfähig zu bleiben. Dietrich Termöhlen von der IG Metall Erfurt, der den Tarifvertrag bei Bosch Solar mit ausgehandelt hat, will mehr Subventionen für die deutschen Firmen: "Wenn die Solarindustrie nicht von der Regierung unterstützt wird, kommt sie gegen die Chinesen nicht an."

Träfe Hummels Solar-Apokalypse ein, hätten die ostdeutschen Unternehmensförderer umsonst jahrelang eine Niedriglohnbranche aufgepäppelt. In Branchenkreisen heißt es jedenfalls, einen Flächentarifvertrag werde es wohl erst geben, wenn sich der Markt auf fünf oder sechs deutsche Modulhersteller reduziert habe.