Arbeitsmarkt Amazons günstige Aushilfen vom Jobcenter

Für das Weihnachtsgeschäft sucht der Internethändler Amazon Tausende Aushilfen zum Packen. Kommen sie vom Jobcenter, müssen sie oft zur Probe arbeiten – ohne Bezahlung.

Der Vermittlungsvorschlag kam Anfang September. Ein Job im Lager des Versandhändlers Amazon in Werne, befristet bis Ende des Jahres. Rolf Büttner (Name von der Redaktion geändert) sollte Weihnachtsgeschenke einpacken: Bücher, Küchengeräte, Kameras – für 9,65 Euro pro Stunde. Der 43-Jährige sucht seit fünf Jahren eine Arbeit. Der Vorschlag vom Jobcenter klang nicht schlecht, fand er.

Drei Wochen später ändert er seine Meinung. Auf der Infoveranstaltung des Unternehmens erfährt Büttner: Für einen Dreimonatsvertrag soll er zwei Wochen zur Probe arbeiten. Ohne Bezahlung.

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Eigentlich könnte ihm das egal sein; er bekäme in der Zeit weiterhin sein Arbeitslosengeld – aber Büttner ist wütend. "Mir geht es um die Masse", sagt er. Schließlich sucht Amazon vor Weihnachten zuhauf Aushilfen, allein im münsterländischen Werne mehr als 2.000, in Leipzig über 2.800, im hessischen Bad Hersfeld 4.500. Der Bedarf ist so groß, dass das Unternehmen sogar im über 600 Kilometer entfernten Stralsund um Aushilfen für Bad Hersfeld wirbt.

Kostenlos zur Probe arbeiten müssen dabei lediglich Arbeitslosengeldempfänger. "Bewerber, die über die Arbeitslosenvermittlung zu uns kommen", teilt Amazon auf Anfrage von ZEIT ONLINE mit, "erhalten für eine kurze Zeit weiterhin ihre Bezüge von der Agentur für Arbeit, da das Training die Wiedereingliederungsaussichten in den Arbeitsmarkt verbessert."

Arbeiten nur tausend Arbeitslose zwei Wochen lang umsonst, spart das Unternehmen mehrere Hunderttausend Euro. Statt Amazon bezahlt dann weiterhin der Staat. Und bei fünf Logistikzentren in Deutschland – zwei davon sind ganz neu – dürfte die Probezeit nicht nur tausend, sondern noch mehr Arbeitslose betreffen.

In Graben bei Augsburg hat sich Anton Huber (Name von der Redaktion geändert) auf eine Stelle beworben. Auch er erfährt bei der Infoveranstaltung von der Regelung; eine Woche lang soll er getestet werden. Maßnahme beim Arbeitgeber (MAG) nennt sich das. Rund 60 Prozent derjenigen, die die Augsburger Arbeitsagentur an Amazon vermittelt, bekommen eine MAG.

Das betreffe in Graben aber nur schwer vermittelbare Fälle, sagt Roland Fürst, Geschäftsführer der Augsburger Arbeitsagentur. Dazu ist die MAG eigentlich auch gedacht: Sie soll bei Wackelkandidaten klären, ob sie zu einer bestimmten Arbeit in der Lage sind. Sie ist nicht dazu gedacht, einem Unternehmen jeden Arbeitslosen zwei Wochen lang kostenlos zur Verfügung zu stellen. 

Leser-Kommentare
  1. Tja, so geht's mit Ausnahmen und Sonderfällen in Gesetzen. Ist ja fast wie unser Steuerrecht...

  2. gesehen, ist das Ausnutzen von Angeboten des Jopcnters nicht zu beanstanden. Auch in dem Unternehmen in dem ich arbeite, werden ab und zu Leute auf Probe beschäftigt.
    Leiharbeitsfirmen akzeptieren oft eine Probearbeit von 1 bis 3 Tage. Die Arbeitsagenturen müssen nicht wirtschaftlich handeln, die können mehr akzeptieren.

    Ich bin auf dem Lande groß geworden. Mein Opa zog jedes Jahr 2 oder 3 Schweine groß und schlachtete sie für den Eigenbedarf. Ich kann mich noch gut erinnern, daß regelmäßig Schweinehändler mit speziellen Autos durch unsere Straße fuhren und junge Ferkel anboten. Mein Opa suchte sich ab und zu welche aus. Für uns Kinder war das immer interessant zu beobachten.

    Heute kommen geschniegelte, Selbständige ins Büro und bieten ihre Ware an. Wir können die dann zur Probe arbeiten lassen.
    Ich möchte auf keinen Fall Menschen mit Ferkeln vegleichen - genau das möchte ich nicht. Aber die Menchenverleiher erionnern mich irgendwie an die Ferkelhjändler aus meinr Kindheit. Leider!

    Ich finde, daß diese Arbeitnehmerübelassung die schlimmste Errungenschaft des 21. Jahrhunderts ist. Vor 30 Jahren galten noch ganz enge Grenzen in diesem sensibeln Bereich. Da woillte niemand Menschen zu Ferkeln machen, das war damals verboten.
    PS
    In den letzen 5 Jahren haben wir einen einzigen Arbeitnehmer langfristig übernommen....

    16 Leser-Empfehlungen
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    • BEKET
    • 07.11.2011 um 18:38 Uhr

    Wenn Arbeitnehmerüberlassung gut und ehrlich gemacht würde, ist es für beide Seiten eine Chance. Nur das ist es heute leider nicht. Alleine schon der Begriff aus der Branche "Humankapital" zeigt, wie Menschen verachtend die Einstellungen sind.

    Hinzu kommen Firmen - und nicht wenige - die es schamlos ausnutzen, dass Jobcenter und Gemeinden mit einem Lohnzuschuss von bis zu 85% gehen. Ausgelegt auf 6 Monate. Diese Zeit wird dem Arbeitnehmer NICHT auf das ALG I angerechnet. Nach 6 Monaten wird dem Arbeitnehmer unter einem Vorwand gekündigt und ein neuer bei den Jobcentern angefordert. Eine Chance für den 1. Arbeitsmarkt ist dies also in keinem Fall. Es ist aber eine absolut Top Chance für die "Habenseite" der Firmenkonten.

    Dies mag wirtschaftlich gesehen für die Firmen korrekt sein. Menschlich gesehen ist es ein einziges Desaster und nur cm von moderner Sklavenhaltung entfernt. Von den Jobcentern und Städten wird dieses Verhalten akzeptiert. Nur ganz wenige reagieren und handeln den Firmen gegenüber. Traurig aber wahr.

    • BEKET
    • 07.11.2011 um 18:38 Uhr

    Wenn Arbeitnehmerüberlassung gut und ehrlich gemacht würde, ist es für beide Seiten eine Chance. Nur das ist es heute leider nicht. Alleine schon der Begriff aus der Branche "Humankapital" zeigt, wie Menschen verachtend die Einstellungen sind.

    Hinzu kommen Firmen - und nicht wenige - die es schamlos ausnutzen, dass Jobcenter und Gemeinden mit einem Lohnzuschuss von bis zu 85% gehen. Ausgelegt auf 6 Monate. Diese Zeit wird dem Arbeitnehmer NICHT auf das ALG I angerechnet. Nach 6 Monaten wird dem Arbeitnehmer unter einem Vorwand gekündigt und ein neuer bei den Jobcentern angefordert. Eine Chance für den 1. Arbeitsmarkt ist dies also in keinem Fall. Es ist aber eine absolut Top Chance für die "Habenseite" der Firmenkonten.

    Dies mag wirtschaftlich gesehen für die Firmen korrekt sein. Menschlich gesehen ist es ein einziges Desaster und nur cm von moderner Sklavenhaltung entfernt. Von den Jobcentern und Städten wird dieses Verhalten akzeptiert. Nur ganz wenige reagieren und handeln den Firmen gegenüber. Traurig aber wahr.

  3. Darüber hinaus: Die Jobcenter und Arbeitsämter sind auch recht resistent, wenn man ihnen Arbeitgeber anzeigt, bei denen die Arbeitsbestimmungen nicht eingehalten werden. Rein gefühlt gehören da 2 Wochen Umsonstarbeit für mich schon dazu, aber das ist nur meine Meinung.

    Fazit:

    Arme haben keine Wahl und sind diesem System schutzlos ausgeliefert.
    Und der Steuerzahler, bereichert einmal wieder diejenigen die alles haben.

    Da könnte ich ...

  4. Tja, werte SPD-Grüne-FDP-CDU-Wähler: diese Entwicklung war politisch gewollt. Da hilft alles Gefasel von "christlicher Soziallehre", "Sozialdemokratie" oder am schmlimmsten: "freier Marktwirtschaft" nichts. Die konkreten Personen, die diese Enthemmung gefördert und jeglichen Anstand verloren haben, sind endlich zur Verantwortung zu ziehen.

    • 15thMD
    • 07.11.2011 um 17:31 Uhr

    Ich werde mich hiermit sicher nicht allzu beliebt machen, aber wenn ein Unternehmen eine solch offensichtliche Gesetzeslücke ausnutzt, ist das wirklich nicht verwerflich. Eher sollte man Amazon Blumen schicken, da sie diesen Missstand, von dem in sehr vielen Unternehmen, wenn auch nur im kleinen, profitiert wird, aufgedeckt haben und durch sie es Aufmerksamkeit in der Presse bekommt. Wen interessiert es schon, wenn es der 100 Mann Betrieb in der Nachbarschaft macht? Bei einem Weltunternehmen hat das einen Artikel in der Zeitung verdient.
    Da sitzen viel Geld verdienende Politiker und Beamte in den Ministerien und lösen nichteinmal so ein Problem. Das ist nichtmehr witzig.

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    Sie haben absolut Recht. Freuen wir uns, dass solche Weltunternehmen sich nicht zu schade sind, die Gesetze so auszunutzen, wie es möglich ist. Denn nur dann kommt so etwas ans Tageslicht und eine Änderung ist wahrscheinlich. Würde es ein kleines, mittelständisches Unternehmen machen, würden wir diesen Missstand nie erfahren und nichts würde sich ändern. So vielleicht auch nicht, aber wir sprechen mal zumindest darüber. Steter Tropfen hölt den Stein (siehe Mindestlohn).

    Sie haben absolut Recht. Freuen wir uns, dass solche Weltunternehmen sich nicht zu schade sind, die Gesetze so auszunutzen, wie es möglich ist. Denn nur dann kommt so etwas ans Tageslicht und eine Änderung ist wahrscheinlich. Würde es ein kleines, mittelständisches Unternehmen machen, würden wir diesen Missstand nie erfahren und nichts würde sich ändern. So vielleicht auch nicht, aber wir sprechen mal zumindest darüber. Steter Tropfen hölt den Stein (siehe Mindestlohn).

    • serins
    • 07.11.2011 um 17:36 Uhr

    aber dass das nun ein Amazon Problem ist, ist doch weit hergeholt. Die Quersubventionierung von Arbeit geht doch durch den gesamten Mittelstand und in der Nahrungskette hängen noch Weiterbildungsinstitute, Zeitarbeitsfirmen, Mitarbeiter der Jobcenter etc..
    Spannend wird es wenn eine Jobcenterchef eine eigene Firmen besitzt und sich dann auch noch schön aus dem Topf bedient. http://www.volksstimme.de..., http://www.volksstimme.de...

  5. Auf die Idee, Menschen wochenlang umsonst bei Großunternehmen arbeiten zu lassen und Ihnen das noch als "Chance" (auf einen Dreimonatsvertrag!) zu verkaufen muss man erst mal kommen. Zynismus at its best.

    Wer da nicht bemerkt, wessen Interessen hier von den Jobcentern durchgesetzt werden, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. So saniert der Steuerzahler über das Alg II das Geschäftsmodell von Amazon & Co. und der "Praktikant" ist im Januar wieder beim Jobcenter. Das findet man bei CD/CSU/SPD/Grünen offenbar auch völlig okay so aber wehe der Arbeitslose versäumt einen Termin - dann muss sofort und mit aller Härte sanktioniert werden.

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