Wie sehr sich die Aufsichtsräte in der Branche eines Unternehmens auskennen, scheint für ihre Berufung irrelevant zu sein. "Die meisten der zentral positionierten Personen lassen sich eher als ’Generalisten’ charakterisieren." Der Allianz Finanzexperte Paul Achleitner etwa beaufsichtigt das Chemieunternehmen Bayer genauso wie den Autobauer Daimler. Die berüchtigte "Deutschland AG", jener Kern von Konzernen, der jahrzehntelang die deutsche Wirtschaft dominierte – zumindest in den Aufsichtsräten scheint sie weiter zu existieren.

Wie weit die Machtkonzentration der Topkonzerne reicht, zeigen Forscher der Züricher Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH). Sie haben die Eigentumsverhältnisse bei über 40.000 internationalen Unternehmen untersucht – und stießen auf einen Kern von rund 1300 Firmen, die 80 Prozent des Gesamtnetzwerks der Unternehmen gewichtet nach Börsenwert kontrollieren können.

Damit nicht genug: Das Zentrum bilden 147 Akteure, die allein 40 Prozent aller erfassten Unternehmen kontrollieren. "Dass dieser Kern so klein und so klar zu erkennen ist, hat uns wirklich überrascht", sagt James B. Glattfelder, einer der Autoren der Studie. "Normalerweise sind so starke Kerne viel größer, machen vielleicht 20 Prozent des Gesamtsystems aus, hier sind es deutlich weniger als ein Prozent." Und diese wenigen Unternehmen, angeführt von Banken und Versicherungen wie Barclays oder der amerikanischen Capital Group, kontrollieren sich zum Großteil auch noch untereinander.

"Die Konzentration ist viel größer als zum Beispiel bei der Wohlstandsverteilung oder den Arbeitseinkommen", sagt Forscher Glattfelder. Die Ergebnisse sind stabil, egal ob man als Maßstab für die Kontrolle eines Unternehmens Mehrheitsbeteiligungen oder andere Mechanismen berücksichtigt.

Was bedeutet es für die Stabilität der Weltwirtschaft, wenn ein kleiner Kern so mächtig ist? Die Forscher sprechen vorsichtig von "systemischen Risiken", davon, dass ein in guten Zeiten stabiles Netzwerk in schlechten Zeiten so "simultan in Not gerät". Eine These, die die massiven Wechselwirkungen und Nachbeben der jüngsten Finanzkrise bestätigen.

Ob die mächtigen Unternehmen ihre Macht gezielt ausüben, beispielsweise um den Wettbewerb auszuhebeln, beantwortet die Studie nicht: "Das ist erst einmal eine grobe Landkarte, mehr nicht", sagt James Glattfelder. Doch Verschwörungstheorien erteilen Lux und seine Züricher Kollegen eine klare Absage: "Da müssen keine Strippenzieher am Werk sein", sagt Glattfelder. In Netzwerken sei es typisch, dass die "Knoten", also Unternehmen, die bereits lange dabei und wichtig sind, mit der Zeit noch wichtiger werden. "Was von weitem nach einer hochkomplexen Ordnung aussieht, kann sich von nahem als die Folge vieler simpler Aktionen und Verhaltensweisen entpuppen", so Systemforscher Glattfelder.

Erschienen im Handelsblatt