Schuldenkrise : Ein Bauer fürchtet das Euro-Chaos

Für den Landwirt Rolf Reinhardt bedeutete Europa lange Zeit lästige Bürokratie. Jetzt, in der Krise, fordert er Solidarität mit den Krisenstaaten. Warum?
Alt- und Jungbauer: Rolf Reinhardt und sein Stiefsohn Tobias Nonnenmacher © Alexandra Endres

Europa, das war für Rolf Reinhardt bisher ein Wust von Formblättern. Zum Beispiel der Gemeinsame Antrag , mit dem die Landwirte in Baden-Württemberg Geld aus mehr als zehn verschiedenen Fördertöpfen beantragen können. Wie eine Steuererklärung sieht das 24 Seiten lange, tabellenartige Formular aus. Nähere Erläuterungen im 52 Seiten starken Anhang, einzureichen bis Mitte Mai.

Seit Jahren füllt Reinhardt die Listen aus. Er trägt die Zahl seiner Milchkühe ein, der Kälber, der Rinder unterschiedlichen Alters (männlich und weiblich). Jedes einzelne Flurstück, wie es im Grundbuch verzeichnet ist, selbst wenn der Acker aus zig einzelnen Fitzelchen besteht. Name, Größe, Nutzungsfläche, "Landschaftselemente" wie Hecken und Wassergräben. Was auf dem Feld wachsen soll, und was im Vorjahr darauf wuchs. Beilegen muss Reinhardt auch: Flurstückverzeichnisse und Luftbilder. "400 Grundstücke müssen wir für den Antrag abarbeiten", sagt er. "Bis alles eingetragen und überprüft ist, vergehen ein paar Tage."

Zerbricht die Euro-Zone, "kriegen wir Unruhen"

Das Formular und die Bürokratie in Brüssel, das war eine lange Zeit lang das Europa, das Reinhardt kannte. Jetzt aber ist das anders. In Brüssel steht die Zukunft der gemeinsamen Währung auf dem Spiel und die Zukunft Europas. Bricht die Euro-Zone auseinander, wären die Konsequenzen wohl unabsehbar, fürchtet die Familie. "Dann kriegen wir Unruhen in Europa", sagt Elfriede Reinhardt. "Was passiert dann auf dem Weltmarkt?" fragt ihr Mann. "Das wäre Chaos pur." Beide sind sich einig: Um die Krise in den Griff zu kriegen, müssen die wohlhabenden Europäer den Schuldensündern helfen, so sehr sie können.

Wenn in diesen Tagen Griechenland ohne handlungsfähige Regierung dahintreibt, oder wenn Italien um Reformen ringt und nur noch gegen hohe Zinsen Kredit bekommt, dann spüren die Folgen auch die Bauern. Die chaotische Politik der Europäer versetzt die Finanzmärkte in Unruhe, die seit Ausbruch der Finanzkrise ohnehin besonders launisch sind. Auf den Märkten entscheidet sich, wie viel Rolf Reinhardt für seine Erzeugnisse bekommt.

In jüngster Zeit kann er das immer schwerer vorhersehen. Denn seit einigen Jahren stecken Investoren ihr Geld vermehrt in Agrarrohstoffe und mit ihnen verknüpfte Papiere . Das hat zur Folge, dass die Kurse stärker schwanken . "Früher war klar: Wer sein Getreide einige Zeit nach der Ernte verkaufte, bekam dafür einen höheren Preis", sagt der Bauer. "Heute kann es sein, dass der Preis während der Erntezeit am höchsten ist. Es sind nicht mehr Angebot und Nachfrage, die das bestimmen." Für die Landwirte ist es deshalb schwer, zu entscheiden, was mehr lohnt: ihre Erzeugnisse einzulagern oder schnell zu verkaufen?

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Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Aber liebe Freunde! Darin liegt doch gerade das Problem,

dass "die wohlhabenden Europäer" überhaupt gar nicht ans Helfen denken.

Helfen müssen nur die Nicht-wohlhabenden "Europäer" - meint hier: die Nicht-wohlhabenden In Europa wohndenden Menschen.

Man hat mir gesagt, die wohlhabendensten Griechen wohnen in Genf und Umgebung, also nicht in Europa, sondern in der Schweiz. (Das sind doch auch "Europäer"?)