NuklearenergieJapan sucht nach neuer Energiepolitik – mit Atomkraft

Die japanische Energiebranche soll reformiert werden. Wirtschaftsminister Edano will mehr Wettbewerb und bessere Netze. Auch eine Verstaatlichung der AKW ist eine Option. von 

"Es kann nicht sein, dass die Energiekonzerne immer mehr Gewinn mit Atomkraft machen und dann, wenn es zu einem Zwischenfall kommt, der Staat zahlen muss. Die Kosten können nicht einfach dem Steuerzahler aufgebürdet werden." Im Interview mit der Tageszeitung Yomiuri Shimbun drückt der japanische Wirtschaftsminister Yukio Edano unverblümt seinen Unmut aus. Die Regierung müsse entscheiden, ob die Unternehmen große Summen für Versicherungen ausgeben oder auch die Vorzüge dem Staat überlassen sollten, sagte Edano.

Er weiß, worüber er redet. Nach der Tsunami-Katastrophe im März 2011 koordinierte er als Kabinettschef die Aktivitäten der Arbeiter im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Mehrmals pro Tag trat er in seinem blauen Arbeitsanzug vor die Kameras, um die Lage im Atomkraftwerk Fukushima zu erläutern. In Japan wurde er deshalb "der Mann, der niemals schläft" genannt.

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Schon damals nahm Edano kein Blatt vor den Mund: Angesichts der wiederholten Fehler im Krisenmanagement bezeichnete er den Vorstand des Energiekonzerns Tepco als "inkompetent".

Als er Ende März 2011 über die Zukunft von Tepco befragt wurde, antwortete er, dass eine mögliche Verstaatlichung von der Entscheidung des Wirtschaftsministeriums abhinge. Seit September 2011 ist er Wirtschaftsminister. Die Reform der japanischen Energiebranche ist eine seiner Prioritäten. Der Fall Tepco, sagt er, hat die Schwäche des gesamten Systems gezeigt.

Seit April hat Japan einige Billionen Yen in den Entschädigungsfonds für die Einwohner des von der Atomkatastrophe betroffenen Gebiets eingezahlt. Tepco hatte ursprünglich die gesamten Kosten des Unfalls auf eine Billion Yen geschätzt. Inzwischen sind jedoch bereits 1,7 Billionen Yen für den Wiederaufbau und die Entschädigung der Anwohner ausgegeben worden. Die japanische Regierung schätzt, dass die Gesamtkosten für die Entschädigungen und die Dekontaminierung nicht weniger als 4,5 Billionen Yen betragen werden.

Als am 27. Dezember Tepco erneut vom Staat 684 Milliarden Yen (8,8 Milliarden Dollar) forderte, stellte Edano das Unternehmen auf einem Treffen mit Vorstandschef Toshio Nishizawa vor die Wahl: Verstaatlichung oder Finanzierungsstopp. Die Tepco-Aktien verloren an dem Tag erneut zwölf Prozent. Ein herber Schlag für einen Konzern, der in den vergangenen neun Monaten schon über neunzig Prozent des Börsenwerts verloren hat.

Eine Verstaatlichung von Tepco wäre allerdings nur eine Teillösung. Die strukturellen Defizite, die in Folge der Tsunami-Katastrophe beim Tokioter Stromversorger aufgetaucht sind, wurden inzwischen auch bei anderen Energiekonzernen festgestellt. Edano will deshalb noch vor dem Sommer mit den Spitzen der Unternehmen zusammenkommen, um die Grundrisse einer umfangreichen Energiereform auszuarbeiten.

Leserkommentare
  1. wird auf die Gesellschaft abgeschoben.

    • achimvr
    • 09. Januar 2012 18:02 Uhr

    Bis Mai wird gerechnet daß alle abgeschaltet sind.

    Eine Leserempfehlung
  2. Ich kann nicht verstehen das den schmutzigen Falschaussagen dieser Branche hier erneut so ein breites Forum gegeben wird. Yukio Edano ist ein Strohmann der Atomindustrie und die meisten Japaner wissen das. Auf die weiteren Halbwahrheiten hier-z.B wie teuer die "Dekontaminierung" ist (eine Dekontaminierung der gesamten verseuchten Flächen in Honshu ist nach Aussage so ziemlich aller seriösen Experten unmöglich) -soll wer anders eingehen, ich habe keine Lust dazu. Traurig sowas armseliges bei Zeit online zu lesen.

    • OIKOS
    • 20. März 2012 22:43 Uhr

    Von den 54 japanischen Kernkraftwerken sind zur Zeit 52 außer Betrieb, eine Heldentat! Doch mit dem Abschalten allein ist es noch nicht getan. Die Wirtschaft verlangt nach Strom und das Volk wünscht Erneuerbare Energie. Der Umstieg wird noch längere Zeit beanspruchen. Und für die Übergangszeit doch wieder KKW?

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  • Schlagworte Japan | Sucht | Atomkraft | Energiepolitik | Wirtschaftsministerium | Atomkraftwerk
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