EnergiewendeNetzausbau mit Hindernissen

Schleswig-Holstein bietet Tennet ein beschleunigtes Genehmigungsverfahren für eine Stromtrasse an. Doch der Stromnetzbetreiber schlägt aus, er pocht auf Rechtssicherheit. von 

Für die Energiewende werden neue Höchstspannungsleitungen gebraucht.

Für die Energiewende werden neue Höchstspannungsleitungen gebraucht.  |  © Lars Baron/Getty Images

Es könnte vermutlich schneller gehen. Im Westen Schleswig-Holsteins will der Stromnetzbetreiber Tennet eine neue Trasse bauen. Ein einziges Genehmigungsverfahren würde ausreichen, um das OK der Behörden für das Vorhaben zu erhalten. Doch Tennet besteht auf zwei getrennten Verfahren. Das gebe dem Unternehmen "die Möglichkeit, mehrere Trassenvarianten ausführlicher und transparenter zu diskutieren", sagt ein Sprecher. "Es bietet zudem mehr Rechtssicherheit."

Wie groß die dadurch verursachten Verzögerungen sind, ist unklar. Bei einem Treffen der Landesregierung mit den Stromnetzbetreibern am kommenden Montag in Kiel will Tennet seine Pläne für den Trassenbau präsentieren.

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Der Fall zeigt, wie schwer sich alle Beteiligten tun, die Genehmigungsverfahren für neue Stromleitungen zu verschlanken und zu beschleunigen. Das ist wichtig, damit die Energiewende gelingen kann. Die neuen Netze müssen gebaut werden, damit künftig Windstrom ohne Probleme von der Küste in den Süden transportiert werden kann – je schneller die Leitungen zur Verfügung stehen, desto besser.

Im vergangenen Sommer hatten die Landesregierung Schleswig-Holsteins und die Stromnetzbetreiber in einer deutschlandweit einmaligen Vereinbarung beschlossen, den Netzausbau radikal zu beschleunigen (siehe Kasten). Doch jetzt stehen nicht die oft gescholtene Politik und Verwaltung einem schnelleren Verfahren im Weg – mit Tennet pocht ein Unternehmen auf sorgfältige Prüfung und Rechtssicherheit.

Windenergie im Norden

Die Landesregierung plant einen massiven Ausbau der Windenergie. In den kommenden Jahren verdoppelt sich in Schleswig-Holstein die Fläche, die für Windparks vorgesehen ist, auf 1,5 Prozent der Landesfläche. Die Folge: Allein in den kommenden vier Jahren wird die das Windpotenzial an Land verdreifachen, auf etwa 9.000 Megawatt. Zählt man noch die Windanlagen auf See hinzu, könnte sich sogar die Kapazität vervierfachen. Dieser Strom muss in die Verbrauchszentren nach Süddeutschland abtransportiert werden.

Das Schnellverfahren

Damit der Netzausbau zügiger voranschreitet, haben die Landesregierung, die Netzbetreiber und die Verwaltungen eine Beschleunigungsvereinbarung beschlossen. In nur vier Jahren, im Jahr 2015, soll bereits mit dem Bau einer Höchstspannungsleitung an der Westküste begonnen werden - ein ambitioniertes Unterfangen. Insgesamt benötigt das Land rund 600 Kilometer neue Höchstspannungsleitung. Um die Planungen zu beschleunigen, können die Netzbetreiber zwei Planungsverfahren (das Raumordnungsverfahren und das Planfeststellungsverfahren) kombinieren. Vier Landkreise, darunter Dithmarschen, bilden eine Pilotregion. Hier beteiligen Netzbetreiber und Verwaltungen die Bürger in einem informellen Verfahren.

Die Info-Kampagne

Seit September 2011 informiert die Landesregierung zusammen mit den Netzbetreibern auf Regionalkonferenzen über die Ausbaupläne im Stromnetz. Dies geschieht, bevor die offiziellen Planungen begonnen haben. So können Bürger noch ihre Einwände und Wünsche geltend machen. Per E-mail konnten sie sich bis Ende 2011 direkt an das Wirtschaftsministerium wenden – eine Auswertung der Bürgerfragen findet sich auf den Seiten des Wirtschaftsministeriums. Die Veranstaltungen stoßen – trotz der vielen technischen Details – auf großes Interesse in der Bevölkerung.

ZEIT ONLINE begleitet den ambitionierten Netzausbau in Schleswig-Holstein und berichtet seit Herbst 2011 regelmäßig darüber. Die aktuellsten Artikel finden Sie hier.

Seitdem die Vereinbarung im vergangenen Sommer getroffen wurde, könnte Tennet auf ein Raumordnungsverfahren verzichten und sein Projekt nur durch ein Planfeststellungsverfahren genehmigen lassen. In einem Raumordnungsverfahren prüft die Verwaltung den groben Verlauf der Trasse, etwa durch Wohngebiete oder Naturschutzgebiete. Ein Planfeststellungsverfahren ist deutlich konkreter.

Die Trasse, um die es geht, ist eine der wichtigsten Höchstspannungsleitungen in Schleswig-Holstein : die sogenannte Westtrasse zwischen Brunsbüttel bei Hamburg und Niebüll auf Höhe von  Sylt . Sie wird dringend für den geplanten radikalen Ausbau der Windenergie gebraucht. Ohne die 380-KV-Leitung kann der Strom aus Norddeutschland nicht zu den Verbrauchern im Süden gebraucht werden.

Ein zweites Verfahren für den Umweltschutz

Während der Verlauf der Leitung im südlichen Teil weitgehend klar ist, gibt es im nördlichen Teil verschiedene Varianten für den Verlauf. Gerade in der Nähe von Tönning wird es kompliziert: Die Leitung muss unter anderem ein Vogelschutzgebiet durchqueren und den Fluss Eider kreuzen, der eine Vogelroute zwischen Nord- und Ostsee ist. Hier muss sorgfältig geplant werden, schließlich will keiner mit toten Vögeln an Strommasten Umweltschützer auf die Palme bringen. "Die Eiderquerung ist ein sensibles Gebiet", so der Tennet-Sprecher, "hier lassen sich mit einem Raumordnungsverfahren besser verschiedene Trassenverläufe prüfen".

Welche Folgen die Entscheidung Tennets auf den Zeitplan hat, kann bislang kaum jemand abschätzen. Natürlich kann es zu Verzögerungen kommen, weil es dauert, bis alle nötigen Unterlagen für ein Raumordnungsverfahren zusammengestellt sind. Die Genehmigung der Behörden dauert in der Regel nur Monate. Aufwändig ist aber das Zusammenstellen der nötigen Unterlagen, teilweise kann dies mehrere Jahre dauern, wenn etwa Vogelzüge dokumentiert werden müssen.

Leserkommentare
  1. .. leben nicht, wie der Artikel suggeriert, auf oder an der Eider (die bei Tönning in die Nordsee fließt), sondern hauptsächlich in Skandinavien und Island. Dass Strommasten gerade für Eiderenten eine besondere Gefahr darstellen sollen darf ins Reich der Fabel verwiesen werden.
    Ihr Name geht auf ihre besonders gut wärmenden Federn zurück ("Eiderdaunen") und entstammt vermutlich dem Isländischen.

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    Redaktion

    Hallo Ulrich Nehls
    danke für die Anmerkung, ich habe das korrigiert.
    Viele Grüße
    Marlies Uken

  2. für das Scheitern der Energiewende in die Schuhe geschoben, genauso wie die Börsenmakler für den Stromausfall beinahe verantwortlich waren.
    Die Krakeeler und die Anti-Atom-Narren haben natürlich keine Aktie daran, dass hierzulande der 100 Mrd. teure Elektroschrott auf die äund die Don Quichotteschen Vogelschrederer montiert werden.

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    Danke für den hoch sachlichen Beitrag - Ironie aus!

    Mit Enten muss man sich auskennen - die fliegen nur in WKA,
    aber nie gegen die Glasfassaden von Vattenfall, E.ON oder
    Tennert.

    Und wie schwer liegen die 2-3% fehlenden Energiebeitrages
    der abgeschalteten AKW in DE Deutschland im Magen...

    Besonders den AKW-Betreibern, denen täglich 8 Mio. Gewinn entgeht - und nirgends das Licht flackert oder gar ausgeht.

    Manchen im Oberstübchen - ja - aber das ist eine andere
    Baustelle.

    Machnmal hat man sogar den Eindruck, dass die EVU und Netz-betreiber sogar verdeckt die 'Widerstände' gegen Netzausbau und EE pushen, um mit den zigmal amortisierten Altstrukturen den Bürger melken zu können!

    Verögern geht noch - stoppen ist vorbei!

    Der Bürger wird mündiger - nicht zuletzt durch die neunen
    Kommunikationsstrukturen.

    Siehe Erfolg der Piraten!

    BW 2013 ist bald da...

  3. Redaktion

    Hallo Ulrich Nehls
    danke für die Anmerkung, ich habe das korrigiert.
    Viele Grüße
    Marlies Uken

    Antwort auf "Eiderenten "
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    vielleicht wäre beim Thema "Eiderquerung" auch eine nähere Betrachtung des Eidersperrwerks (nahe Tönning) angebracht gewesen?

    Ich kenne mich mit der Verlegung von Stromtrassen nicht aus, doch Fakt ist ja, dass dies Bauwerk einen erheblichen Eingriff in die Natur darstellt, schon seit 1973 (was Küstenseeschwalben nicht daran hindert, dort in großer Zahl zu brüten.) Womöglich liegt nahe, die Stromtrasse auch dort entlang zu führen.

    Ob Strommasten wirklich das große Problem sind (wo sowieso hunderte Windturbinen herumstehen) darf bezweifelt werden. Der Vogelschlag an Strommasten und Windmühlen ist übrigens durch Fachleute ausreichend untersucht um auch das Gerede von den "Vogelschreddern" ins Reich der Fabel zu verweisen.

  4. …Danke Mal wieder für die „Vereinbarung…“, vom 31.08.11.,

    „Ziel ist, bis Mitte des Jahrzehnts 100 Prozent des Stromverbrauchs in Schleswig-Holstein aus Erneuerbaren Energien zu decken. Bis 2020 sollen rund acht bis zehn Prozent des gesamtdeutschen Strombedarfs aus Erneuerbaren Energien aus Schleswig-Holstein gedeckt werden.“

    Lächerliche EE-Komödianten! Den Artikel „Der Stromleitungsbau…“ habe ich wie für sie geschrieben, werde ihn aber jetzt ändern und einige hochrangige Personen in S.-H. zum Auslachen einbinden… Danke noch einmal! Hier: http://blog.4teachers.de/...

    Beste Grüße
    ED

    2 Leserempfehlungen
  5. Sie werden aber mit Sachverstand keine Gläubigen überzeugen.
    Schon vor 35 Jahren hat es etwa 10 Jahre gedauert, die Trasse für eine Hochspannungsleitung genehmigen zu lassen .
    Ich kann mir nicht vorstellen , dass dies jetzt schneller gehen soll.
    Wenn 100 % des Stromverbrauchs dann in S:H: durch erneuerbare, vorrangig wohl Windkraft , ersetzt werden, was machen die bei Windstille, gibt es dann in anderen Bundesländern Ersatz ? Aber die fahren doch auch mit der Hoffnung auf Ersatzlieferung bei Windstille. Aus Bayern ?

    Eine Leserempfehlung
  6. …mit „Wenn 100%...“ denken Sie sehr richtig, aber nicht weit genug. Machen wir das so, wir schlagen der EE-Depperei in S.-H. vor, sie sollen ZUERST selber auf 100% EE umsteigen, d.h. ¾ ihren „fossilen“ Strom erst mal ersetzen und wir schauen mit Ihnen, was sie bei der Windstille machen werden! Nicht, wie sie das planen, SELBER auf „fossilem“ Strom sitzen und den Kuhstallstrom nach Hamburg und Bayern transportieren!

    Glauben Sie, bitte, mir, dass hat mit genaueren Trassen, Genehmigungen usw. nichts zu tun, ich freue mich nur, dass Bayern unter Hamburg liegt, und werde am lautesten lachen, wenn der Kuh- und Hühnerstallstrom nach Hamburg kommt!!! Der Hund ist anderswo begraben, aber da fehlt eben der Sachverstand! Die Leitung 380 kV (erst mal nach Hamburg!) kann man aufstellen, ABER da komm der ganze Blödsinn sofort nach oben… Schon vor zwei Jahren habe ich gewarnt..., weiter sage ich zurzeit nichts…

    Beste Grüße
    ED

  7. vielleicht wäre beim Thema "Eiderquerung" auch eine nähere Betrachtung des Eidersperrwerks (nahe Tönning) angebracht gewesen?

    Ich kenne mich mit der Verlegung von Stromtrassen nicht aus, doch Fakt ist ja, dass dies Bauwerk einen erheblichen Eingriff in die Natur darstellt, schon seit 1973 (was Küstenseeschwalben nicht daran hindert, dort in großer Zahl zu brüten.) Womöglich liegt nahe, die Stromtrasse auch dort entlang zu führen.

    Ob Strommasten wirklich das große Problem sind (wo sowieso hunderte Windturbinen herumstehen) darf bezweifelt werden. Der Vogelschlag an Strommasten und Windmühlen ist übrigens durch Fachleute ausreichend untersucht um auch das Gerede von den "Vogelschreddern" ins Reich der Fabel zu verweisen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Vogelzug"
    • G.Pesch
    • 23. Februar 2012 16:32 Uhr

    Es ist doch nachvollziehbar dass TENNET die grösstmöglichste Rechtssicherheit verlangt.
    Denn eines steht fest, es genügt ein Tümpel mit einer Gelbbauchunke sowie einen klagenden Naturschützer und schon sind Investitionen in Mio. € Grössen in Gefahr.
    und dann will die Politik, die heute drängt, natürlich nichts mehr damit zu tun haben....

    2 Leserempfehlungen

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