Klage gegen NestléEin lebensbedrohliches Arbeitsumfeld

Muss Nestlé für einen Mord haften, der im Umfeld eines Tochterunternehmens passiert ist? Menschenrechtler wollen einen Musterprozess gegen den Multi führen.

Es ist der 11. September 2005, ein Sonntag, als der Gewerkschafter Luciano Enrique Romero Molina am Rande der kolumbianischen Stadt Valledupar sein Leben lassen muss. Paramilitärs hatten ihn entführt, verhört, gefoltert und schließlich mit 50 Messerstichen getötet.

Nun, mehr als sechs Jahre später, sollen Nestlé und fünf hohe Funktionäre des Konzerns für das Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden. Das Berliner European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR), das sich für die weltweite Einhaltung der Menschenrechte einsetzt, hat Strafanzeige bei der Staatsanwalt im Kanton Zug eingereicht. Gerichtet ist sie gegen die frühere Konzernspitze von Nestlé. Hierzu zählen der damalige Vorstandsvorsitzende Peter Brabeck und Verwaltungsratspräsident Rainer E. Gut, sowie die im Jahr 2005 in Kolumbien tätigen Manager Carlos Represas und Jean-Marc Duvoisin. Auch gegen den obersten Konzernjuristen Hans Peter Frick erstattete die Organisation eine Anzeige. Wegen "fahrlässiger Tötung durch Unterlassung" sollen die Spitzenmanager des weltgrößten Lebensmittelkonzerns verurteilt werden.

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Luciano Romero war Mitarbeiter eines ihrer Tochterunternehmen. Jahrelang hatte der Kolumbianer in der Nestlé-Fabrik Cicolac Milchpulver hergestellt. Nebenher machte er sich in der lokalen Direktion der Gewerkschaft Sinaltrainal für die Rechte der Arbeiter stark. Bis zum Jahr 2002 galt Nestlé als vorbildlicher Arbeitgeber, der hohe Löhne zahlte und gute Sozialleistungen gewährte. Doch dann verlängerte der Konzern den Vertrag mit der Gewerkschaft Sinaltrainal nicht mehr. Die Arbeitnehmervertreter riefen zum Streik auf. Nestlé drohte, die Fabrik zu schließen, und informierte die in der Region äußerst einflussreichen Großgrundbesitzer und Viehzüchter. Diese unterhielten enge Verbindungen zu den Paramilitärs, die in den USA als "terroristische Vereinigung" gelten und als Schutztruppe gegen die linken Guerillas der ELN und der Farc gegründet worden waren. Bald kursierten Todeslisten mit den Namen der Gewerkschaftsführer. Sinaltrainal verzichtete auf den Streik.

Trotzdem wurden neun Gewerkschaftsbosse kurz darauf entlassen, darunter auch Luciano Romero. Nestlé verkaufte die Hälfte von Cicolac an einen neuseeländischen Konkurrenten und benannte die Firma in DAP um. Die gesamte Belegschaft wurde entlassen. Neueingestellte erhielten deutlich niedrigere Löhne. Von Sinaltrainal war keiner dabei. Romero und seine Mitstreiter wurden von leitenden Cicolac-Funktionären als Guerilla-Kämpfer diffamiert. In Kolumbien, sagen Vertreter des ECCHR, komme dies einem versteckten Aufruf an die Paramilitärs gleich, die Männer aus der Welt zu schaffen.

Die Klage ist ein europaweiter Präzedenzfall

Als die Leiche Luciano Romeros am 11. September 2005 hinter der Armee-Garnison in Valledupar gefunden wurde, ermittelte die örtliche Polizei zunächst wie üblich wegen Raubmordes oder einer Eifersuchtstat. Nur durch Zufall – ein Eingeweihter hatte sie verraten – konnten die Mörder Romeros gefasst werden. Ein Richter verurteilte die Täter und empfahl der Staatsanwaltschaft, auch gegen Polizei, Geheimdienst und das Nestlé-Management zu ermitteln. Immerhin hatte die Ermordung Romeros dessen Auftritt an einem Weltkongress in Bern verhindert, an dem er wenige Wochen später gegen Nestlé hatte aussagen wollen.

Am Dienstagabend dieser Woche lud das ECCHR Medienvertreter in den Saal des Restaurants Weißer Wind in Zürich. Der Rechtsanwalt Leonardo Jaimes, der in Kolumbien mit dem Fall betraut ist, erklärte, weshalb nun in der Schweiz geklagt werde: "In Kolumbien kann man nur schon aus rechtlichen Gründen keine solche Klage gegen ein Unternehmen einreichen", sagte er. "Doch auch wenn es diese Möglichkeit gäbe: Der politische Wille ist in meinem Land ohnehin nicht vorhanden."

Die Klage gegen Nestlé und seine Führung ist ein europaweiter Präzedenzfall. Die ECCHR-Juristen wollen testen, wie weit in einem multinationalen, zentral gesteuerten Konzern die Haftung reicht. Die zentrale Frage lautet, ob Konzernmanager, die 9.000 Kilometer Luftlinie entfernt operieren, für ein Unrecht geradestehen müssen, das im Umfeld eines ihrer Tochterunternehmen geschieht. Rechtspolitisch und ethisch könne das nur bejaht werden, sagt der Schweizer Rechtsanwalt Florian Wick, der die Klage seitens des ECCHR eingereicht hat. "Denn Eigentum verpflichtet. Es ist stoßend, dass die Gewinne globalisiert werden, die Verantwortung hingegen an Tochterunternehmen in andere Länder abgegeben werden soll."

Leserkommentare
  1. Vorstandsetage sowieso nie über den Weg getraut...,
    dieses 'cleane' Vokabular, der 'politisch korrekten
    Sprachregelung' hatte mich schon seit Jahren miß-
    trauisch gemacht..., jedenfalls bin ich mental nie-
    mals auf dieses aufgesetzte 'GutmenschenEnsemble'
    der 'EineWeltVision' dieser 'WeltregierungsPotentaten'
    hereingefallen..., die haben einen Pferdefuß, daß es
    nur so schwelt...

    Eine Leserempfehlung
    • Bus-x
    • 07.03.2012 um 20:45 Uhr

    Dank Internet, Telefonie mit Bildbelegen: gut das die Grenzen offener werden. Die Grenzen durch Ausbeutung, Übervorteilung und Ausplünderung ganzer Länder durch diese Industrie Giganten gehören gesetzt und Geschäftemacher ohne Grenzen gehören bestraft und geächtet. Siehe 'Apple' die auch lernen müssen.

    4 Leserempfehlungen
    • bkkopp
    • 07.03.2012 um 21:20 Uhr

    Alles was die Leute von diesem ECCHR da herumargumentieren hört sich einfach nur bescheuert an.

    Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/se

    2 Leserempfehlungen
  2. Nestle ist, wenn man sich die Menschen- und Ernährungs- Verachtenden Produkte anschaut... potentiell als gefährlich einzustufen.

    LG
    Alexander P.

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    Da Nestle nicht zuletzt durch ihre Beziehungen zur Pharma-Branche seit einigen Jahren wieder Tierversuche eingeführt hat, v.a. mit Mäusen, denen "nach Gebrauch" einfach der Kopf abgeschlagen wird, muss man auch von "Tierverachtung" sprechen.

    Da Nestle nicht zuletzt durch ihre Beziehungen zur Pharma-Branche seit einigen Jahren wieder Tierversuche eingeführt hat, v.a. mit Mäusen, denen "nach Gebrauch" einfach der Kopf abgeschlagen wird, muss man auch von "Tierverachtung" sprechen.

  3. Würde man jeden Konzern verantwortlich machen für seine machenschaften in Kolumbien (und auch anderen Ländern in Südamerika), würden unsere Regale von heuet auf morgen nurnoch halb gefüllt sein. Vorallem die Lebensmittelkonzerne haben so unglaublich viel Blut an den Händen, dass einen schlecht wird.

    Auftragsmorde von rechten Paramilitärs im Auftrag von multinationalen Konzernen. Massenmord an tausenden Gewerkschaftern und Kleinbauern die sich weigern ihr Land zu räumen. Die Verantwortlichen vor dem drohenden Gerichtsverfahren ausgeflogen in die USA.

    Das alles ist Wahrheit und keine Verschwörung. Ich kann nur jedem raten, sich z.B. die Dokumenation "Impunity" anzuschauen:

    http://www.impunitythefil...

    Und bitte im Hinterkopf behalten, wenn man die FARC das nächste mal Terroristen nennt.

    5 Leserempfehlungen
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    aber vielleicht würden dann Menschenleben gerettet und Lebensumstände verbessert. Dafür können wir in unserer Überlfussgesellscahft auf die Hälfte unserer Güter verzichten. Die brauchen wir eh nicht.

    aber vielleicht würden dann Menschenleben gerettet und Lebensumstände verbessert. Dafür können wir in unserer Überlfussgesellscahft auf die Hälfte unserer Güter verzichten. Die brauchen wir eh nicht.

  4. Wer Globalisiet gewinne mahcen will muss auch Globalisiert Verantortung übernehmen.

    Ob nun ein Unternehmen eine Arbeiten neben an oder 5000 Km entfernt verrichten lässt sollten einen internationalen REcht komplett egel sein, da das unternhmen sich aj aussuchen kann wo eine Hauptsitz ist, und man nicht eine Entfernung einführen kann ab der Unternhmen dann nicht mehr Verantwortlich sind was in der Umgebung ihrere Produktion passiert.

    Sonst würde sich jeder Unternhemen schnell einen Hauptsitz auserhalb der Verantwortungsentfernung suchen.

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    • ovozim
    • 07.03.2012 um 23:40 Uhr

    Ich würde so gern ein echtes Verständnis dafür haben, wieviel Arbeit so ein Artikel macht und dann würde ich gern begreifen, dass diese Geschichte ein Teil der Realität ist.

    Erinnert an einen Thriller von Don Winslow: Tage der Toten.

  5. Dass Unternehmen als Horte des Bösen für Erdbeben, Hurricans und ähnliches verantwortlich sind, wird ja auch längst diskutiert.

    3 Leserempfehlungen

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