Noch heute gehen die Kündigungsschreiben in die Post. Rund 10.000 Beschäftigte von Schlecker, meist Frauen, werden sie in ihren Briefkästen finden. Bis zum Schluss hatte Insolvenzverwalter, Arndt Geiwitz, darauf gehofft, die Beschäftigten der insolventen Drogeriemarktkette in einer Transfergesellschaft unterbringen zu können. Diese Auffanggesellschaft aber wird es nicht geben . Sie ist an der Blockade einiger Wirtschaftsliberaler gescheitert.

Alle Bemühungen des baden-württembergischen Wirtschaftsministers Nils Schmid ( SPD ), eine Bürgschaft seiner Länderkollegen für einen 70-Millionen Kredit der staatlichen KfW-Bank zu organisieren, waren vergeblich. Der Insolvenzverwalter hatte um diese staatliche Unterstützung gebeten, um die Transfergesellschaft finanzieren zu können. Sie hätte die Beschäftigten auffangen sowie qualifizieren können und ihnen mehr Zeit für die Suche nach einer neuen Arbeit verschafft. Jetzt gehen die Schlecker-Frauen direkt in die Arbeitslosigkeit.

Sanierung wird schwieriger

Auch für die verbleibenden Angestellten hat diese unterlassene Hilfe des Staates große Bedeutung. Beim Wechsel in eine Transfergesellschaft hätten die Betroffenen auf ihr Recht verzichtet, eine Kündigungsschutzklage einzureichen. Die dadurch gewonnene Rechtssicherheit wäre bei der Suche nach einem neuen Investor von großem Vorteil gewesen.

Arndt Geiwitz macht aus seiner Enttäuschung keinen Hehl: Er bedankte sich bereits bei Schmid sowie den 13 Bundesländern, die sich für die Schlecker-Mitarbeiterinnen in den vergangenen Tagen eingesetzt haben. "Das Scheitern der Finanzierung einer Transfergesellschaft bedauere ich sehr, vor allem weil diese für die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sozial geboten und für die Bürgen betriebswirtschaftlich absolut zu vertreten gewesen wäre", so Geiwitz.

Ablehnung kam vor allem aus den FDP-geführten Wirtschaftsministerien in Niedersachsen , Sachsen und Bayern . Die Freidemokraten hatten sich von Anfang an mit den typisch marktliberalen Argumenten gegen einen Kredit und gegen Bürgschaften ausgesprochen. Staatliche Hilfen entsprächen nicht der marktwirtschaftlichen Ordnung, so ihr Credo. Der Wettbewerb brächte es eben mit sich, dass Firmen scheiterten, hieß es lapidar in der Bundestagsfraktion der Freien Demokraten. 

Schlechte Aussichten für die Schlecker-Frauen

Dabei ging unter, dass es gar nicht um die Subvention eines maroden Unternehmens ging, sondern lediglich um einen Überbrückungskredit, der die Chancen der Beschäftigten, also der Opfer dieser Pleite, verbessert hätte. Immer wieder wurde auch das Argument bemüht, dass die Situation auf dem Arbeitsmarkt im Moment sehr gut sei. Das mache gesonderte staatliche Fürsorge überflüssig.

Diese Fehleinschätzung nährte selbst die Bundesagentur für Arbeit (BA). Sie mischte auf ihre Weise im Streit um die Finanzierung der Transfergesellschaft mit. "Derzeit gibt es bundesweit 125.000 offene Stellen für Verkäuferinnen", wurde BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker noch am Donnerstagmorgen in Agenturen zitiert, also ausgerechnet zu jener Zeit, in der Landeswirtschaftsminister Nils Schmid bei seinen Länderkollegen noch um die Zustimmung zu einer Bürgschaft kämpfte. Der Markt sei aufnahmefähig, so Beckers Urteil, die Schlecker-Beschäftigten hätten also gute Chancen. Mit anderen Worten: Spezieller Transfergesellschaften bedarf es gar nicht, die Bundesagentur schafft das schon alleine.

Auf Nachfrage stellte sich allerdings heraus, dass es nicht 125.000, sondern tatsächlich nur 25.000 offene Stellen gibt. Allerdings blieb Vorstandsmitglied Becker bei seiner positiven Einschätzung, dass es gute Vermittlungschancen gäbe. Angaben darüber, wie viele Menschen zur Zeit Arbeit in einem Verkaufsberuf suchen, machte er jedoch nicht: Es waren im März fast 360.000.

"Die Gesamteinschätzung für die Entwicklung einer Branche lesen wir nicht nur von der Relation Arbeitslose und offene Stellen ab", teilte ein Sprecher der Behörde dazu mit. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz wird es nun auf jeden Fall schwerer haben, vor allem in den Verhandlungen mit den potenziellen Investoren. Natürlich würden die Gespräche fortgeführt, sagt er und fügt vorsichtshalber an, dass die politische Entscheidung keine Auswirkungen auf die weitere Sanierung des Unternehmens habe.