Es ist ein Führungswechsel, der eine Zeitenwende markiert: An diesem Samstag soll Frank Mastiaux, 48, als neuer Vorstandsvorsitzender an die Spitze des drittgrößten deutschen Stromkonzerns EnBW berufen werden. Er folgt auf Hans-Peter Villis, der zuletzt das Vertrauen der grün-roten Landesregierung verloren hatte. Villis soll seinen Posten Anfang Oktober an Mastiaux übergeben, einem früheren Manager des Konkurrenzkonzerns E.on.

Mastiaux wird sich schnell an die schwäbische Mundart gewöhnen müssen – und an den Ulmer Landrat Heinz Seiffert. Der CDU-Mann ist am vergangenen Freitag an die Spitze der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW) gewählt worden, dem wichtigsten Teilhaber von EnBW. Der Zweckverband aus neun Landkreisen, gegründet vor mehr als 100 Jahren, hält rund 46,5 Prozent der Anteile des Unternehmens. Seiffert, Mastiaux und der SPD-Finanzminister Nils Schmid – das ist die neue Troika, die EnBW in den kommenden Jahren führen soll.

Rheinische Weltläufigkeit trifft auf schwäbische Provinz, Düsseldorf auf Ulm. Mastiaux wird gut daran tun, sich mit Seiffert und dessen überwiegend konservativen Landratskollegen gut zu stellen. Seiffert, 59, einst Finanzbürgermeister der Stadt Ehingen und später Haushaltsexperte der Bundestags-CDU, weiß genau, wie man Bilanzen liest. Zusammen mit dem aus Gesundheitsgründen scheidenden OEW-Vorsitzenden Kurt Widmaier, genannt "Black Jack", hat er schon manche Eskapade an der EnBW-Spitze gekontert.

Unvergessen ist für Seiffert die Ägide Utz Claasen . Der frühere Chef des Stromkonzerns gab damals zur Überraschung der Oberschwaben viel Geld aus, um das Logo des Unternehmens auf die Trikots des VfB Stuttgart , des Karlsruher SC und gleich auch noch der TSG Hoffenheim zu bringen. Als Claasen im Jahr 2006 mit großem Pomp für eine Million Euro den Spickzettel des WM-Torhüters Jens Lehmann ersteigerte, den dieser beim Elfmeterschießen gegen Argentinien benutzt hatte, war das Ende des Vorstandsvorsitzenden besiegelt. "Es war uns bis dahin egal, ob Herr Claasen in Davos große Vorträge gehalten hat oder wie er sonst aufgetreten ist. Aber bei uns riefen damals die Kunden an und fragten: Was, das macht ihr also mit unserem Geld?"

Seiffert will seine neue Rolle als wichtigster Kommunalpolitiker im deutschen Energiegeschäft nutzen, um für die EnBW wieder Sympathien zurück zu erkämpfen. "Wir sind Dienstleister", ruft er jetzt aus. Die EnBW sei derzeit "in der Gesellschaft wie ein Dealer angesehen". Dazu beigetragen haben sicherlich die seltsamen Details, die während des Untersuchungsausschusses zum Kauf von EnBW-Anteilen vom französischen Stromkonzern Electricité de France (EdF) ans Tageslicht kamen. Den Milliardenhandel hatte noch die Regierung von Stefan Mappus auf den Weg gebracht, kurz vor der Landtagswahl 2011 ging er durchs Parlament.

Mastiaux wiederum soll ein redlicher Vorstandsvorsitzender werden – und ein erfolgreicher. Das vergangene Geschäftsjahr hat die EnBW mit einem Verlust von knapp 870 Millionen Euro abgeschlossen. Es ist immer noch offen, wie das weggefallene Atomstromgeschäft durch die Schließung der Atomkraftwerke Philippsburg 1 und Neckarwestheim 1 kompensiert werden soll. Gaskraftwerke sollen her und weitere Windparks. Das wird viel Geld kosten.

Die oft streitbaren Landes- und Kommunalpolitiker, die das Sagen bei der EnBW haben, werden sich hüten, mit Mastiaux allzu rüde umzugehen. Es gilt intern als kleines Wunder, dass innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit ein Energiemanager gefunden werden konnte, der große Erfahrung im Aufbau einer Ökostrom-Sparte besitzt und weiß, wie Windkraft-, Solar- und Biomasse-Projekte wirtschaftlich gemacht werden können. Mastiaux scheint außerdem keine Angst davor zu haben, dass das Land Baden-Württemberg in wenigen Jahren seinen Aktienanteil wieder veräußern könnte und erneut eine Personalrochade an der Konzernspitze in Gang kommt.