KonsumGeiz ist nicht mehr geil
Seite 2/2:

Die Antwort auf die Frage, was Luxus ist, wandelt sich

Aber nicht nur die Mentalität hat sich gewandelt, sondern auch die Antwort auf die Frage, was Luxus überhaupt ist. Klaus Heine forscht an der TU Berlin zu Luxusmarken. Er sagt: "Früher waren Luxus und Nicht-Luxus relativ klar getrennt. Luxus waren teure Autos und Schampus." Heute gelten individuellere Definitionen. "Eine teure Studienreise kann zum Beispiel auch Luxus sein." Es geht eher darum, etwas zu erleben, sich etwas zu gönnen, als darum anzugeben. Oft spielt auch die nachhaltige Herstellung der Produkte eine Rolle. "Der Markt ist sehr groß", sagt Heine. Genauso wie die Bandbreite der Kunden.

Heine sagt: "Außer denen, die extrem arm dran sind, kann heute jeder Luxuskonsument sein. Das sind schon längst nicht mehr nur die oberen Zehntausend." Auch wer mittelmäßig verdient, kann auf etwas hinsparen, das ihm wichtig ist. Sei es ein Montblanc-Füller, eine Glashütte-Original-Uhr, ein Steinway-Flügel oder ein Urlaub im Fünfsternehotel. Der gleiche Konsument kann aber auch problemlos beim Discounter Lebensmittel kaufen. "Hybrides Konsumentenverhalten" nennt sich das.

Der Luxus dient dabei nicht zwangsläufig dem Prestige. Er fällt mitunter kaum auf; etwa, wenn er als hochwertiges Küchenmesser in der Schublade liegt. Deutschlands Vermögende, auch das bestätigt die Forschung, neigen nicht zum Protzen. In Ländern wie Russland und China ist das anders, dort soll Teures meist auch teuer aussehen. Traditionsreiche europäische Marken haben in Asien Hochkonjunktur. Touristen aus diesen Ländern tragen ebenfalls zum Wachstum der deutschen Luxuswirtschaft bei. 2011 stieg die Zahl der Übernachtungen von Russen und Chinesen in deutschen Hotels um je ein Fünftel. Die Russen gaben pro Kopf 60 Prozent, die Chinesen 40 Prozent mehr aus als 2010.

Jürgen Geßler von Porsche Design sagt, der Touristenanteil am Geschäft betrage vielleicht 30 Prozent. Er sagt auch: "Der deutsche Luxusmarkt wird noch viel wichtiger werden." Dabei stellt auch Geßler fest, dass der Kundenstamm früher klarer definiert war. "Es gibt einen ganz generellen Wertewandel entgegen der Wegwerfmentalität", sagt er. "Geiz ist nicht mehr Thema Nummer eins."

In der Porsche-Design-Filiale in Berlin zeigt die hübsche Verkäuferin gerade einem jungen Mann einen der 1.450-Euro-Blazer, dunkelblau, komplett aus Lammleder. Der Blazer hat in diesem Jahr einen angesehenen Designpreis gewonnen. Den jungen Mann – kurze Hose, Armani-Sonnenbrille – überzeugt er nicht. Er will aber wegen der iPad-Hüllen wiederkommen. Er tritt hinaus auf den Ku’damm – und steuert den nächsten McDonald’s an.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • deDude
    • 30. April 2012 13:27 Uhr
    1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke. Die Redaktion/ag

  1. jetzt eine gute oder eine schlechte oder - gar keine Nachricht?

  2. Der Luxus boomt, na prima. Was soll eigentlich das ewige Geheule von Leiharbeit, HartzIV, Gossenproletariat durch irgendwelche komischen Linken. Deutschland geht es gut und jeder kann in seinem eigenen Luxus schwelgen.

    Es ist tatsächlich ein Grund zur Freude, dass sich die Jugendlichen durch Teures ihr Leben verschönern wollen. Zwar sind die Schulen kaputt, die Krankenhäuser marode und überlastet, der ÖPNV ausgedünnt und eine Piratenpartei hat keine Meinung dazu, wie sie sich zum Wirtschaftsmodell positionieren soll, im Gegenteil soll der ÖPNV einfach kostenlos für alle werden. Aber dafür beeindruckt jemanden, der noch nie was von Entfremdung gehört hat, sein iPhone und diese "coole" neue Art im Internet irgendwas mit Politik zu machen.

    Das eine fügt sich mit dem anderen zu einem Gesamtbild zusammen.

    Was ist eigentlich aus diesem Land geworden? Nach uns die Sinntflut? Oder ist das schon jetzt?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • xajija
    • 30. April 2012 14:38 Uhr

    Ich kenne hartz 4 Empfänger mit Iphone, und soll man denen noch das verbieten?

    ... dort gibt es für die Linken noch was zu retten.

    Sie ja recht, wenn Sie die Hoffnung nicht ausgerechnet in den "Linken" sehen würden - denen geht es doch auch nur um Privilegien, halt nicht für die der Chefs, sondern für die der Nebenchefs (Gewerkschaftsvorsitzende, Quotenfrauen, Sachbereichsleiter in der Sozialindustrie etc.). Wem verdanken wir Hartz IV etc.? Und die ganz LINKE will gleiche Armut für alle außer die ganz besonders Gleichen und die Beherrscher des Volkseigentums, die "Elite" (!) des Proletariats etc.

    Nein! Das listenbasierte bürokratisierte Parteiensystem ist so angelegt, dass es BESTIMMTEN Menschen mit BESTIMMTEN Eigenschaften an die Spitze verhilft. "Links" oder "rechts" bedeutet nur noch einen Unterschied in der Rhetorik, mit der man sich und die eigenen Privilegien legitimiert.

    Ansonsten tauschen die da oben sich halt lieber über Luxus aus und lassen den Rest der Menschheit gnädig Anteil haben an ihren wichtigen Themen und füllen die Gazetten damit. Könnte ja sein, dass die anderen sonst noch auf was ganz was andres kommen würden, deshalb muss man halt die Kanäle VERSTOPFEN...

    kam 2002 oder 2003 (vor HartzIV, der wahrgenommenen Leiharbeiterwelle etc.) zu einer Zeit steigender Arbeitslosigkeit (Höhepunkt war 2005) und einer allgemein depressiven wirtschaftlichen Stimmung. Die Arbeitslosen von damals sind statistisch nun möglicherweise die Leiharbeiter/Niedriglohnarbeiter von heute. (Exkurs: um die Jahrtausendwende wurde auch von den Gewerkschaften nach einem Niedriglohnsektor geschrieen; nun wo er da ist: auch verkehrt...). Wenn nun ein paar % der Bevölerung meinen, sie könnten/wollten sich nun mehr "Luxus" leisten: wenn schon. Es werden auch wieder andere Zeiten kommen.

    Ich sehe den momentanen Anstieg vor allem als Zeichen einer steigenden Grundzuversicht. Das passt natürlich den Leuten nicht, die in der augenblicklichen Lage nur die Nachteile und Risiken wahrnehmen / überbetonen.

    • Niles
    • 30. April 2012 16:16 Uhr

    was wollen Sie mit dem Kommentar sagen?

    Das erste Absatz ist Sarkasmus, aber was dann kam hat mich verwirrt.

    Zunächst behaupteten Sie, dass es den öffentlichen Einrichtungen schlecht geht. Dann jedoch nehmen Sie ihre Argumentation, der man nur schwer widersprechen kann und schmettern sie jedem politikinteressierten Jugendlichen ins Gesicht. Wie kommen Sie drauf, dass die Jungendlichen dieses Landes keine Ahnung von Politik haben und es einfach nur "geil" finden Parteimitglied zu sein. Ja, Sie schreiben von Piraten Mitgliedern, aber zwischen den Zeilen lese ich deutlich heraus, dass sich dieser Kommentar auf alle Jungendliche bezieht, schließlich handelt die Statistik, im Artikel, auf die Sie sich beziehen von den Einundzwanzig- bis Dreißigjährigen im Allgemeinen, von der Piratenpartei war im gesamten Text nie die Rede.

    Zu welchem Gesamtbild soll sich das denn zusammenfügen? Die Jugendlichen werden immer dümmer und denken, sie können Politik machen in dem sie mit ihrem IPhone angeben?

    Nein, der letzte Absatz ist keine Polemik und auch nicht überspitzt geschrieben, ich habe Ihren Kommentar wirklich so verstanden.

    schon vorbei.

  3. 4. Sitmmt

    außer denen, die extrem arm sind, kann sich jeder Luxus leisten. Das war schon immer so. Wieviele sind das aber wirklich? Das Segment Luxus wächst stark, weil die Reichen immer reicher werden. Es wächst auch ein wenig, weil einige, die nicht ganz so reich sind, zunehmend glauben, sie müssten sich auch einige Status- oder Luxussymbole zulegen. Das sind dann aber eher Kleinigkeiten. Was völlig fehlt ist der Blick darauf, dass die Gruppe derer, die extrem arm sind, leider auch immer größer wird. Schönes Wachstum.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... beschlich mich ein ungutes Gefühl.

    Der Artikel schien irgendwie am Thema vorbeigeschrieben.

    Vielen Dank, dass Sie das Gefühl auf den Punkt gebracht haben - ich konnte irgendwie selbst nicht den Finger drauflegen!

    die 30% alle unter die Rubrik "Reich" einsortieren?

    • Insane
    • 30. April 2012 16:43 Uhr

    Wenn man es genau mit dem Wort Wachstum nimmt, kann man ja sehen dass es zutrifft: die reichen werden reicher und die Armen immer ärmer. Beides ist gewachsen. Wachstum Wachstum Wachstum. Sowas passiert eben wenn man nicht sagt welches Wachstum man denn meint. Genauso ist nicht klar welche Freiheit unser Bundespräsident denn genau meint.

  4. ...Willkommen in der Zweiklassengesellschaft. Während Second Hand und Ramsch-Häuser immer mehr Zuwachs bekommen, steigen auch die Umsätze der Luxushäuser.
    Das man daraus nun auch noch eine "gute Nachricht" generiert und das auch noch stolz in die Welt hinaus schreit, ist irgendwie wieder klar.
    Wir sind auf dem richtigen Weg - die Staaten haben es vorgemacht - auf geht's.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die, die es sich leisten können, die die es sich nicht wirklich leisten können aber trotzdem tun - aus Angst zur dritten Gruppe, derer die es sich überhaupt garnicht leisten können, zu gehören.

  5. wie sie zu Millionen in Scharen, gleich weg von der ARGE und den Tafeln, direktemang zu den Luxustempeln strömen, um sich noch schnell vor dem Beginn der nächsten Schicht im Leiharbeit- oder 1-€-Job, die goldene Rolex oder einen 911er Porsche (warum eigentlich nicht gleich beides?)zu sichern!

    [Sarkasmus-Modus ENDE]

  6. Der letzte Abschnitt gibt zu denken:

    In der Porsche-Design-Filiale in Berlin zeigt die hübsche Verkäuferin gerade einem jungen Mann einen der 1.450-Euro-Blazer, dunkelblau, komplett aus Lammleder. Der Blazer hat in diesem Jahr einen angesehenen Designpreis gewonnen. Den jungen Mann – kurze Hose, Armani-Sonnenbrille – überzeugt er nicht. Er will aber wegen der iPad-Hüllen wiederkommen. Er tritt hinaus auf den Ku’damm – und steuert den nächsten McDonald’s an.

    Zwischen McDonald's und dem Tantris in München, zwischen Armani und kik habe ich den Eindruck, dass die Chance für einen guten Deal für Hersteller, Händler und Kunden zu gering ist.

    Gegen Luxusgüter wende ich wenig ein (habe mir schon selber das eine oder andere arg an der Grenze zur persönlichen Zahlungsfähigkeit gegönnt), aber eine Ausweitung der soliden Mittelklasse täte gut.

    • xpeten
    • 30. April 2012 13:54 Uhr

    Geiz ist die unsympathischste aller schlechten Eigenschaften.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Konsum | Louis Vuitton | Porsche | Prada | iPad | China
Service