AktionärsprotestIn der Bayer-Bilanz schlummert ein unbekanntes Risiko

Der Pharma- und Chemiekonzern wird in den USA massenhaft wegen einer Antibabypille verklagt. Das kann das Unternehmen teuer kommen. von Jahel Mielke

Zwanzig Minuten lang war Felicitas Rohrer klinisch tot – ihr Herz hatte nach einer Lungenembolie versagt. Viereinhalb Stunden operierten die Ärzte und retteten schließlich das Leben der 25-Jährigen. Rohrer hatte keine bekannten Vorerkrankungen, kein Risiko in der Familie. Warum sie so schwer krank wurde, ist für die junge Frau klar. " Bayer hat mein Leben zerstört", sagt sie. "Dass ich überlebt habe, ist ein Wunder."

Von Oktober 2008 bis Juli 2009 nahm die junge Frau die Antibabypille Yasminelle des Leverkusener Chemie- und Pharmakonzerns. Mit der Produktfamilie, zu der das Präparat gehört, macht die Berliner Pharmatochter von Bayer einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro im Jahr.

Anzeige

Zugleich brachten die Mittel dem Konzern in den USA bisher mehr als 11.300 Klagen wegen Gesundheitsschäden ein. Denn wegen des neuartigen Wirkstoffs Drospirenon, der in Yasmin, Yaz und Yasminelle steckt, stehen sie im Verdacht, ein höheres Risiko für Thrombosen zu bergen als andere Antibabypillen . Thrombosen sind Blutgerinnsel, die in den Venen entstehen und zu Schlaganfällen und Embolien führen können. Auf der Hauptversammlung von Bayer am Freitag soll es erneut Protest gegen die Präparate geben.

Felicitas Rohrer bekam Anfang 2009 schlechter Luft, fühlte sich schlapp, hatte Schmerzen im Bein. "Ich dachte, das ist der Stress", sagt sie. Sechs Monate später brach sie zusammen. Heute, knapp drei Jahre später, kämpft sie noch immer mit den Folgen dieses Tages. Vor dem Zusammenbruch hatte Rohrer ihr Studium zur Tierärztin abgeschlossen, nun kann sie ihren Beruf nicht mehr ausüben. Um ihr Leben zu retten, mussten die Ärzte ihr Brustbein durchtrennen. "Ich darf nichts Schweres mehr heben, kann nicht lange stehen", sagt Rohrer. Dass sie täglich blutverdünnende Mittel einnehmen muss, ist weit mehr als lästig. "Kinder werde ich, solange ich die Mittel schlucke, nicht bekommen können", sagt sie.

Im vergangenen Jahr entschied die heute 27-Jährige, Bayer zu verklagen. Sie war die Erste, die das hierzulande tat. Denn anders als in den USA sind in Deutschland keine Sammelklagen möglich, das Risiko für die Betroffenen ist viel höher. Schmerzensgeld und Schadenersatz will Rohrer, und mittlerweile ist sie nicht mehr die Einzige. Als sie 2011 mit ihrem Fall an die Öffentlichkeit ging, lernte sie drei weitere Betroffene kennen, mit ihnen gründete sie eine Selbsthilfegruppe. Eine der Frauen, Kathrin Weigele, geht nun ebenfalls gerichtlich gegen Bayer vor.

Rohrers Anwalt verweist auf die "schädlichen Wirkungen" von Yasminelle, "die über ein nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft vertretbares Maß hinausgehen". Drospirenon, so konstatiert der Anwalt, führe im Vergleich zu Pillen der vorherigen Generation zu einem "bis zu doppelten Thromboserisiko". Bayer verneint dies. "Alle kombinierten oralen Kontrazeptiva von Bayer, auch die mit Drospirenon, haben ein positives Nutzen-Risiko-Profil, wenn sie gemäß ihrer Indikation eingenommen werden", teilte eine Bayer-Sprecherin auf Anfrage mit. Es gebe keine einheitliche wissenschaftliche Meinung dazu, ob das Risiko bei Drospirenon-Pillen höher sei als bei anderen. Zu Felicitas Rohrers Fall wollte Bayer sich mit Hinweis auf das laufende Verfahren nicht äußern. "Wir bedauern, was Frau Rohrer widerfahren ist", sagte die Sprecherin.

Leserkommentare
  1. Nur der Profit zählt, egal wie. Natürlich ist es in Deutschland für solche Konzerne am besten, weil sie keine Schadenforderungen zu befürchten haben.

    Die Geschichte des Bayer-Konzerns reicht von der Erfindung und aggressiven Vermarktung des Heroins bis zur besonders erfolgreichen Zusammenarbeit mit Hitler. Auch heute geschehen unzählige Verstöße gegen Umweltschutz und Menschenrechte. Gut, dass es in den USA noch scheinbar eine unabhängigere Justiz gibt, die nicht auf die Parteien hört.

    "Der Bayer-Konzern ist nicht besonders böse oder gut oder kriminell, sondern steht hier einfach exemplarisch für alle anderen Großkonzerne, der Ordnung des Kapitals, für Ausbeutung, für Kriege und für andere lohnende Verbrechen!

    http://www.kalle-der-rote...

    "Beeindruckend, wenn der Autor schildert, wie er sogar Mitarbeiter des Bayer-Konzerns für fingierte Geschäfte mit Rohstoffen aus Afrika interessieren konnte, deren krimineller Hintergrund förmlich zu riechen war."

    http://unsdiewelt.com/buch/

  2. Der im Artikel beschriebene Skandal gleicht in seiner Geschichte dem Contergan-, Duogynon-, Anti-D- und dem Blut/AIDS-Skandal.

    Der größte Skandal bleibt, dass die Pharmakonzerne die Verantwortung für ihre die Gesundheit schädigenden Produkte verweigern.

    Aus diesem Grund haben sich die Opfer diverser Skandale in Deutschland zusammengeschlossen.
    Mehr dazu unter:

    http://robinblood.org/?p=478

  3. Um gesund durchs Leben zu kommen sollte man so lange wie möglich vermeiden, Produkte der großen Pharmafirmen über längere Zeit einzunehmen. Ich nehme schon lange keine Pille oder andere Hormone mehr. Ich kann nicht nachvollziehen, wieso so viele junge und auch ältere Frauen bei diesem groß angelegten Massentes mitmachen.

    Genau wie bei allen anderen Medikamenten geht es nur um's Geld.

    Schade, denn auf diese Weise werden natürliche Heilmittel nicht besser erforscht und man ist auf Selbstversuche mit Nahrungsergänzungsmitteln angewiesen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich habe in der Pubertät angefangen die Pille zu nehmen und nach 4 Wochen den ersten und einzigen Migräneanfall meines Lebens bekommen. In der Packungsbeilage stand, dass man in diesem Fall sofort absetzen solle. Meine Ärztin meinte, nene, nehmen Sie die mal schön weiter, Ihr Körper muss sich ja erst dran gewöhnen.

    Ich kenne mehrere Fälle in meinem Freundeskreis , wo die Pille zu mehr als unangenehmen Nebenwirkungen geführt hat und die Ärzte das dann abwiegeln als "kommt von was anderem" oder "nehmen Sie mal weiter/ ne andere". Wenn diese Verantwortungslosigkeit auf ärztlicher Seite dann noch mit einem Präparat zusammenfällt, dass erhöhte Risiken als die ohnehin gängigen birgt, dann wundert es mich eher, dass solche Fälle nicht viel öfter auftreten.

    Alle Medikamente sind schlecht, man sollte am besten gar keine nehmen? Sagen Sie das mal einem Diabetiker, der auf Insulin angewiesen ist. Oder einem HIV-Patienten, der mit seiner Antiretroviralen Therapie ein um Jahrzehnte längeres Leben hat als früher. Oder einem Parkinson-Patienten, der mit Medikamenten seine Krankheit halbwegs kontrollieren kann. Oder einem Asthmatiker, der ohne Medikamente im Anfall erstickt.

    Nur weil hier wieder mal ein Skandal aufgedeckt wird (die pro-thrombotische Wirkung von Hormonpräparaten ist übrigens schon länger bekannt und wirklich nichts neues), muss man nicht gleich hysterisch werden und in einem Anfall von irrationalem Skeptizismus dogmatisch alle Medikamente ablehnen.

  4. Ich habe in der Pubertät angefangen die Pille zu nehmen und nach 4 Wochen den ersten und einzigen Migräneanfall meines Lebens bekommen. In der Packungsbeilage stand, dass man in diesem Fall sofort absetzen solle. Meine Ärztin meinte, nene, nehmen Sie die mal schön weiter, Ihr Körper muss sich ja erst dran gewöhnen.

    Ich kenne mehrere Fälle in meinem Freundeskreis , wo die Pille zu mehr als unangenehmen Nebenwirkungen geführt hat und die Ärzte das dann abwiegeln als "kommt von was anderem" oder "nehmen Sie mal weiter/ ne andere". Wenn diese Verantwortungslosigkeit auf ärztlicher Seite dann noch mit einem Präparat zusammenfällt, dass erhöhte Risiken als die ohnehin gängigen birgt, dann wundert es mich eher, dass solche Fälle nicht viel öfter auftreten.

    Antwort auf "Besser ohne"
  5. 5. Lustig

    Alle Medikamente sind schlecht, man sollte am besten gar keine nehmen? Sagen Sie das mal einem Diabetiker, der auf Insulin angewiesen ist. Oder einem HIV-Patienten, der mit seiner Antiretroviralen Therapie ein um Jahrzehnte längeres Leben hat als früher. Oder einem Parkinson-Patienten, der mit Medikamenten seine Krankheit halbwegs kontrollieren kann. Oder einem Asthmatiker, der ohne Medikamente im Anfall erstickt.

    Nur weil hier wieder mal ein Skandal aufgedeckt wird (die pro-thrombotische Wirkung von Hormonpräparaten ist übrigens schon länger bekannt und wirklich nichts neues), muss man nicht gleich hysterisch werden und in einem Anfall von irrationalem Skeptizismus dogmatisch alle Medikamente ablehnen.

    Antwort auf "Besser ohne"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Oyamat
    • 23. April 2012 17:02 Uhr

    "So wenig wie möglich, so viel wie nötig" ist noch keine Totalabsage an die "Pillenmedizin". Ich nehme seit etwa 2 Jahren eine Medikamentenkombination, deren Wirkung meine Lebensqualität deutlich gehoben hat. Und wer mal befürchten mußte, daß Schmerzen chronisch und nicht therapierbar sein könnten, wird wissen, welchen Segen ein zuverlässig wirkendes Schmerzmittel darstellt! Die erwähnten Therapien gegen Asthma, HIV, Diabetes und Parkinson gehören ebenfalls zu dem, was man der Schulmedizin hoch anrechnen muß - und auch viele Mittel gegen Parasiten, nicht nur bei Menschen.

    Dennoch bin ich im Prinzip weiterhin der Ansicht, daß man sich zunächst damit zurückhalten sollte, sich mit Medikamenten zu "dopen". Leider ist die Alternative heute allerdings zunehmend unrealistisch: Ein, zwei Wochen Bettruhe, etwas mehr Wert auf bestimmte Nahrungsmittel legen, zwischendurch ein ruhiger Spaziergang, sich mal entspannen... wer soll sich das denn noch leisten können? Wer das zu seiner "Standard-Therapie" gegen kleinere Wehwehchen und nicht lebensbedrohliche Krankheiten macht, wo es im Grunde reichen würde (sic!), ist entweder schon bei Hartz4 oder wird es dann bald sein. Alle anderen müssen an die Arbeit zurück, da heißt es, schlucken und zum Dienst antreten.

    MGv Oyamat

    • Oyamat
    • 23. April 2012 17:02 Uhr

    "So wenig wie möglich, so viel wie nötig" ist noch keine Totalabsage an die "Pillenmedizin". Ich nehme seit etwa 2 Jahren eine Medikamentenkombination, deren Wirkung meine Lebensqualität deutlich gehoben hat. Und wer mal befürchten mußte, daß Schmerzen chronisch und nicht therapierbar sein könnten, wird wissen, welchen Segen ein zuverlässig wirkendes Schmerzmittel darstellt! Die erwähnten Therapien gegen Asthma, HIV, Diabetes und Parkinson gehören ebenfalls zu dem, was man der Schulmedizin hoch anrechnen muß - und auch viele Mittel gegen Parasiten, nicht nur bei Menschen.

    Dennoch bin ich im Prinzip weiterhin der Ansicht, daß man sich zunächst damit zurückhalten sollte, sich mit Medikamenten zu "dopen". Leider ist die Alternative heute allerdings zunehmend unrealistisch: Ein, zwei Wochen Bettruhe, etwas mehr Wert auf bestimmte Nahrungsmittel legen, zwischendurch ein ruhiger Spaziergang, sich mal entspannen... wer soll sich das denn noch leisten können? Wer das zu seiner "Standard-Therapie" gegen kleinere Wehwehchen und nicht lebensbedrohliche Krankheiten macht, wo es im Grunde reichen würde (sic!), ist entweder schon bei Hartz4 oder wird es dann bald sein. Alle anderen müssen an die Arbeit zurück, da heißt es, schlucken und zum Dienst antreten.

    MGv Oyamat

    Antwort auf "Lustig"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    war in einer Hinsicht zumindest humaner. Es gab die Drogen umsonst - und diese waren vermutlich rein und damit wie reines Heroin oder Kokain mit wenig Nebenwirkungen. Dass überhaupt das Ziel "Glücksgefühl" als Ziel ernst genommen wurde.

    Der Ersatz aus Werbebildern ist nur noch Simulation, das ist wohl auch billiger. So zahlen die Leute für Drogen viel Geld, da kann man mehr abkassieren. Jedes Ding ist eine Droge sagte Paracelsus, nur die Dosis entscheidet, ob es ein Heil- oder Suchtmittel ist.

    Für starke Medikamente, also Drogen, zahlen die Krankenkassen, aber nicht für die sanften Mittel z. B. aus der Natur.[...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pauschale Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/ag

  6. Jede Pillensorte bekommt eine eigene Firma.

  7. war in einer Hinsicht zumindest humaner. Es gab die Drogen umsonst - und diese waren vermutlich rein und damit wie reines Heroin oder Kokain mit wenig Nebenwirkungen. Dass überhaupt das Ziel "Glücksgefühl" als Ziel ernst genommen wurde.

    Der Ersatz aus Werbebildern ist nur noch Simulation, das ist wohl auch billiger. So zahlen die Leute für Drogen viel Geld, da kann man mehr abkassieren. Jedes Ding ist eine Droge sagte Paracelsus, nur die Dosis entscheidet, ob es ein Heil- oder Suchtmittel ist.

    Für starke Medikamente, also Drogen, zahlen die Krankenkassen, aber nicht für die sanften Mittel z. B. aus der Natur.[...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pauschale Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/ag

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Bayer AG | Europäische Union | USA | Antibabypille | Bloomberg | Berlin
Service