Es geht ihm jetzt noch einmal um das Ganze. Darum, wie man sich an ihn erinnern wird. Es ist kurz nach halb elf, als Josef Ackermann ans Rednerpult in der Frankfurter Festhalle tritt, wo die Deutsche Bank ihre letzte Hauptversammlung unter seiner Ägide abhält. Das Publikum spendet warmen Applaus, aber es gibt auch etliche Buh-Rufe. Draußen vor der Festhalle demonstrieren Aktivisten von Attac lautstark gegen "Kapitalismus" und "Großkapital". Auf einem Plakat haben sie "Ackermanns Vermächtnis" aus ihrer Sicht festgehalten: "Steuerflucht, Waffenhandel , Zocken mit Nahrungsmitteln ".

Josef Ackermann , 64, bleibt auch an seinem letzten Tag als Chef der Deutschen Bank eine Reizfigur. Ein Banker, der vielleicht stärker als andere als Person für die gegenwärtige Form des Kapitalismus steht. Die Rede, die Ackermann in der nächsten halben Stunde halten wird, ist deshalb auch eine Rechtfertigung vor den Aktionären und allen, die ihn in den letzten Jahren kritisiert haben. Noch einmal will er den "Bogen etwas weiter spannen", sagt er zu Beginn seiner Rede. Er möchte seine Version der Geschichte erzählen.

Die beginnt im Jahr 2002. Ackermann rückt damals an die Spitze der Deutschen Bank und beginnt das Institut drastisch umzubauen: Er verkleinert die Führungsstruktur, senkt die Kosten, baut Stellen ab, und löst mit dem Verkauf von Industriebeteiligungen die bisherige Deutschland AG auf. Heute sagt Ackermann, wisse er, dass seine Strategie damals "heftig umstritten" war, dass die 25 Prozent Eigenkapitalrendite von vielen als "Ausdruck der Gier" interpretiert wurde. Später aber, als die Finanzkrise kam, habe die hohe Wettbewerbsfähigkeit dafür gesorgt, dass die Bank ohne Staatsgeld auskam. Viele Kritiker des hohen Renditeziels, sagt Ackermann, hätten die Vorteile damals übersehen. Er nicht.

Es ist das Bild, das Ackermann in vielen Interviews zuletzt gezeichnet hat: das des vorausschauenden Bankers, der die Bank zuerst gut auf die Krise vorbereitet und sie schließlich sicher durch alle Turbulenzen gesteuert habe. Gleich mehrfach spricht er von den "schweren Stürmen", denen die Bank aus eigener Kraft getrotzt habe. Es klingt genauso stolz wie sein Ausruf zu Beginn der Krise, seine Bank werde niemals Staatshilfe annehmen.

Später auf der Hauptversammlung wird ihm ein Aktionärsschützer danken, dass die Deutsche Bank in der Krise nicht zur "Deutschen Staatsbank" geworden sei. Tatsächlich ist es ein großes Verdienst Ackermanns, dass er die Geschäfte am amerikanischen Immobilienmarkt rechtzeitig einstellte – anders als andere Bankenlenker, deren Institute anschließend vom Staat gerettet werden mussten. Wohl auch deshalb ist Ackermann einer der wenigen Bankchefs, die in der Krise ihren Job behielten, neben Lloyd Blankfein ( Goldman Sachs ) und Jamie Dimon ( JP Morgan Chase).

Ohnehin, sagt Ackermann, müsse man seine Zeit an der Spitze der Bank trennen – in die Jahre 2002 bis 2007 und die danach. Bis 2007 habe man ein "gutes Marktumfeld" gehabt und die "besten operativen Ergebnisse" aller Zeiten erzielt. Es war die Zeit, als der Börsenkurs der Bank auf rund 118 Euro hochschnellte und die Bank kräftige Dividenden ausschüttete. Dass ein Aktionär, der bei seinem Amtsantritt eine Aktie der Bank gezeichnet hat, aus heutiger Sicht dennoch ein schlechtes Geschäft gemacht hat, verschweigt der Deutsche-Bank-Chef. Zuletzt lag der Aktienkurs seines Instituts unter 30 Euro.

"Waffenschmiede", "Hungermacher", "Klimakiller"

Ackermann ficht das nicht an. Die Bank habe sich in der Krise noch immer "besser entwickelt als viele Konkurrenten", sagt er. Und doch wird auch er wissen, dass es noch ein anderes Bild von ihm gibt, das den Deutschen im Gedächtnis haftet. Nicht nur, weil er in den ersten Jahren provoziert hat, wie mit seinem Victory-Zeichen beim Mannesmann-Prozess.

Sondern auch, weil sich zuletzt die Vorwürfe gehäuft haben, die Bank ordne ihre Verantwortung zu oft der Rendite unter. NGOs werfen der Deutschen Bank schon länger in drastischen Worten vor, durch Nahrungsmittelspekulation den Hunger in der Welt zu verschärfen und vom Waffenhandel zu profitieren. Eine "Waffenschmiede", sei die Bank heute, ein "Hungermacher" , ein "Klimakiller".

Ackermann geht in seiner Rede lange auf die soziale Verantwortung seines Instituts ein, ganze fünf Minuten lang. Er wiederholt auch einen Satz, den er schon öfter gesagt hat: "Kein Geschäft darf es uns wert sein, den Ruf und die Glaubwürdigkeit der Bank aufs Spiel zu setzen." Es ist der Versuch, den Eindruck zu zerstreuen, die Strategie der Bank vor allem im Investmentbanking fordere ihre Opfer.