Wie groß der Graben zwischen dem hippen Silicon Valley und der konservativen New Yorker Finanzwelt ist, bekam Mark Zuckerberg vor wenigen Tagen zu spüren. Der Facebook-Chef hatte, begleitet von Geschäftsführerin Sharyl Sandberg und Finanzchef David Ebersman, zum Auftakt seiner Roadshow in den Ballsaal des Sheraton Hotels in Manhattan geladen. Ausgewählte Analysten und potenzielle Investoren sollten im kleinen Rahmen vom Mythos Facebook überzeugt werden.

Als der 27-jährige Chef am frühen Nachmittag den Raum betrat, zogen viele der Anwesenden die Augenbrauen hoch. Der CEO habe ausgesehen, als säße er noch immer im Studentenwohnheim in Harvard, wetterten die Geldgeber nach dem Treffen. Er zeige keinen Respekt, es mangele ihm offenbar an Interesse an seinen eigenen Investoren. Grund der Aufregung: Mark Zuckerberg war nicht im Anzug, sondern wie gewohnt im Kapuzenpulli angereist.

Jeder Schritt des Facebook-Gründers wird in diesen Tagen verfolgt, immer sind die Kameras schon vor Ort, zu Treffen in Hotels kommt Zuckerberg im Geländewagen hinter verdunkelten Scheiben und verlässt sie, begleitet von seinen Bodyguards, durch den Hintereingang. Zuckerberg ist der Popstar der Wall Street. Kein Wunder: Wenn Facebook am morgigen Freitag an die Börse geht, spielt die erst acht Jahre junge Firma mit einer Bewertung von rund 100 Milliarden Dollar in einer Liga mit Weltkonzernen wie McDonald’s und dem Computerhersteller Hewlett-Packard . Schon jetzt gehört das Netzwerk zu den bekanntesten Marken der Welt. "Du bist sehr schnell sehr weit gekommen und der Himmel ist die Grenze", schrieb Carly Fiorina , die langjährige Chefin des Computerriesen Hewlett-Packard, vor wenigen Tagen in einem offenen Brief an Zuckerberg.

Zuckerberg will das letzte Wort haben

Doch viele haben Zweifel, ob der 27-jährige Firmenchef, der Treffen am Morgen gerne ausfallen lässt, weil er bis spät in die Nacht am Rechner sitzt, dem Job gewachsen ist. Mit Entscheidungen im Alleingang hat Zuckerberg für Unruhe gesorgt. Als er vor wenigen Wochen den Kauf des Foto-Sharing-Dienstes Instagram bekannt gab, heißt es, hätten die Mitglieder im Verwaltungsrat erst kurz vorher per E-Mail von dem eine Milliarde Dollar teuren Geschäft erfahren. Dabei fragen sich Investoren bis heute, wie das Netzwerk überhaupt von Instagram profitieren wolle. Wer am Freitag Aktien von Facebook kaufe, so Raul Reis, Dekan des Lehrstuhls für Journalismus und Massenkommunikation an der Universität von Florida, der schließe gleichzeitig eine riskante Wette auf dessen Chef ab. "Jeder Kauf ist ein großer Vertrauensbeweis in seine Person", so Reis. Denn mit 57 Prozent der stimmberechtigten Aktien stellt Zuckerberg sicher, auch künftig das letzte Wort zu haben.

Und die Wall Street erwartet sehnsüchtig eine Antwort auf die Frage, wie die langfristige Strategie des Facebook-Gründers aussieht. Denn das Geschäftsmodell gilt als wackelig.

Facebook erzielt drei Viertel seines Umsatzes von zuletzt 3,7 Milliarden Dollar mit Werbung, der kleine Rest kommt aus Umsatzbeteiligungen an Firmen wie dem Online-Spielehersteller Zynga. Aber die Werbekunden sind skeptisch, wie effektiv ihre Anzeigen in dem Netzwerk platziert sind, denn Facebook hat Angst, seine Nutzer mit zu viel Werbung zu verschrecken. Der Balanceakt birgt Risiken: Erst vor wenigen Tagen kündigte General Motors (GM), der größte Autobauer der USA , an, künftig nicht mehr in dem Netzwerk werben zu wollen , weil der gewünschte Effekt ausbleibe. GM hatte allein für direkte Werbung auf Facebook zehn Millionen Dollar bereitgestellt.

Zudem läuft Facebook dem großen Konkurrenten Google beim Geschäft mit mobiler Werbung hinterher. Mehr als die Hälfte der Nutzer loggen sich über ihr Smartphone ein – doch bislang fehlt es Facebook an einer Idee , das zu Geld zu machen. Im Börsenprospekt warnt das Unternehmen selbst vor den Schwächen im mobilen Geschäft.

Beeindruckende Zahlen

Und es gibt weitere Baustellen. In China etwa, dem größten Internet-Markt der Welt, konnte das Netzwerk bislang nicht Fuß fassen, bis heute dominieren lokale Dienste. Doch ohne China gibt es kaum noch Wachstumspotenzial für das Netzwerk, das inzwischen über 900 Millionen monatliche Nutzer hat. Unter denen, sagt IT-Experte Rob Enderle, habe eine Art "Müdigkeit" eingesetzt. Facebook mache nicht mehr einfach nur Spaß, sondern wegen zahlreicher Zusatzfunktionen auch jede Menge Arbeit. Entsprechend nehme die Lust vieler Nutzer ab, regelmäßig Inhalte mit anderen zu teilen. "Es muss Gründe für die Nutzer geben, auf die Seite zu gehen, die über die bloße Kommunikation hinaus gehen", sagt auch Raul Reis. Den eigenen App-Store sehen viele als Schritt in die richtige Richtung, auch mit bezahlten Status-Updates experimentiert das Netzwerk.

Die Zahlen zum Börsenstart sind allerdings beeindruckend. Rund um den Globus posten Nutzer inzwischen täglich 3,2 Milliarden Kommentare und 300 Millionen Fotos. Niemand sonst genieße in solchem Ausmaß jede Woche die Aufmerksamkeit und Zeit seiner Nutzer. "Daten sind wichtig, und Facebook hat jede Menge davon", so David Whorton. Doch Google und Amazon rüsten im Wettstreit um die Daten auf. Der Online-Händler etwa habe die Netz-Hoheit über das Kaufverhalten. "Dieses Wissen könnte am Ende des Tages mehr wert sein als Absichten oder Interessen", so Whorton. Um im Kampf um die Vorherrschaft im Netz zu bestehen, müsse Facebook deshalb von einer Betaplattform, die Neuerungen einführe, bevor sie ausgereift seien, zu einer soliden Geschäftsplattform werden.

Die Investoren scheinen an den Wandel zu glauben. Erst am Mittwoch hatte Facebook die Zahl der ausgegebenen Aktien und die Preisspanne wegen des Ansturms noch einmal erhöht. Der Börsengang am Freitag soll nun nicht mehr zehn, sondern bis zu 16 Milliarden Dollar einspielen. Wenn am Abend der endgültige Preis festgelegt wird, könnte er noch einmal höher liegen. Die Bewertung, so Rob Enderle, spiegele nicht den derzeitigen finanziellen Erfolg wider, sondern vor allem den Glauben an die Zukunft. Auch an die von Mark Zuckerberg.