AutoindustrieBochum ohne Opel – geht das?

Bald wird General Motors entscheiden, ob Opel in Bochum bleibt. Die Stadt zittert. Doch eine Werkschließung würde sie besser verkraften als vor Jahren. von Malte Buhse

Opel-Mitarbeiter in Bochum

Opel-Mitarbeiter in Bochum  |  © Getty Images

Irgendwann hat Rainer Einenkel aufgehört zu zählen. "Es gab ja ständig einen neuen Schließungsplan", sagt der Betriebsratsvorsitzende des Bochumer Opel-Werks. "Man kommt aus den Abwehrkämpfen nicht mehr heraus."

Gerade ist Einenkel wieder im Kampfmodus. Wieder entscheidet die Konzernmutter General Motors im fernen Detroit über die Zukunft der deutschen Tochter. Ende Juni soll feststehen, ob Fabriken geschlossen werden, womöglich auch das Bochumer Werk. Dann wird es auch wieder um die Stadt Bochum als Ganzes gehen. " Opel ist Bochum, und Bochum ist Opel", schrieb der Bochumer Sänger Herbert Grönemeyer kürzlich in einem Brief an die Arbeiter. Das Opel-Werk ist der Stolz der Stadt, noch immer.

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Dabei sind die großen Zeiten für Opel in Bochum längst vorbei. Die Marktanteile sinken, das Unternehmen macht Verluste. Von der 200 Hektar großen Betriebsfläche wird nur noch die Hälfte genutzt. Die Zahl der Mitarbeiter ist durch Sparrunden und Standortsicherungsverträge von 20.000 auf rund 3.200 Arbeiter geschrumpft. Dennoch will sich niemand in der Stadtverwaltung ein Bochum ohne Opel vorstellen: "Planspiele, wie es ohne Opel aussehen könnte, machen wir nicht mit", sagt Stadtsprecher Thomas Sprenger. "Gerüchte zu einer möglichen Werksschließung sind für mich sachlich nicht nachvollziehbar und ärgerlich", sagt Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz.

Tatsächlich hat das Werk bislang noch jede Sparrunde überlebt. In den neunziger Jahren mussten immer wieder Opel-Modelle wegen Qualitätsmängel zurückgerufen werden – doch das Opel-Werk in Bochum blieb. Als 2004 neue Gerüchte aufkamen, das Werk könne geschlossen werden, streikten die Mitarbeiter eine Woche lang. Selbst die große Wirtschaftskrise, als der Mutterkonzern GM kurz vor der Insolvenz stand, hat das Werk überlebt. "Ich kann mich an keine Zeit erinnern, an der nicht über die Schließung des Werks diskutiert wurde", sagt Ulrike Kleinebrahm von der IG Metall in Bochum. Daher hat Rainer Einenkel aufgehört die Schließungspläne zu zählen. Er ist froh, dass das Werk noch steht.

Eine Schließung würde das Herz der Stadt treffen – mal wieder

Nun aber wird es wohl endgültig eng. Das glauben zumindest viele in Bochum. Gerade hat General Motors angekündigt, die Produktion des Astra in das englische Werk Ellesmere Port zu verlegen . Der nächste Schritt, so vermutet Einenkel, wird es sein, den Mini-Van Zafira statt in Bochum in Rüsselsheim bauen zu lassen. Am 28. Juni will der Konzern dem Aufsichtsrat mitteilen, wie es weitergeht. 2014 läuft die Standortgarantie für Bochum aus. "Wenn es eine Zukunft für Opel in Bochum gäbe, hätte das Management es schon gesagt", sagt Jörg Linden, Sprecher der Industrie- und Handelskammer in Bochum.

Es scheint, als müsse Bochum sich wohl darauf einstellen, den nächsten großen Industriearbeitgeber zu verlieren. Das wird das Herz der Stadt treffen, mal wieder. Wer aber genauer hinsieht, erkennt: Bochum ist heute längst nicht mehr nur Opel. Die Stadt würde ein Ende des Werkes weit besser verkraften als früher.

Opel, das war zusammen mit dem späteren Nokia-Werk die erste Stufe des Bochumer Strukturwandels. Ein Auffangbecken für Tausende Bergleute, die nach der Schließung der Zechen in den sechziger Jahren auf der Straße standen. Nur einen guten Kilometer vom Opel-Werk entfernt beginnt nun die zweite Stufe. Über die grüne Wiese rollen Bagger und bauen ein Stück der neuen Bochumer Wirtschaft auf. Im Medizinpark Ruhr, einem Industriegebiet für Biomedizin-Firmen, werden Bürogebäude hochgezogen. Nebenan steht das Biomedizinzentrum, in das sich bereits 17 Unternehmen eingemietet haben, um an Implantaten und Medikamenten zu forschen.

Leserkommentare
  1. hat der damalige Wirtschaftsminister Gutenberg kein Geld reingepumpt sonst wäre das jetzt auch futsch-

    Der gelsenkirchner Professor für das Fachgebiet Automobil hat seinerzeit wie heute bereits darauf hingewiesen das eine Marke ohne globalen Vertrieb keine Chance mehr haben wird-leider

    3 Leserempfehlungen
  2. Mag man dieses als Fehler ansehen, es ist nun mal eine US Firma, die Ihre Produkte, nachdem sie von der Regierung Obama gerettet wurde, natürlich in den USA produzieren will und den Exportmarkt für die in den USA hergestellten Produkte
    schützt.
    Das ist deren gutes Recht, ihre Vertriebspolitik selbst zu bestimmen.
    Auch ist die Produktion in der polnischen Fabrik kostengünstiger. (wahrscheinlich mit EU-Hilfe errichtet).
    Hoffen wir, dass es denen nicht so geht wie Nokia, da hat der Umzug nicht zu einem Geschäftserfolg geführt, denn wenn es nur um Lohnkosten geht, sind alle europäischen Fertigungen den asiatischen weit unterlegen.

    2 Leserempfehlungen
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    "...(wahrscheinlich mit EU-Hilfe errichtet)."

    davon 27 Prozent deutsches Steuergeld.

  3. ein harter Schnitt wird es trotzdem noch für Bochum, trotz des zum Teil ganz ordentlich vorangetriebenen Strukturwandels wie im Artikel beschrieben.

    und wer die Inforemationen kennt, das der neue, finnische Eigentümer (ehemals Thyssen-Krupp) wohl auch das letzte Edelstahlwerk in Bochum ca. ab 2015 schließen könnte dann hat die Schließung von Opel Bochum einen deutlich erhöhte Brisanz.

    Den zwei große Industrie Standorte eventuell fast zeitgleich zu verlieren wäre schon eine Zäsur für einen mittlere Großstadt mitten im Revier, zumal man ja von Nokia schon bös vorgeführt / ausgenutzt wurde...

    Ärgerlich ist der Niedergang von Opel deshalb, weil er durch konsequentes Missmanegement ein Niedergang mit Ansage war der schon weit in den Neunzigern begann und am Ende der normale Arbeiter bezahlen wird...
    GM spielt schon lange nur noch mit Opel, wie man bei der drohenden Insolvenz von GM glasklar erkennen konnte, denn der Verkauf war damals schon fast perfekt und dann kam "plötzlich" ein "April April" aus Detroit...
    Man behielt Opel wohl aus rein taktischen Gründen, denn man will die Marke noch so lange nutzen, bis eigene Produkte besser am europäischen/deutschen Markt plaziert sind...

    Für mich ist klar, ich hatte zwar noch nie einen Opel, aber ein GM Produkt werde ich jetzt erst Recht nicht kaufen...

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    • TDU
    • 01. Juni 2012 16:16 Uhr

    Und was sagen die AN in USA? GM war auch kurz vor der Pleite. Ich meine, es fehlt der deutschen Politk an Kompetenz in diesen Fragen. Wenn es keinen Guttenberg gegeben hätte, sondern Staatshilfen wäre Opel längst weg. Wenn ich mich recht erinnere.

    Wie wärs denn mal mit: Entweder Opel an den Weltmarkt und wir klagen, oder Opel an den Weltmarkt oder? Deutschland hat kein Druckmittel mehr, auch weil es die Großen Arznei- und Chemiefirmen rausgeworfen hat. Grüne in Hessen. Immer sind es andere schuld in diesem Land.

    Nur die Politk, die ausser Großkonzerenen das Land zu einem Paradies der Pizzalieferanten und Handlanger machen will (Dienstleistungsgesellschaft) ist nie schuld. England ist Finanzplatz, weil es das genaus so gemacht hat. Sonst wären dei bettelarm.

    Es ist das deutsche: Entweder die Firma oder keine. 100.000 Mitarbeiter in der Arbeitsverwaltung aber ineffeziente Umschulungen, Zwang statt Motivation mit dem populistischen Überbau "Ihr Armen, wir verstehen Euch ja".

    Finden Sie das gut? Das heisst nichts anders als: Ich tu nichts, dann brauchst du Armer auch nichts zu tun. Aber du Armer musst, weil der Gesetzgeber das so will. Und zwar zum Hungerlohn. Für diesen Mist kann GM gar nichts.

    • TDU
    • 01. Juni 2012 15:53 Uhr

    Natürlich geht das. Erst recht wenn Politik jetzt eine Kraft wie Kraft hat. Glaubt man ihre Aussagen zur Industriepolitik waren die Chancen nie so groß. Die alten Romantiker der SPD sidn alt geworden, die Schlafmützen der CDU wie im Fall Nokia gibts nicht mehr und grüne Ackerpolitik hat auch keine Chance. Und vielleicht wird sie den Verantwortlichen in Bochum Beine machen, ihre Arbeit zu tun.

    Die Politik hat kein Möglichkeit wirklich Arbeitsplätze zu schaffen, aber sie hat Möglichkeit, Bedingungen zu schaffen, dass Arbeitsplätze geschaffen werden können.

    2 Leserempfehlungen
  4. "...(wahrscheinlich mit EU-Hilfe errichtet)."

    davon 27 Prozent deutsches Steuergeld.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "so ist es "
  5. . . .wie Bochum ohne OPEL "aussehen" wird. Es wäre absolut leichtsinnig und dilletantisch sich dem zu verweigern. Gut gebrüllt Herr Sprenger. Die Tragödie ist, daß trotz aller Anstrengungen, vor allem Herrn Einenkels, die Banane geschält ist. Gut, grüne "Ackerpolitik" will wohl keiner, es muß der technologische Lifestyle sein. Also muß man auch die negativen Symptome des Lifestyle hinnehmen. Die Frage stellt sich trotzdem, was fängt man mit dem OPEL Gelände an? Eine zweite Jahrhunderthalle? Und muß man dahinter diese unselige Autobahnstück bauen, mit dem Argument, den wirtschaftlichen Schaden der Opel-Schließung aufzufangen ? Mal in die nächsten Jahre planen, aber nicht mit diesen Arbeitsplätzen. Das ist vorbei.

    • TDU
    • 01. Juni 2012 16:16 Uhr

    Und was sagen die AN in USA? GM war auch kurz vor der Pleite. Ich meine, es fehlt der deutschen Politk an Kompetenz in diesen Fragen. Wenn es keinen Guttenberg gegeben hätte, sondern Staatshilfen wäre Opel längst weg. Wenn ich mich recht erinnere.

    Wie wärs denn mal mit: Entweder Opel an den Weltmarkt und wir klagen, oder Opel an den Weltmarkt oder? Deutschland hat kein Druckmittel mehr, auch weil es die Großen Arznei- und Chemiefirmen rausgeworfen hat. Grüne in Hessen. Immer sind es andere schuld in diesem Land.

    Nur die Politk, die ausser Großkonzerenen das Land zu einem Paradies der Pizzalieferanten und Handlanger machen will (Dienstleistungsgesellschaft) ist nie schuld. England ist Finanzplatz, weil es das genaus so gemacht hat. Sonst wären dei bettelarm.

    Es ist das deutsche: Entweder die Firma oder keine. 100.000 Mitarbeiter in der Arbeitsverwaltung aber ineffeziente Umschulungen, Zwang statt Motivation mit dem populistischen Überbau "Ihr Armen, wir verstehen Euch ja".

    Finden Sie das gut? Das heisst nichts anders als: Ich tu nichts, dann brauchst du Armer auch nichts zu tun. Aber du Armer musst, weil der Gesetzgeber das so will. Und zwar zum Hungerlohn. Für diesen Mist kann GM gar nichts.

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    Ich habe nicht den Eindruck, das Sie mein Post wirklich gelesen haben, sonst würden Sie mir nicht solch einen Unsinn unterjubeln wollen, den ich so nie gesagt habe !

    1. Die Politik macht sicher sehr viel falsch in Deutschland zur Zeit das ist unbestritten, hat aber wenig mit dem Niedergang von Opel zu tun.

    2. Vielmehr benutzt GM Opel schon seit mindestens 10 Jahren als Spielball und würgt jedes Konzept, was nicht in Ihr amerikanisches GM Konzept passt strikt ab.
    Das fing mit krassem kaputtsparen der Modellqualität a la Lopez (neunziger)an und gipfelte in dem strikten Verbot von GM, Opel u.a. auch in die Wachstumsmätkte z.B. Asiens verkaufen zu dürfen.

    Da kann (deutsche)Politik nichts dran ändern, sondern das sind knallharte Konzernentscheidungen in Amerika Punkt.

    3. GM saugt Opel noch bis zum letzten Blustropfen leer Stichwort Entwicklungsabteilung in Rüsselsheim und wird wenns passt den ganzen Laden in Deutschland und schließlich in Europa dicht machen, Das ist die Strategie.

    4. Ob man die Öffnung von Märkten per Politik erzwingen kann, halte ich in einem demokratisch-kapitalistischem System für sehr fragwürdig. Außerdem ist es jetzt für Opel längst zu spät für die Öffnung des Marktes z.B. in China.

    5. Fazit laut gebrüllt Löwe, aber bei mir voll das Thema verfehlt. Und die "armen Arbeiter" werden am Ende die Zeche bezahlen, das haben Sie schon längst, nicht erst wenn das Werk in Bochum schließt und bald andere Werke in Europa folgen werden.

  6. Natürlich geht das. Bochum ist lediglich das erste Opelwerk, die anderen werden folgen.

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  • Schlagworte Autoindustrie | Bochum | Ferdinand Dudenhöffer | General Motors | IG Metall | Opel
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