Biolabel HessnaturAngriff auf die grüne Seele

Sie kämpften und sahen sich fast am Ziel: Die Mitarbeiter von Hessnatur wollten ihre Firma übernehmen. Jetzt wird das Modehaus verkauft – an einen Investor. von 

Filiale von Hessnatur in Butzbach

Filiale von Hessnatur in Butzbach  |  © Hess Natur/dpa

Als die Mitarbeiter von Hessnatur das 35. Jubiläum ihres Unternehmens feierten, stellte sich ein Teil der Belegschaft in Form des Firmenlogos auf und stand für eine Luftaufnahme mit grünen Schirmen Spalier. Das war vor zehn Monaten. Seit vergangenem Freitag stehen die 330 Mitarbeiter von Deutschlands größtem Ökomodehaus im Regen. Anfang Juni hat die Primondo Speciality Group (PSG) das Unternehmen im Namen des Eigentümers Karstadt-Quelle Mitarbeiter Trusts (KQMT) an den Schweizer Finanzinvestor Capvis verkauft. Und nicht, wie von vielen Mitarbeitern und Stammkunden erhofft, an die Genossenschaft hnGeno.

Deren Vorstand ist der Betriebsratsvorsitzende Walter Strasheim-Weitz. Seit 20 Jahren arbeitet Strasheim-Weitz bei Hessnatur in Butzbach. Er hat die Übernahme durch Neckermann und später durch Karstadt-Quelle begleitet, er war dabei, als Hessnatur zur Arcandor-Tochter Primondo Specialty Group und schließlich zur Insolvenzmasse des Konzerns wurde. Jetzt fürchtet der 49-Jährige mit den grauen Locken mehr denn je um die grüne Seele seines Arbeitsgebers. "Der Verkaufsprozess ist ein Drama", sagt Strasheim-Weitz – für die Mitarbeiter, das Management, die Kunden und natürlich für Strasheim-Weitz und seine hnGeno.

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Die Genossenschaft, so scheint es, wurde von den Schlüsselfiguren des Verkaufs, Detlev Haselmann (KQMT) und Matthias Siekmann (PSG) bewusst ausgebootet. Obwohl beide von der Kaufabsicht der hnGeno wussten, wurden die Vertreter der rund 2.000 Genossenschaftsmitglieder Ende Mai nicht darüber informiert, dass Capvis ein Angebot vorgelegt hatte. "Sonst hätten wir innerhalb von zwei Tagen ein Gegenangebot abgegeben", sagt Strasheim-Weitz. Besonders verärgert ist der Betriebsrat, weil es nur Tage vor dem Verkauf an Capvis ein Gespräch zwischen dem hnGeno-Finanzpartner DIH und Detlev Haselmann gegeben haben soll, bei dem konkrete Schritte für eine Übernahme besprochen wurden. "Plötzlich kommt ein Investor und Hessnatur ist in kürzester Zeit verkauft. Das stinkt doch", sagt Strasheim-Weitz.

Bereits im vergangenen Jahr war die hnGeno bei dem Versuch gescheitert, die Mehrheit an Hessnatur zu erwerben. Gegründet hatte sich die Genossenschaft, weil Hessnatur im Winter 2010 an den amerikanischen Investor Carlyle verkauft werden sollte , der auch in Rüstungskonzerne investiert. Damals ließ der gemeinsame Widerstand von Belegschaft, Kunden und den Globalisierungsgegnern von Attac den Verkauf platzen. Mit der Genossenschaft wollte man dem KQMT die Möglichkeit geben, gewinnbringend zu verkaufen, ohne die hohen ökologischen und sozialen Standards von Hessnatur zu gefährden. Nun scheint der Plan mit dem Verkauf an Capvis endgültig gescheitert.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Finanzinvestor ein deutsches Textilunternehmen kauft. Hessnatur aber ist das erste durch und durch nachhaltige Modeunternehmen, das in die Hände eines Private-Equity-Fonds gerät. Schweizer Kapital und deutsche Umweltbewegung, hohe Renditeerwartungen und soziale Fertigung: Kann das gut gehen?

Hessnatur wusste, was H&M erst noch lernen muss

Seit der Chemiker Heinz Hess den kleinen Versandhändler 1976 gegründet hat, weil nirgendwo Babykleidung aus synthetik- und giftfreien Stoffen zu bekommen war, hat sich Hessnatur die Marktführerschaft unter den Herstellern von Naturtextilien erarbeitet. Mit Biobaumwollprojekten, einer renommierten Entwicklungsabteilung und fairen Löhnen für alle Arbeiter in der Produktionskette erwirtschafte die Firma konstant gute Umsatzzahlen. 2011 war mit einem Umsatz von 73 Millionen Euro das erfolgreichste Geschäftsjahr in der Firmengeschichte.

Maria Exner
Maria Exner

Maria Exner ist Redakteurin im Ressort Lebensart bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Die rund eine Million Hessnatur-Kunden vertraut darauf, dass in den gestreiften Kindershirts und den Baumwollbasics weder Hungerlöhne noch giftige Farbstoffe versteckt sind. Zudem unternahm der Geschäftsführer Wolf Lüdge in den letzten Jahren viel, um Hessnatur vom Bioboom in der Mode profitieren zu lassen. Schließlich weiß Hessnatur schon, was Konkurrenten wie H&M und C&A über das Biomodemachen erst lernen müssen. Lüdge engagierte den Designer Miguel Adrover als Kreativdirektor mit internationalem Ruf, eröffnete Filialen in Hamburg und München , suchte den Kontakt zu jungen Modemachern mit einem Nachwuchsdesignpreis, den Hessnatur während der Berliner Modewoche vergibt.

Glaubt man Thomas Rentschler, dem Sprecher von Capvis, will der neue Eigentümer an all dem nicht rütteln. Hessnatur sei ein Juwel, dass man weiterentwickeln will. "Das man sich darauf verlassen kann, dass alles gut hergestellt wird, das ist der Kern der Marke. Es wäre töricht, daran etwas zu verändern" sagt Rentschler. Stattdessen sollen mehr Filialen eröffnet und Handelspartner gefunden werden, "um die Produkte von Hessnatur einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen". Bis dieses Ziel erreicht sei, werde Capvis an Hessnatur festhalten – mindestens fünf Jahre lang.

Leserkommentare
  1. .
    ... abgewendeten Verkauf der Basic-Lebensmittelkette an die Schwarz-Gruppe (Lidl) könnten hier Vorbild werden.

    Die Lieferanten der Basic-Märkte haben in grossem Stil bereits bei bekanntwerden der Schweisfurthschen Verkaufsabsichten Lieferverträge storniert und laufende Verträge ausgesetzt, weil eine Geschäftsbeziehung zu den Lidl-Eigentümern für viele Bio-Lieferanten die Glaubwürdigkeit nachhaltig und vollständig zerstört hätte.

    Der Verkauf ist dadurch recht schnell abgewendet worden.

    Ebenso könnten die Lieferanten der Hess-Natur nun aus Glaubwürdigkeitsgründen und wegen des Image-Schadens Verträge aussetzen und stornieren bzw. schlicht vorrübergehend die Lieferungen einstellen, bis ein mitarbeiterkonformes Lösungskonzept für Hess-Natur gefunden ist.

    Die "Street Credibility" einer jeden erfolgreichen Bio-Verkaufe ist der wesentliche Faktor auch und gerade bei der Bindung von Lieferanten und Kunden, die in dieser speziellen Marktsparte eben durchaus wissen wollen, was in einer Firma vorgeht.

    Diesen Faktor bei Bewertung und Verkauf wegen der Fehlberatung durch einen ausgewiesenen Arcandor-Bonusritter ausser Acht zu lassen wird sich für die neuen Eigentümer in jedem Fall rächen.

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    Basic hat schwerpunktmäßig Marken-Lieferanten, was auf Hess nicht zutrifft. Deshalb ist hier mit einem Boykott nicht zu rechnen. Auch ist der Übernahme-Versuch durch ein Unternehmen wie Lidl und seinem eindeutig negativen Image nicht mit dem Investor Capvis vergleichbar.

  2. Konzept von Hess Natur nichts ändern - die Mitarbeiter und der Betriebsrat sollten sich aber genau vergewissern, daß Capvis nicht möglicherweise Kredite auf den guten Namen von Hess Natur aufnimmt, mit diesen den Kaufpreis bezahlt und mit den Gewinnen dann abzieht, ein von Heuschrecken geplündertes Unternehmen hinterlassend.
    Beispiele dafür gibt es in Deutschland genug - und ob ein Finanzinvestor wirklich langfristig denkt, kann man anhand dieser Beispiele bezweifeln; u.U. steht hier die kurzfristige Plünderung des Unternehmens im Vordergrund.

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  3. heißt Non Cooperation und zeigt selbst us-amerikanischen Kapital-Investoren, worauf sie nicht verzichten können: auf das Vertrauen der Berbraucher der Produkte ihrer Firmen.

    Der Wert einer Firma, deren Umsätze kurzfristig stark einbrechen und die offensichtlich nur durch ein Desinvestment wieder am Sekundärmarkt veräußert werden kann, könnte eine Lehre sein...

    ...und den Heuschrecken zeigen, wo der Bio-Hammer hängt.

  4. heißt NON COOPERATION und zeigt selbst us-amerikanischen Kapital-Investoren, worauf sie nicht verzichten können: auf das Vertrauen der Verbraucher der Produkte ihrer Firmen.

    Der Wert einer Firma, deren Umsätze kurzfristig stark einbrechen und die offensichtlich nur durch ein Desinvestment wieder am Sekundärmarkt veräußert werden kann, könnte eine Lehre sein...

    ...und den Heuschrecken zeigen, wo der Bio-Hammer hängt.

    • Altlas
    • 07. Juni 2012 19:27 Uhr

    hoffe für die Angestellten, von denen ich ein paar kenne, dass keine negative Entwicklung stattfinden wird.
    Ich denke aber, wenn die Belegschaft und Zulieferer dieser Übernahme, diese nicht verhindern können wird es zwangsläufig schädigend werden.

    Man muss sich nur mal durch den Kopf gehen lassen, dass die Vertreter der Genossenschaftsmitglieder mit einem schmutzigem Trick, indem sie einfach nicht bzw. zu spät über das Angebot des Investors informiert wurden, ausgebootet wurden.

    Bei solchen Vorgehensweisen würde ich dem Wort des Investors, keine großen Erwartungen entgegenstellen.
    Denn in erster Linie zählt nur die Gewinnmaximierung, alles andere wäre für einen heutigen Investor untypisch.

  5. Basic hat schwerpunktmäßig Marken-Lieferanten, was auf Hess nicht zutrifft. Deshalb ist hier mit einem Boykott nicht zu rechnen. Auch ist der Übernahme-Versuch durch ein Unternehmen wie Lidl und seinem eindeutig negativen Image nicht mit dem Investor Capvis vergleichbar.

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    .
    ... hat sich lt. Artikel von einem Mitglied der Arcandor-Aufseherei beraten lassen, das wohl massgeblich mit der wohlorganisierten Middelhoff-Bande den Niedergang von Karstadt zum eigenen Nutzen ausgeschlachtet haben mag.
    (Da die strafrechtliche Beurteilung der Tatbestände rund um das vorsätzliche Verblutenlassen von Karstadt nach wie vor durch ein pervertiertes Eigentums- und Vertragsrecht behindert wird, müssen die Teilnehmer der Aufseherei leider zunächst allesamt mit diesem Generalverdacht belegt werden)

    Das lässt für Hess-Natur nicht wirklich echte Hoffnung aufkommen, ganz egal wie sich der "Investor" auch immer schreibt.

    Für Glaubwürdigkeit, Fair-Trade und natürlich die Belegschaft ist der ursprünglich geplante Genossenschafts-Buy-Out mit Sicherheit die zuverlässigere Variante.

    Alles andere ist verantwortungslose G'schäftlmacherei und daher für ein Bio-Unternehmen grundsätzlich nicht wünschenswert.

  6. .
    ... hat sich lt. Artikel von einem Mitglied der Arcandor-Aufseherei beraten lassen, das wohl massgeblich mit der wohlorganisierten Middelhoff-Bande den Niedergang von Karstadt zum eigenen Nutzen ausgeschlachtet haben mag.
    (Da die strafrechtliche Beurteilung der Tatbestände rund um das vorsätzliche Verblutenlassen von Karstadt nach wie vor durch ein pervertiertes Eigentums- und Vertragsrecht behindert wird, müssen die Teilnehmer der Aufseherei leider zunächst allesamt mit diesem Generalverdacht belegt werden)

    Das lässt für Hess-Natur nicht wirklich echte Hoffnung aufkommen, ganz egal wie sich der "Investor" auch immer schreibt.

    Für Glaubwürdigkeit, Fair-Trade und natürlich die Belegschaft ist der ursprünglich geplante Genossenschafts-Buy-Out mit Sicherheit die zuverlässigere Variante.

    Alles andere ist verantwortungslose G'schäftlmacherei und daher für ein Bio-Unternehmen grundsätzlich nicht wünschenswert.

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