Karstadt-Entlassungen : Der edle Herr Berggruen hält sich vornehm zurück

Die Stellenstreichungen machen deutlich: Nicolas Berggruen hat Karstadt noch längst nicht gerettet. Zu viel wurde in der Vergangenheit versäumt.

Für die schlechten Nachrichten ist der Mann mit der Glatze und den schmalen Lippen zuständig. Am Montag trat Karstadt-Chef Andrew Jennings in der Zentrale vor seine Mitarbeiter und verkündete, dass das Karstadt bis Ende 2014 insgesamt 2.000 Stellen streichen wird. Von den 2009 noch knapp 60.000 Angestellten werden dann nur noch 22.000 übrig geblieben sein. Jennings Chef, der smarte und elegante Nicolas Berggruen , der vor gut zwei Jahren das marode Unternehmen für einen Euro kaufte und seitdem als Retter des deutschen Traditionshauses hofiert wurde, war nirgends zu sehen. Kündigungen, harte Einsparungen – das sind offenbar nicht die Dinge, für die er sein Gesicht in eine Kamera hält.

Die Entlassungen sind ein Beleg dafür, dass Karstadt noch lange nicht gerettet ist, auch wenn die Öffentlichkeit das in den vergangenen Monaten und Jahren gerne glaubte. Experten gehen davon aus, dass Karstadt noch weiter schrumpfen muss, um wieder konkurrenzfähig zu werden. Vor allem aber entzaubern die angekündigten Einschnitte den schillernden Karstadt-Eigentümer Berggruen. Die Gewerkschaft ver.di sprach von einem "völlig falschen Signal" für Karstadts Zukunft. Gerade sie hat sich von Berggruen wohl blenden lassen.

Der Investor ist der Sohn eines berühmten Berliner Kunstsammlers, lebt in den Luxushotels dieser Welt und gönnt sich mit seinem Nicolas Berggruen Institute eine Denkfabrik zur Weltverbesserung. Mit seinem Geld will er nicht nur Profit erwirtschaften, sondern auch soziale Probleme lösen, wie er immer wieder sagt. Ein Finanzinvestor, Menschenfreund und Weltverbesserer: Berggruens erstaunliches Image hat ihm auch geholfen, die Gewerkschaft auf seine Seite zu ziehen. Die Angestellten verzichteten für zwei Jahre auf einen Teil ihres Gehalts, um die Sanierung von Karstadt zu erleichtern. Ein Branchenkenner sagt dazu heute: "Ich war schon immer erstaunt, dass ver.di anscheinend glaubt, er würde das aus Gutmenschentum machen."

Ab September nun ist Schluss mit den gekürzten Gehältern, und weil die Rückkehr zum Tarif-Gehalt Mehrkosten in Höhe von über 50 Millionen Euro verursacht, ist es wohl kein Zufall, dass der Konzern gerade jetzt mit den Stellenstreichungen beginnt. Wenn die Angestellten mehr Geld kosten, ist es das Einfachste, einige von ihnen zu entlassen. Aus dem Mund des Karstadt-Sprechers freilich klingt das ganz anders: "Das ist das Ergebnis vieler einzelner Effizienz-Maßnahmen", heißt es, wodurch nun eben weniger Personal nötig sei.

Karstadt begründet den Jobabbau auch mit den "herausfordernden Marktbedingungen der Euro-Krise", doch das ist eher eine Ausrede. Denn tatsächlich ist die Konsumnachfrage in Deutschland stabil, die Krise hat die deutschen Innenstädte nicht erreicht. Dass Karstadt in der Tat ein schlechtes Weihnachtsgeschäft und ein bisher ebenso maues Sommergeschäft vorzuweisen hat, hat andere, hausgemachte Gründe.

"Die großen Warenhäuser sind eingeklemmt zwischen den Spezialanbietern einerseits und den Discountern andererseits", sagt Jörg Funder, Direktor des Instituts für Internationales Handels- und Distributionsmanagement (IIHD) an der Hochschule Worms. Aus seiner Sicht ist in Deutschland höchstens Platz für 60 bis 70 Häuser à la Karstadt oder Kaufhof . Momentan kommen die beiden großen Ketten zusammen noch auf rund 200 Filialen.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

24 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Was hat man denn erwartet? Dass der "edle" Herr Berggruen sein privates Vermögen da reinstopft, damit alle ihre Jobs behalten?

Das sind normale Maßnahmen, die da getroffen werden. Wie das in jedem anderen Unternehmen auch gehandhabt wird, wenn es nun mal nötig ist!

Abgesehen davon, und es tut mir ein bißchen Leid das sagen zu müssen: Der Karstadt auf der Zeil in Frankfurt am Main hat die unfreundlichsten Verkäuferinnen, die ich je erlebt habe und wenn tatsächlich diese vor die Tür gesetzt werden, dann kann das nur im Sinne der Kunden sein.

Die Resultate sehe ich live in der City

Unser Karstadt hat gerade die Kassen im 3. OG (Technik, DVDs etc.) abgebaut. Ich habe mich seit 15 Jahren gefragt, warum auf jedem Geschoss teils mehrere Kassen mit "Besatzung" in Betrieb sind, wenn die Zahl der Kunden während 85% der Zeit geringer ist als die Zahl der Leute hinter dem Tresen.

Middelhoff war anscheinend mehr damit beschäftigt, sich Pläne für den Mitteltransfer in seine Privatschatulle auszudenken, als sich um lästige operative Details zu kümmern.

Dass das jetzt nachgeholt wird, kann man wohl kaum Herrn Berggruen anlasten.

Emotion statt Information

Jeder mit noch halbwegs wachem Verstand wusste, dass der Kauf durch Berggruen nicht schon die Rettung von Karstadt war, sondern der Beginn eines Sanierungsversuches eines neuen Investors mit offenem Ausgang.

Wer jetzt, so wie der Autor dieses Artikels, auf Berggruen so herumreitet als hätte der anderes versprochen, auf dessen Reichtum anspielt, indirekt fordert dieser müsse seine Sozialprojekte auf die Dauersubventionierung einer unrentablen Kaufhauskette ausdehnen, schürt nur Emotionen, statt zu informieren.

Medienschelte

Der Edelmut von Herrn Berggruen ist ja wohl eher eine Erfindung der Medien als das Resultat einer Selbstinszenierung. Berggruen selbst hat immer gesagt, dass er mit seinen Unternehmen Geld verdienen und profitabel arbeiten will. Woher sollte auch sonst das Geld für soziale Projekte kommen? Dass er der Darstellung des Edlen durch die Presse nicht widersprochen hat, kann man ihm nicht vorwerfen, und dass er diesen Eindruck irgendwie für sich nutzen wollte, auch nicht.