Ein Karton wird in der Packerei in der Zentrale von neckermann.de in Frankfurt am Main auf einem Band zum bereitstehenden LKW befördert. © dpa

Die Mitarbeiter von Neckermann sind im Streik. Immer wieder gehen sie in Frankfurt vor der Zentrale des Versandhändlers auf die Straße. 250 waren es am Montag laut Gewerkschaft ver.di. Am Dienstag soll der Ausstand weitergehen. Die Hoffnung, ihre Jobs noch retten zu können, haben die meisten aufgegeben, sie demonstrieren für einen Sozialplan, Abfindungen, eine Qualifizierungsgesellschaft.

Rund 1.380, die Gewerkschaft sagt, bis zu 1.500 der 2.400 Neckermann-Beschäftigten droht die Arbeitslosigkeit. Viele sind gering qualifiziert, sprechen schlecht deutsch. Unter den Beschäftigten seien viele Frauen über 50, sagt der Betriebsrat, und etliche, die nach Jahren schwerer Arbeit in Lager und Logistik nicht mehr fit seien. Weil viele schon lange bei Neckermann sind, könnten Abfindungen teuer werden. 

Eine Transfergesellschaft könnte den Sturz mindern und dabei helfen, die Mitarbeiter für andere Arbeitsplätze zu qualifizieren. Doch der US-Investor Sun Capital Partners, der Neckermann aus der Karstadt-Konkursmasse übernommen hat, will für solchen europäischen Sozialschnickschnack nicht zahlen. "Kapitalismus pur", sagt DGB-Bezirkschef Harald Fiedler, die Leute würden einfach "vom Hof gejagt".

Sun will Neckermann zum reinen Onlinehändler umbauen, das Textilsortiment einsparen, das Zentrallager und die Logistiksparte schließen. Der Betriebsrat schlägt dagegen unter anderem vor, Neckermann könnte als Logistik-Dienstleister für Drittanbieter zusätzliche Einnahmen generieren. Sun Capital gehört zum Beispiel auch die Warenhauskette Strauss Innovation.

Die ersten Entlassungen sollen bereits im Juli erfolgen, die letzten Mitarbeiter sollen Anfang 2013 gehen. Ein bisschen etwas wird auch dann noch übrig bleiben von Neckermann, ein bisschen etwas ist bisher immer übrig geblieben. Denn der Niedergang hat eine lange Geschichte. Er beginnt in den siebziger Jahren mit dem Aufstieg der Einkaufszentren auf der grünen Wiese vor der Stadt, der dem Geschäftsmodell Versandhandel schadet.

Neckermann ist ein Symbol des wirtschaftlichen Wiederaufstiegs Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Werbeslogan "Neckermann macht‘s möglich" ist das "Yes we can" der Adenauer- und der Erhard-Republik. Neckermann schickt mit seinen NUR-Pauschalreisen deutsche Touristen an die Costa del Sol und nach Benidorm, verkauft mit der Tochter Neckermann Eigenheim dem Kleinsparer ein Fertighäuschen und mit der Neckura gleich die Versicherungen dazu.