VersandhandelAusverkauf bei Neckermann

Keine Abfindung, kein Sozialplan: Der Finanzinvestor Sun Capital will Neckermann zerschlagen. Alternativvorschläge des Betriebsrats werden ignoriert. von 

Neckermann

Ein Karton wird in der Packerei in der Zentrale von neckermann.de in Frankfurt am Main auf einem Band zum bereitstehenden LKW befördert.  |  © dpa

Die Mitarbeiter von Neckermann sind im Streik. Immer wieder gehen sie in Frankfurt vor der Zentrale des Versandhändlers auf die Straße. 250 waren es am Montag laut Gewerkschaft ver.di. Am Dienstag soll der Ausstand weitergehen. Die Hoffnung, ihre Jobs noch retten zu können, haben die meisten aufgegeben, sie demonstrieren für einen Sozialplan, Abfindungen, eine Qualifizierungsgesellschaft.

Rund 1.380, die Gewerkschaft sagt, bis zu 1.500 der 2.400 Neckermann-Beschäftigten droht die Arbeitslosigkeit. Viele sind gering qualifiziert, sprechen schlecht deutsch. Unter den Beschäftigten seien viele Frauen über 50, sagt der Betriebsrat, und etliche, die nach Jahren schwerer Arbeit in Lager und Logistik nicht mehr fit seien. Weil viele schon lange bei Neckermann sind, könnten Abfindungen teuer werden. 

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Der Neckmann-Slogan

1961 braucht Neckermann einen neuen Werbespruch. Gegen den alten, "Besser dran mit Neckermann", hat die Konkurrenz erfolgreich geklagt: Vergleichende Werbung ist verboten. Als die Kreativen wieder einmal über Formulierungen brüten, bekommen sie Hunger.

Schlechtgelaunt fragt einer, ob es denn bei Neckermann nicht möglich sei, etwas zu essen zu bekommen. Ein junger Mitarbeiter eilt hinaus und serviert kurz darauf ein Tablett mit heißen Würstchen mit den Worten: "Hier! Neckermann macht‘s möglich!"

Eine Transfergesellschaft könnte den Sturz mindern und dabei helfen, die Mitarbeiter für andere Arbeitsplätze zu qualifizieren. Doch der US-Investor Sun Capital Partners, der Neckermann aus der Karstadt-Konkursmasse übernommen hat, will für solchen europäischen Sozialschnickschnack nicht zahlen. "Kapitalismus pur", sagt DGB-Bezirkschef Harald Fiedler, die Leute würden einfach "vom Hof gejagt".

Sun will Neckermann zum reinen Onlinehändler umbauen, das Textilsortiment einsparen, das Zentrallager und die Logistiksparte schließen. Der Betriebsrat schlägt dagegen unter anderem vor, Neckermann könnte als Logistik-Dienstleister für Drittanbieter zusätzliche Einnahmen generieren. Sun Capital gehört zum Beispiel auch die Warenhauskette Strauss Innovation.

Die ersten Entlassungen sollen bereits im Juli erfolgen, die letzten Mitarbeiter sollen Anfang 2013 gehen. Ein bisschen etwas wird auch dann noch übrig bleiben von Neckermann, ein bisschen etwas ist bisher immer übrig geblieben. Denn der Niedergang hat eine lange Geschichte. Er beginnt in den siebziger Jahren mit dem Aufstieg der Einkaufszentren auf der grünen Wiese vor der Stadt, der dem Geschäftsmodell Versandhandel schadet.

Neckermann ist ein Symbol des wirtschaftlichen Wiederaufstiegs Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Werbeslogan "Neckermann macht‘s möglich" ist das "Yes we can" der Adenauer- und der Erhard-Republik. Neckermann schickt mit seinen NUR-Pauschalreisen deutsche Touristen an die Costa del Sol und nach Benidorm, verkauft mit der Tochter Neckermann Eigenheim dem Kleinsparer ein Fertighäuschen und mit der Neckura gleich die Versicherungen dazu. 

Leserkommentare
  1. Alleszerstörern über "neckermann.de" über Bestellungen und Kauf noch unterstützen? - Ich kann's nicht mehr glauben. -

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    • zappp
    • 03. Juli 2012 16:13 Uhr

    Soll man als Verbraucher mit sozialer Verantworung bei Karstadt, Quelle, Neckarmann, Schlecker, Kik, Opel und den ganzen anderen fiesen Kapitalisten und Lohndrückern kaufen oder die Anbieter boykottieren, und damit erst recht die Arbeitsplätze vernichten?
    Ohnehin, wer selbst im Niedriglohnsektor arbeitet kann sich kaum "fair" hergestellte und gehandelte Waren leisten.

    Der Versandhandel boomt, allerdings auf dem Rücken einer Logistikbranche, die Billiglöhne, Scheinselbständigkeit und vielfach systematische Verletzung von Arbeitsschutz- und Arbeitszeitvorschriften zum Geschäftsprinzip gemacht hat. Nachvollziehbar, dass eine hauseigene Logistk mit ordentlichem Tarifvertrag dagegen kein Chancen hat.

    Vor allem, bis zu diesem Artikel war mir gar nicht klar, dass Neckermann überhaupt noch existiert.

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte äußern Sie sich sachlich. Danke, die Redaktion/lv

    Eine Leserempfehlung
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  3. 2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
  4. Es greift zu kurz, jetzt dem Investor die Schuld zu geben. Der Rückblick zeigt ja: Der Niedergang Neckermanns war fließend.

    Der Versandhandel hatte einfach komplett das Internet verpennt. Wie ist anders zu erklären, dass ein Newcomer wie Amazon mal eben zum Marktführer werden konnte? Mit schweren Papierkatalogen und einem begrenzten Sortiment hat man eben keine Chance, wenn ich bei Amazon per Mausklick alles bekomme.

    Neckermann hat Geschichte geschrieben, aber eine Zukunft hat es nicht.

    6 Leserempfehlungen
  5. Neckermann hätte es in der Hand gehabt, Millionen verwaister Quelle-Kunden dauerhaft an sich zu binden. Leider wurden dieselben Management-Fehler wie bei dem untergegangenen ehemaligen Schwesterunternehmen gemacht, es wurde Kundenferne hergestellt statt Kundennähe praktiziert, ein Lernprozess fand nicht statt. Man hat sich von der Geschäftsführung bis zu den Financiers in falsche Hände begeben und die Grundregeln funktionierenden Homeshoppings missachtet, "neue Besen kehren gut" - aber immer wieder auch Traditionsunternehmen in die Ecke.

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  6. einen *WRL*aubtierkapitalismus" – Victory-Joe Ackermann

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  7. die doch mit für die jetzige Siutation auf dem dt. Arbeitsmarkt mit verantwortlich ist. Denn dank ihrer Unterstützung der Agenda 2010 und des Zeitarbeitsgesetzes war direkt und indirekt die Entwicklung erst möglich.

    Denn wenn Leute gerade noch soviel verdienen, das sie gerade über die Runden kommen, kann halt auch nichts mehr konsumiert werden, das trifft die kleinen Geschäfte früher und die Großen halt später.
    Ich wundere mich warum über sich über solches Verhalten eigentlich in der dt. Presse aufgeregt wird, das ist in D seit Jahrzehnten für Akademiker Gang und Gäbe, Firma wird zu gemacht seht zu wie ihr klar kommt, ihr seid doch gebildet.
    Da gibt es keine Gewerkschaften und keine Transfergesellschaften.

    Das Sun Capital das Spiel nicht mitspielen wird, war doch auch von vornherein klar, die kommen aus eine anderen Unternehmenskultur.
    Aber auch das wusste man beim Verkauf vorher.

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  8. Der Sozialstaat existiert seit Agenda-2010 nicht mehr.
    Dankt SPD&Grüne, arme Neckermänner!

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  • Schlagworte Josef Neckermann | Karstadt | Neckermann | Arcandor | Abfindung | Amazon
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