Schäppchenportal"Groupon hat alle Qualitätsmaßstäbe über Bord geworfen"

Die Zweifel am Geschäftsmodell von Groupon wachsen. Für beteiligte Unternehmen und Gewerbetreibende wird die Schnäppchenjagd immer öfter zum Albtraum. von Melanie Bergermann und Nele Hansen

Die Zentrale von Groupon in Chicago

Die Zentrale von Groupon in Chicago  |  © Scott Olson/Getty Images

Wenn Sascha Branse die Probleme schildert, die ihm eine Gutschein-Aktion mit dem Internet-Rabattportal Groupon eingebrockt hat, sinkt seine Stimmung. An die 34.000 Kunden kauften bei Groupon einen Gutschein für 9,99 Euro, um damit in seinem Online-Shop Wandwerke.de Schmuck für blankes Gemäuer im Wert von 40 Euro zu erstehen.

Die fünfstellige Zahl an Kunden auf einen Schlag bringt den Kleinunternehmer aus Gronau an der niederländischen Grenze mit seinen 14 Mitarbeitern an den Rand des Ruins. Zum einen ist Branse mit seinen Lieferungen Monate im Rückstand, weswegen sich die Kunden bitter auf Facebook über ihn beschweren. Zum anderen landen von den 9,99 Euro, die sie für den 40-Euro-Wertgutschein zum Einkauf bei ihm gezahlt haben, gerade einmal fünf Euro in seiner Firmenkasse.

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So enttäuscht wie Sascha Branse sind viele Kleinunternehmer, die sich von Gutscheinen via Groupon einen Schub für ihr Geschäft versprochen haben. Stattdessen brechen sie unter der Last der ungeheuren Zahl der eingelösten Gutscheine zusammen. Ihre Läden sind zu klein, um dem Kundenansturm standzuhalten. Trifft es Online-Versandhändler, verspäten die sich hoffnungslos mit ihrer Lieferung. Im Gegenzug schäumen die Käufer der Gutscheine, weil sie wochenlang auf einen Tisch im Restaurant warten oder ohne den erhofften Champagner zur Hochzeit oder zum Geburtstag dastehen. Enttäuschte Kunden machen in sozialen Netzwerken oder Verbraucherportalen ihrer Wut Luft.

Groupon bekommt Probleme nicht in den Griff

Wer auch immer die Schuld trägt, geht das Chaos so weiter, läuft alles auf einen großen Verlierer hinaus: auf Groupon. Der Stifter all der vertrackten Dreierbeziehungen scheint die Probleme nicht in den Griff zu bekommen. Die wachsende Zahl neuer Vorwürfe wecken Zweifel an der Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells.

Dabei ist die Idee so genial wie einfach: Das amerikanische Internet-Portal, das im November vergangenen Jahres an die Börse ging, bietet Unternehmen an, Gutscheine für ihre Produkte oder Dienstleistungen online zu verkaufen: für eine Massage, eine Autowäsche, eine Reinigung, einen Flammkuchen oder ein Wandtattoo mit der Skyline von Magdeburg. Dazu schließen die Unternehmen mit Groupon einen Vertrag. Interessiert sich eine bestimmte Zahl Konsumenten für einen Gutschein, kommt ein sogenannter Deal zu Stande. Das heißt, Groupon stellt die Gutscheine aus, zieht das Geld dafür bei den Käufern ein und sendet ihnen den Gutschein zu, den sie dann beim Unternehmen einlösen können. Das Unternehmen erhält in der Regel die Hälfte des Gutscheinwerts. Die andere Hälfte behält Groupon als Provision.

Was auf den ersten Blick wie ein wohl überlegtes Kalkül dreier Parteien aussieht, nämlich des Unternehmens, der Kunden und von Groupon, endet aber in der Praxis offenbar immer wieder im Fiasko. Unmittelbar rechnet sich die Aktion für die Unternehmen fast nie. Denn der Gutschein-Rabatt ist oft so hoch, dass er im besten Fall die Kosten des Unternehmers deckt. Viele Firmen machen deshalb mit, weil sie darauf hoffen, dass zufriedene Kunden auch ohne Gutschein wiederkommen.

Doch das Kalkül geht längst nicht immer auf. Allein die Hoffnung der Unternehmen, sich mithilfe der Gutschein-Aktion einen guten Ruf zuzulegen, trügt. Denn Kunden, die mit einem Gutschein eine Ware oder eine Dienstleistung kaufen, verteilen offenbar schlechtere Noten als andere Kunden. Forscher der US-Universitäten Boston und Harvard haben 16.000 Gutschein-Aktionen und gleichzeitig die 56.000 Bewertungen eines Verbraucher-Portals ausgewertet. Dabei kam heraus, dass nach einer Gutschein-Aktion die Zahl der Bewertungen für ein Unternehmen zwar drastisch ansteigt, sie aber um 10 bis 20 Prozent negativer ausfallen als zuvor. Ebenso trügerisch ist der Glaube, Gutschein-Kunden kommen später wieder und zahlen dann voll. Überrennen reine Schnäppchenjäger ein Unternehmen, bleibt dieses auf den Kosten der Rabattaktion sitzen.

Leserkommentare
  1. Nun ja, das geschilderte Beispiel regt nicht gerade zum Mitleid mit dem betroffenen Unternehmer an - und ich sehe nicht, was Groupon dabei falsch gemacht hat. Jeder, der Groupon ein bisschen genauer betrachtet und nutzt, der sieht, dass es regelmäßig Aktionen mit begrenzten Gutscheinzahlen gibt. Das bedeutet zum einen, dass ganz offensichtlich genügend Unternehmen in der Lage sind, diese Deckelung zu berücksichtigen, auf der anderen Seite kann jeder, der bei Groupon Gutscheine anbietet, sehen, dass es die Möglichkeit gibt. Davon abgesehen kann man sich wohl auch denken, dass ein besonders günstiger Rabatt zu einem hohen Kundenansturm führt. Und wenn dann auch noch eine Zeile im Vertrag zum einem solchen Eintrag vorgesehen ist - also, ein bisschen kann ein Geschäftsmann doch eigentlich schon auf sich aufpassen!

    Aber ein ganz anderer Punkt - Groupon setzt seine Mitarbeiter massiv unter Druck, neue Angebote zu generieren und behandelt laut Presseberichten seine Mitarbeiter auch sonst alles andere als fair. Vielleicht hätte der Artikel lieber darauf eingehen sollen.

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    wenn der Malermeister ihre Hausfassade mit Innenfarbe streicht, weil sie die Farbe ausgewählt haben. Man sollte meinen, seriöse Unternehmen lassen ihre Kunden nicht so ins offene Messer laufen. Wir reden hier von 34.000 Gutscheinen à 10 Euro, wobei (soweit ich das verstanden habe) von diesen Betrag noch 5 Euro an Groupon gehen.

    • P_S
    • 02. August 2012 12:59 Uhr

    ... Groupon setzt seine Mitarbeiter massiv unter Druck, neue Angebote zu generieren ...
    wenn das gehalt (und vermutl. wird es das wohl) mehr oder weniger vom umsatz und damit von der anzahl des durch die eingestellten angebote abhängt, ist es verständlich, dass ein mitarbeiter die optionen das angeobt zu begrenzen außer acht läßt und nicht erwähnt. es wird die gleiche psycholgie wie bei banken und versicherungen laufen, am ende heißt es sie haben offensichtlic, obwohl gegengezeichnet hdas kleingedruckte nicht gelesen....
    unverständnis habe ich für die käufer der gutscheine,
    - die nicht kapieren, dass es mehr käufer gibt und dass es somit bzgl. des termins oderder leistung zu engpässen kommen kann, wären diese gelassener, würde m.E. auch weniger druck auf die unternehmen aufgebaut.
    - die die sich nur gutschein kaufen um mal chick in der stadt xy die mind 2 autostunden entfernt ist essen zu können, oder den handwerker die fahrt noch aufs auge pressen wollen..

    • R.C.
    • 02. August 2012 12:08 Uhr

    Groupon hatte einen Zeitgeist bedient, der qualitative hochwertige Produkte oder Services für einen hoch rabattierten Betrag beziehen ließ. Die Klientel war schnell auszumachen - Schnäppchenjäger a la 1€ Laden waren es nicht. Diese Impulskäufer einer beträchtlichen, dennoch übersichtlichen Kundschaft werden zunehmend durch minderwertige Deals verprellt und lassen tatsächlich den Eindruck aufkommen, dass hier ein Massengeschäft mit Billigheimern aufgezogen wird. In der Konsequenz werde ich als bisheriger Grouponianer genauer als bislang auf die Angebote schauen und das eine oder andere lieber sein lassen. Die Exklusivität ist dem Ramschniveau gewichen und damit ist der Zenit der Idee für die bisherige Käuferschicht überschritten.

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    • Mieheg
    • 02. August 2012 13:07 Uhr

    Sehe ich genauso. Die Zahl der qualitativ hochwertigen Deals nimmt stark ab. Mittlerweile gibt es auch immer mehr Gutscheine für Waren bei denen der Preis schwer zu überprüfen ist. Seien es nun Reisen oder komische 5-Gänge-Menüs die auf der Karte des Restaurants gar nicht zu finden sind. Hier werden dann teilweise auch einfach Rabatte angegeben die nicht mal annährend stimmen.
    Persönlich wurde ich von Groupon in letzter Zeit auch öfters enttäuscht. Ein Großteil wird wohl an der Vertriebsstruktur liegen. Dass das in immer mehr Branchen ein Problem ist und es trotzdem in fast jedem Unternehmen zu einem Ausbau dieser Provisions-Vertriebsstruktur kommt ist mir schleiherhaft.

    • Slater
    • 02. August 2012 12:10 Uhr

    mal abgesehen von den nun wirklich bekannten Fakten
    - Rabattjäger != neue Stammkunden
    - irrwitzige 50% Reingewinn an Groupon abtreten für nichts
    die das Modell schon so grundsätzlich in Frage stellen,

    wie kann man den Gutschein an so viele Leute verteilen dass der Laden zusammenbricht?
    ist denn der Taschenrechner/ das Lesen der AGBs so schwer?

    wenn ein Jugendlicher eine Facebook-Party öffentlich macht
    und nicht abschätzen kann dass hunderte bis tausende kommen
    ist das eine Sache,
    wenn aber ein Geschäftsführer nicht diese simple essentielle Geschäftsgrundlage bedenkt, was soll man davon halten?

    die Krönung ist noch, diese 34.000 Gutscheine dann auch tatsächlich noch abzuarbeiten, bestimmt ist der Groupon-Anteil ganz zu anfang direkt aus der Firmenmasse bezahlt,
    die sind erstmal fein raus, der Rest an Kunden und Mitarbeitern darf zuschauen, was beim Ausbluten noch übrigbleibt,

    alles im kleinen ziemlich analog zu den großen Banken + Eurorettung,
    die Großen erhalten mehr Millarden als auf ihre Konten passen,
    den kleinen Steuerzahlern streicht man die Rente und überläßt die Schuldenberge

    schöner Salat

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    Ich hab's nie verstanden, wie sich Unternehmen an solchen Rabattaktionen beteiligen können.

    Groupon&Co. bringen mitnichten Massen neuer Stammkunden, sondern extrem schwierige, äußerst anspruchsvolle Einmalkunden, die schnäppchenjagenden - bzw. "wulffenden" - Smartshopper. Wirtschaftlich ist das ganze auf gar keinen Fall.

  2. Mal ne Frage nach der Sinnhaftigkeit für Kleinunternehmer:

    Der Herr aus Gronau verkauft Bilder mit Wert 40€ für Gutscheine, die nur 9,99 kosten, von denen der Unternehmer dann sogar nur die Hälfte bekommt?

    Entweder hat der Mann bei normalen Verkäufen eine wahnwitzige Gewinnspanne oder er verramscht gerade seine Ware völlig unter Wert.

    Wo da jetzt der Nutzen liegen soll, erschliesst sich mir beim besten Willen nicht.

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    aber die Masse bringts.
    Das ist so BWL für Kleinunternehmen mit Insolvenzwunsch.

  3. dass keiner, der sowas tut, darüber nachdenkt was er tut und dann wenns schief geht halt irgendwem die Schuld gibt.
    In Zeiten der Litfasssäule hätte man es dem Plakatmaler vorgworfen, dass die Nachfrage so unterwartet steigt.
    Gier frisst Hirn.

  4. wenn der Malermeister ihre Hausfassade mit Innenfarbe streicht, weil sie die Farbe ausgewählt haben. Man sollte meinen, seriöse Unternehmen lassen ihre Kunden nicht so ins offene Messer laufen. Wir reden hier von 34.000 Gutscheinen à 10 Euro, wobei (soweit ich das verstanden habe) von diesen Betrag noch 5 Euro an Groupon gehen.

    Antwort auf "Nun ja..."
  5. Groupon - Blick hinter die Kulissen

    http://goo.gl/pbcCe

  6. Als Unternehmer muss man sich allein aus kaufmännischer Sicht doch im Klaren sein, wenn man 35000 Gutscheine in den Umlauf bringe, dass man diese im besten Fall auf einmal bedienen muss. Das gilt für Wandschmuck, wie für Essen oder einen Haarschnitt. Andererseits muss man sich über den Kunden im Klaren sein. Viele fahren seit Jahrzehnten wegen 20 cent, die sie z.B. an Butter sparen können, in einen anderen Markt. Diese Merkbefreitheit ist also kein Phänomen welches sich allein auf Groupon beschränkt. Und das sich ein Kunde als alleinig bevorzugt behandelt empfindet und nie die Sicht eines Unternehmens sehen will oder kann, kann man zwar den Kunden vorwerfen, wird jedoch nichts ändern, das sieht auch das BGB so - Angebot + Nachfrage = Kaufvertrag = Verpflichtung. Ein Unternehmer will ja auch keine 3 Monate auf sein Geld warten.

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