Nokia-Vorstand"Nichts ist umsonst"

Nokia war einst Marktführer, nun steckt die Firma in der Krise. Im Interview sagt der Vorstand Michael Halbheer, wie er das ändern will: Nokia müsse wieder cool werden. von Corinna Visser

Frage: Herr Halbherr, als Sie bei Nokia eingestiegen sind, war das Unternehmen Weltmarktführer. Heute sieht das ganz anders aus. Wie gehen Sie damit um?

Michael Halbherr:  Da muss man differenzieren. Als wir, Gate 5, im Jahr 2006 zum Unternehmen gekommen sind, waren wir knapp 40 Leute im Bereich Karten und Navigation. Heute sind wir 6.500 Leute und Weltmarktführer. Im Geschäft mit Mobiltelefonen, also bei Geräten unter 100 Dollar, ist Nokia ebenfalls Weltmarktführer. Bei den Smartphones stehen wir an einem Wendepunkt. Seit zwei Jahren bauen wir das Geschäft um. Jetzt bringen wir die neuen Lumia-Modelle mit dem Microsoft-Betriebssystem auf den Markt. Das Lumia 920 wird heute als das innovativste Smartphone angesehen – auch nach dem Launch des iPhone 5 .

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Frage: Viele sagen, das ist die letzte Chance.

Halbherr: Ich schreibe die Schlagzeilen nicht.

Frage: Stimmt es also nicht?

Halbherr: Nein, wie gesagt: Nokia ist in vielen Bereichen sehr gut aufgestellt. Und um bei Smartphones wieder an die Weltspitze zu kommen, brauchen wir gute Produkte. Und die haben wir jetzt.

Frage: Die Geschäftszahlen sehen aber immer noch finster aus und die Marktanteile schrumpfen weiter.

Halbherr: Die Zahlen hinken immer hinterher. Man hat lange noch gut über Nokia geschrieben, da hat es schon klar Probleme gegeben. Man muss auf die Produkte schauen. Denken Sie an die Historie von Apple : Es hat nach Steve Jobs Rückkehr drei Jahre gedauert, bis der iPod kam und sechs Jahre, bis sich der Aktienkurs bewegt hat. Nokia ist heute ein ganz anderer Konzern als vor zwei Jahren. Wir sind fokussierter und schneller geworden.

Frage: Sie sagen, Sie sind Weltmarktführer bei Karten und Navigation. Nimmt das überhaupt jemand wahr?

Halbherr: Neun von zehn Autos in der Welt, die ein Navigationssystem haben, fahren nach unseren Karten. Das ist ziemlich gut. Aber da steht natürlich nicht Nokia drauf, sondern Navteq. Jetzt dringen wir mit unseren Karten ins Internet vor: Yahoo , Flickr , Microsoft und Amazon nutzen bereits unsere Plattform. Es werden noch mehr kommen. Wir haben die Plattform erst vor einem Jahr für Kunden außerhalb von Nokia freigegeben und fahren sie gerade hoch. Das wird unsere Sichtbarkeit erhöhen.

Frage: Sie haben 6.500 Mitarbeiter, was machen die?

Halbherr: Wir haben drei Entwicklungsstandorte: Berlin , Boston und Chicago . Berlin ist der kreative Standort. Hier bauen wir die Plattform und die Anwendungen. In Chicago werden die Inhalte entwickelt, also das Kartenmaterial. In Boston arbeiten wir vor allem in den Bereichen Datenanalyse und Suche. An den drei Standorten haben wir zusammen 2.500 bis 3.000 Leute, 800 davon in Berlin. Die übrigen Leute arbeiten in den Ländern. Unsere Stärke ist, dass wir uns keine Satelliten- oder Flugbilder anschauen, sondern vor Ort mit unseren Autos fahren.

Frage: Haben sie beim Abfahren und Ablichten der Straßen auch so großen Ärger wie Google ihn hatte ?

Halbherr: Probleme hat man, wenn man Dinge macht, die man nicht tun sollte. Natürlich muss der Schutz der Privatsphäre gewahrt bleiben. Aber man muss auch aufpassen, dass ein übertriebener Rechtsschutzgedanke Innovationen nicht behindert. Wir hatten den Ärger nicht, weil wir sehr transparent waren. Und wo es geht, arbeiten wir mit anonymisierten Daten.

Frage: Aber nicht immer?

Halbherr: Wenn der Nutzer seine persönlichen Daten angibt, dann weiß er das auch. Wir werden Ihre Daten für nichts anderes verwenden als das, wozu Sie eingewilligt haben. Ein Beispiel: Wir werden keine Daten über das Geschwindigkeitsverhalten sammeln und diese Daten dann der Polizei geben. Konkurrenten von uns haben das schon getan.

Frage: Wer denn?

Halbherr: Das sage ich nicht. Es war auch nicht auf individueller Basis, sondern in der Art: An dieser Ecke fahren die meisten zu schnell. Aber das ist nicht unsere Idee.

Frage: Was genau wird in Berlin gemacht?

Halbherr: Zum Beispiel das Routing oder die Verkehrsinfos für die Kartendienste von Yahoo, Flickr oder Maps.Bing.com kommen aus Berlin.

Frage: All diese Dienste sind kostenlos, genau wie die Navigation auf Nokia-Geräten. Dabei hat Nokia acht Milliarden Dollar für den Kartendienstleister Navteq bezahlt. Wie rechnet sich das?

Halbherr: Nichts ist umsonst. Wenn es für den Endnutzer kostenlos ist, heißt es nicht, dass niemand zahlt. Sie sagen ja auch nicht, ich kaufe ein Handy und das Display war umsonst, es ist dabei. Übrigens investiert Google ähnliche Summen wie wir.

Leserkommentare
  1. was es will - ich kaufe nix. Nach der Schließung in Bochum ist Nokia nach Rumänien gezogen, hat die Standortvorteile dort mitgenommen (wie in Bochum übrigens auch) und hat in Rumänien, oh Wunder, auch wieder dichtgemacht und ist nach Indien gegangen - wegen......ja wegen diverser Standortvorteile. Inzwischen denkt man aber daran, auch in Indien wieder zu schließen - Vietnam ist noch billiger und bietet - ja genau, wesentliche Standortvorteile.
    Nokia hat für die Menschen, die ihre Produkte produzieren, nichts übrig - nimmt aber selber mit, was es nur kann. Diese Mitnahmementalität k.... mich an. Offensichtlich ist bei Nokia noch nicht durchgedrungen, daß genau dieselben Menschen, die ihre Produkte produzieren, sie auch kaufen (sollen) und das nicht können, weil Nokia (nicht nur die) ihren Gewinn auf Kosten der Löhne macht.
    Zur Erinnerung: Nokia hatte in Bochum KEINE Verluste gemacht - nur die Wachstumsmargen und die Gewinne waren nicht hoch genug, laut Meinung von Nokia.
    Herr Halbherr, Nokia kann produzieren, was es will, und das mag so 'cool' sein, wie es will - ich zumindest kaufe nichts davon.

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    • MMM-M
    • 17. Oktober 2012 15:36 Uhr

    kaufen Sie bei Apple oder Samsung, die schon immer zu unmenschlichen Bedingungen in China produzieren ließen ?

    • janjshj
    • 17. Oktober 2012 18:47 Uhr

    Kaufst du dir stattdessen ein iPhone oder ein x-beliebiges anderes Gerät, die werden dann halt meist bei Foxconn hergestellt. Was macht das für ein Unterschied?

    Dieses Werksnomadentum scheint indes ja sooo erfolgreich auch nicht zu sein. Man müsste aufgrund dieser glänzenden Strategie doch eigentlich hervorragend dastehen.

    Eine einzige rücksichtslose Geschäftemacherei in dieser Branche.
    Im Jahresrhythmus werden den Kunden zu immer höheren (versteckten) Kosten vermeintlich unbedingt erforderliche und gravierende Neuerungen angedreht. Mit den 1- und 2-Jahresverträgen wird dies regelrecht zur Wechselroutine gemacht und abgesahnt. Die wertschöpfenden fertigenden Arbeiter tritt man dabei mit Füßen.

    Warum machen wir diesen Unfug eigentlich mit? Man braucht nicht alle 2 Jahre ein neues Quassel- und Dattelfon, nur weil's etwas hipper ist.

    sondern gegen Subventionen, die Unternehmen an nicht wettbewerbsfähigen Orten ansiedeln.

    Nokia schafft mehr Arbeitsplätze in Europa als jede Konkurrenzfirma.

    Siemens, Sagem ?? Alle weg.

  2. Also die haben doch die Subventionen für den Standort Bochum richtig cool eingesteckt und haben sich dann richtig cool verflüssigt. Als die Bochumer Mitarbeiter mit dem Stammhaus Kontakt aufnehmen wollten, sind die auch richtig cool abgeblitzt. Ist schon eine coole Firma. Ich hatte mein Nokia-Handy damals auch richtig cool entsorgt.

  3. Anstatt zu versuchen, Apple in Puncto Marketing für technisch ungebildete Lifestylefetischisten zu konkurrieren (was zum Scheitern verurteilt sein dürfte), einfach mal wieder Qualität anbieten; Nokia war mal Marktführer, weil die Produkte robust, technisch auf einem guten Stand und preiswert waren.

    Ebensowenig dürfte es nützen, die Kopie einer Kopie einer Idee anzubieten, wie beim Kartendienst.

    • hairy
    • 17. Oktober 2012 15:24 Uhr
    4. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

  4. Wenn er es sagt wird es wohl stimmen.
    Übrigens würde ich mir niemals ein Telefon mit Windowssoftware kaufen.
    Angeblich kommt im nächsten Jahr Ubuntu-Linux für Smartphones.

  5. Was für ein Blödsin Herr Halbherr ... leute kaufen kein iPhone nur weil es cool ist, das ist vieleicht ein 'halo effekt'. Aber der grund warum leute das iPhone kaufen ist es weil es schnell verstendlich und einfach funktioniert, und gute produkt qualität hat - es ist ein ehrliches produkt! Das hat Braun vor 50 Jahren verstanden und Apple macht da einfach weiter. Nokia hat einfach immer nur in die Masse produzuiert und gehofft mit dem motto das "viel mist macht ja auch geld". Das daß nicht gute produkte produziert ist ja klar. Sich jetzt einzubilden das man mit cool was verkauft das ist und bleibt ein fashion statment - kommt und geht. Nein, Nokia, einfach sich von Microsoft komplet aufkaufen lassen ist besser als diese Firmen philosophie weiter führen.

    via ZEIT ONLINE plus App

    • MMM-M
    • 17. Oktober 2012 15:36 Uhr

    kaufen Sie bei Apple oder Samsung, die schon immer zu unmenschlichen Bedingungen in China produzieren ließen ?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Produkte; ich hab ein jahrealtes Handy, das heute als antik gelten würde ;-).

  6. Coole Leute haben ein iPhone

    Leute die meinen cool zu sein haben ein iPhone.

    Ich gehe ganz cool an jedem iPhone vorbei.

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