Als Sergio Ermotti vor rund einem Jahr an die Spitze der UBS rückte, galt er als Zauderer. Vor Investoren verkündete der frisch gewählte Chef, das Investmentbanking mit seinem riskanten Handelsgeschäft nur leicht verkleinern zu wollen. 2.000 Stellen wollte Ermotti damals streichen. Es war ein zaghafter Schritt, der die Anleger kaum beeindruckte.

Heute präsentiert sich Ermotti fast als Revolutionär. Gemeinsam mit dem Deutschen Axel Weber, der seit Mai dem Verwaltungsrat vorsteht, hat er einen Umbauplan entwickelt, der über alles hinausgeht, was die Konkurrenz bisher vorgelegt hat. Die UBS spaltet die Hälfte ihrer stolzen Investmentbank ab und versieht sie mit einer neuen Führung. In wenigen Jahren will die Bank das Investmentgeschäft ganz einstellen. Rund 10.000 Stellen fallen dadurch weg, bald arbeiten nur noch 54.000 Mitarbeiter für die Bank. Auch die Aktionäre sollen zahlen. Die Bank verkündet eine Wertberichtigung in Milliardenhöhe. Im dritten Quartal fällt sogar ein Verlust von mehr als zwei Milliarden Franken an.

Der Verzicht zeigt zweierlei. Zum einen reagiert die größte Bank der Schweiz auf die verschärften internationalen Aufsichtsregeln. Die Regulierer schreiben vor, dass die Geldhäuser mehr Eigenkapital vorhalten müssen, wenn sie mit festverzinslichen Anleihen und komplexen Finanzderivaten handeln. Nun trennt sich die UBS von diesen Geschäftsmodellen. Andererseits zieht das Geldhaus die Lehre aus dem eigenen Versagen. Dem Anspruch, eine führende Mitspielerin im Handel mit Zinsprodukten zu sein, ist die Bank nie gerecht geworden. Nach mehreren Anläufen seit Anfang der neunziger Jahre streichen die Schweizer nun die Segel.

Die Geschichte begann 1993. Eine kleine Truppe unter Führung des legendären Marcel Ospel blies damals zu einer im Rückblick irrwitzig anmutenden Offensive. Ospel verfolgte das Ziel, mithilfe der sprudelnden Gewinne aus dem hochlukrativen Vermögensverwaltungsgeschäft ein weltweit führendes Wall-Street-Handelshaus aufzubauen. Nichts weniger als eine zweite Goldman Sachs sollte die UBS werden. Riskante Wetten und Handelsgeschäfte sollten Milliarden einspielen.

Grübel kam und schob die Schuld auf seine Vorgänger

Ospel kaufte hierfür ein Sammelsurium von Finanzboutiquen und angelsächsischen Investmentbanken ein. Diese legte er unter dem Schlagwort "One Bank" im scheinbar straff geführten UBS-Konzern zusammen. Doch das Ganze blieb ein lose verbundenes Konstrukt, die hinzugekauften Investmenthäuser konnten unkontrolliert ihre Eigengeschäfte betreiben. Erst die Subprime-Krise zeigte, wie missglückt das Werk war. Die UBS schrieb Verluste von mehr als 50 Milliarden Dollar und stand vor der Pleite. Ospel, der einstmals übermächtige Chef, musste gehen.

Doch auch jetzt steuerte die Bank nicht um. Die UBS wollte eine große Nummer im angelsächsisch dominierten Geschäft mit Wertpapieren und der Beratung von Kunden für Börsengänge oder Übernahmen bleiben. Nach einer kurzen Übergangsphase holte der Verwaltungsrat der UBS einen Deutschen aus der Pensionierung, der zuvor die zweite große Schweizer Bank, die Credit Suisse, geführt hatte.

Das war Oswald Grübel. Der tat ab Frühling 2009 das, was er in seiner ganzen langen Karriere immer und meist höchst erfolgreich getan hatte. Grübel spekulierte. Ausgerechnet im Zinsengeschäft, wo die UBS kurz zuvor beinahe ihre Existenz verloren hatte, setzte Grübel auf ein fulminantes Comeback. Der Banker war überzeugt, dass nicht das Nebeneinander von konservativer Vermögensverwaltung und riskanter Investmentbank das Problem der Bank sei. Er betrachtete vor allem seine Vorgänger als Fehlbesetzungen. Er wisse schon, wie das Wettgeschäft erfolgreich betrieben werden könnte, meinte Grübel. Der Verwaltungsrat erteilte ihm hierfür eine "Carte Blanche".

Erst Anfang 2011 dämmerte dem Gremium, dass die guten alten Zeiten nicht wiederkehren würden. Da hatte sich Grübel mit seinem riesigen Obligationen- und Zinsderivate-Geschäft bereits hoffnungslos verrannt. Ursprünglich sollte diese Sparte fast die Hälfte vom Gesamtgewinn der Finanzgruppe beisteuern. Davon konnte jedoch längst keine Rede mehr sein. Grübel, einst scheinbar unfehlbar, wusste nicht mehr weiter.