Zukunft der ZeitungWer sterben und wer überleben wird

"Frankfurter Rundschau", "Financial Times Deutschland": Zwei wichtige Tageszeitungen stehen vor dem Aus. Hat das große Zeitungssterben begonnen? von Malte Buhse und Patrick Kremers

Tageszeitungen in einem Kiosk in Berlin

Tageszeitungen in einem Kiosk in Berlin  |  © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Diese Woche könnte eine Woche des Zeitungssterbens werden. Am Montag, nur sechs Tage nach der Insolvenz der Frankfurter Rundschau , rief Steffen Klusmann seine Mitarbeiter zusammen. Wieder einmal hieß es bei einer großen deutschen Tageszeitung: Krisensitzung statt Redaktionskonferenz.

Klusmann, Chefredakteur der Financial Times Deutschland , hatte keine guten Nachrichten. Wenn sich an diesem Mittwoch der Aufsichtsrat des Verlags Gruner+Jahr trifft, dürfte er das Ende der lachsfarbenen Wirtschaftszeitung besiegeln. Es wäre das zweite Aus einer großen überregionalen Tageszeitung innerhalb nur einer Woche. Nach Recherchen von Spiegel Online und der FAZ steht die Entscheidung so gut wie fest.

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Für Tageszeitungen wird es nun endgültig ernst. Die jahrelange Medienkrise könnte sich zu einem großen Zeitungssterben auswachsen. Wen trifft es als Nächstes? Welche Zeitung hat die besten Überlebenschancen? Liegt schon bald gar keine Tageszeitung mehr auf dem Frühstückstisch?

Schlecht ist die Stimmung in den Chefetagen der Verlage seit Jahren. Die Auflagen sinken, auch renommierte Blätter schreiben rote Zahlen. Der große Knall blieb jedoch aus. Die Frankfurter Rundschau wurschtelte sich viele Jahre irgendwie durch, die Financial Times Deutschland konnte zuletzt den jährlichen Verlust zumindest halbieren. Selbst die notorisch klamme taz liegt noch an den Kiosken.

Und das, obwohl in anderen Ländern die Tageszeitungen schon lange ums Überleben kämpfen. In Frankreich verdient keine einzige Zeitung mehr Geld. Viele Blätter haben aufgegeben oder sind ins Netz abgewandert, zuletzt die Wirtschaftszeitung La Tribune . Bei der spanischen El País muss ein Drittel der Belegschaft gehen. Und in den USA mussten allein in den den vergangenen fünf Jahren 14 große Tageszeitungen schließen, darunter traditionsreiche Blätter wie die Oakland Tribune . Andere wie die L.A. Times oder die Chicago Tribune meldeten Insolvenz an. Nun scheint es, als erreiche die Existenzkrise der Tageszeitungen auch Deutschland.

Die Auflage schrumpft, doch es gibt ein größeres Problem

Dabei sind aktuelle Nachrichten noch immer gefragt. Rund 47 Millionen Deutsche lesen jeden Tag eine Tageszeitung. Rechnet man die Besucher der Online-Seiten der Zeitungen hinzu, erreichen deren Artikel täglich sogar mehr als 50 Millionen Menschen. "Die Reichweiten der Zeitungen sind so groß wie nie zuvor", sagt Horst Röper, Zeitungsforscher und Geschäftsführer des Formatt-Instituts in Dortmund.

Selbst die Auflagenzahlen sind nicht so schlecht, wie die miese Stimmung vermuten lässt. Zwar sind die Einzelverkäufe und Abonnements in den vergangenen zehn Jahren um rund sechs Millionen Exemplare gesunken. Trotzdem verkaufen große Tageszeitungen wie die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung noch immer fast eine halbe Million Exemplare täglich. Sogar die Frankfurter Rundschau setzt momentan noch rund 150.000 Exemplare pro Tag ab. Die Financial Times Deutschland kommt immerhin auf eine Auflage von rund 120.000.

Leserkommentare
  1. In diesem Artikel ging es hauptsächlich um Tageszeitungen. Und dass Printmedien NIE aussterben, naja, wir werden sehen, was in 100 Jahren hier so los ist.
    Und manipulativ kann ein Printmedium genauso sein, wie ein Online-Magazin...Axel-Springer macht es vor, mit der Bild-Zeitung und dem Spiegel. Selbe manipulative Inhalte, einmal für die "normal-gebildeten" Bürger und einmal für die "intellektuelle" Schicht. (Die Anführungszeichen erfüllen hierbei einen Zweck).

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Vertrauen"
    • lxththf
    • 21. November 2012 18:32 Uhr

    denn ich habe immernoch gern eine Zeitung in der Hand. Vielleicht mag es Nostalgie sein, vielleicht ist es aber auch tatsächlich eine Frage der Qualität. Viele Onlineportale äussern oft die Meinungen der Nachrichtenagenturmeldungen, die natürlich auch untereinander in Konkurrenz stehen.
    Es gibt Tageszeitungen, die es deutlich mehr verdient hätten, von der Bildfläche zu verschwinden, aber diesen Gefallen wird uns die ... Zeitung wohl leider nicht tun.

    • Juge
    • 21. November 2012 18:37 Uhr

    Ich bin 31 Jahre alt und ich habe ewig keine Zeitung aus Papier mehr in der Hand gehabt. Und ich kenne auch niemanden in meinem Freundeskreis, der eine Papierzeitung lesen würde. Warum?

    1. Meldungen in Papierzeitungen sind veraltet. Alles, was ich dort lesen kann, stand schon Stunden oder Tage zuvor auf im Internet, freilich auf der gleichen Website der gedruckten Papierzeitungen.

    2. Für 1:1 abgedruckte oder leicht umgeschriebene dpa-Meldungen möchte ich nicht Geld ausgeben.

    3. Kennst Du eine, kennst Du alle. Israel ist böse, Migranten sind eine Bereicherung und Europa ist super. Man könnte meinen, es gibt nur eine heimliche Hautredaktion, die jeden Artikel autorisiert oder vorformuliert.

    Wie konsumiert man heute Nachrichten? Natürlich, man informiert sich bei ZON, SPON, WON, liest ein paar Blogs und ist Follower bei dem ein oder anderen Insider und man liest ausländische Medien. Daraus versucht man sich dann ein Bild der Lage zu machen, was oft nicht einfach ist.

    Redaktionen sind Meinungskatalysatoren. Das ist meine Lehre aus dem arabischen Frühling, von dem ich NIE verstand, wie man den islamischen Winter, der dahninter steckte, übersehen konnte.

    Print ist tot und das online-Pendant nur ein kleiner Info-Baustein. Ihr habt versagt, weil er Meinungen publiziert, keine Tatsachen. Und deshalb wird auch Die Zeit untergehen.

    21 Leserempfehlungen
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    Als langjähriger Tageszeitungsleser fasse ich zusammen:

    früher fühlte ich mich durch Zeitungen informiert.

    Heute fühle ich mich manipuliert!

    Schönes Beispiel, ganz aktuell:

    http://www.sueddeutsche.d...

    gegen:

    http://www.zeit.de/politi...

    Unbedarfte könnten glatt auf die Idee kommen, es gab heute zwei Debatten...

    • Vanita
    • 21. November 2012 18:38 Uhr

    ..., dann quittiert der Markt das eben mit Insolvenz.

    Passend dazu der Artikel der ZEIT über guten Journalismus. Sollten alle Akteure der Zunft mal inhalieren.

    Denn guter Journalismus ist überparteilicher, konstruktiver, mutiger Dialog mit dem Leser; schon bei "überparteilich" fällt es mir leider schwer, die ZEIT da einzuschließen. Auch SZ wird mehr zum Sprachrohr von Brüssel-Schreibern. Mittlerweile ist ausgerechnet die FAZ das Blatt, was noch schonungslos die Machenschaften der EU-Funktionäre darlegt. Vom TV gar nicht zu reden, das ist Parteien-Sprachrohr erster Klasse.

    Wenn jetzt also stürmische Zeiten in den Schreibstuben der Journallie anstehen, dann sollte sich die mal erinnern, wer eigentlich das Zielpublikum ist und ob der Elfenbeinturm der geeignete Ort ist, um Bodenkontakt zu spüren.

    16 Leserempfehlungen
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    Was Sie wollen, ist keine überparteiliche Zeitung, sondern offensichtlich eine, die Ihnen nach dem Mund redet, z.B. was die EU betrifft. Dann müssen Sie halt die BILD lesen...

    Es war doch schon immer so, dass jede Zeitung ihre politische Haltung hat. Die eine war eher links, die andere eher konservativ. Und da kann man sich als Leser dann die aussuchen, die zu einem passt oder die man lesen möchte. Aber der FR vorzuwerfen, sie sei (zu) links, ist albern. Niemand ist gezwungen, sie zu lesen.

    Außerdem haben Sie offenbar den obigen Artikel nicht gelesen oder die Medienkrise nicht verstanden: Das Haupt-Problem der Tageszeitungen ist nicht, dass ihnen die Leser davonrennen, sondern dass der Werbemarkt so stark zurückgegangen ist. Abo-Einnahmen haben NIE ausgereicht, eine Zeitung zu finanzieren. Die Werbeerlöse haben sogar den größeren Teil der Deckungssumme ausgemacht. Wenn aber diese Werbeerlöse so stark sinken wie im Text beschrieben (binnen 10 Jahren fast halbiert), dann kommen die Blätter ins Trudeln.

    • Juge
    • 21. November 2012 18:39 Uhr

    Eine Editierfunktion wäre 2012 irgendwie angebracht ...

    7 Leserempfehlungen
  2. Früher las ich eine abonnierte Tageszeitung beim Frühstück, kaufte auch ab und an mal die ZEIT. Heute lese ich eben auf dem Notebook. Ist zwar nicht gerade streng nach Knigge, geht aber und hat mitlerweile auch ein paar Vorteile. Z.B., dass man das Vorgekaute schnell durch einen Blick in Wikipedia und die aktuellen Leserkommentare prüfen kann. Oft geht dann die Kinnlade runter, wie dreist doch mit dem Leser umgesprungen wird. Manipulierte Medien eine Spezialität grausamer Diktaturen? Denkste. Was dem Leser heute teilweise vorgesetzt wird, würde den Gründervätern unseres demokratischen Staates die Zornesröte ins Gesicht treiben. Ich tröste mich damit, dass der Anzeigenschwund eben dazu geführt hat, dass alternative Geldquellen erschlossen wurden. Den Gönnern aus Politik und Wirtschaft muss man dann natürlich täglich nach dem Mund reden. Insofern zwar schade um die Frankfurter Rundschau, den meisten, einst renommierten Blättern, würde ich heute keine Träne mehr nachweinen.
    Was an dpa-Artikeln unreflektiert durch ZEIT-Online tickert ist auch keine müde Mark mehr wert, sorry. Viele Redaktionsartikel bewegen sich mitlerweile auf ähnlichem Level. Allein der Kommentarbereich mit Sofortfreischaltung und, trotz allem, recht lockerer Zensurpolitik ist noch heraus ragend. Dafür mein Lob.

    16 Leserempfehlungen
  3. In erster Linie ist wohl das Internet für die Probleme bei den Printmedien verantwortlich. Aber es spielen sicherlich weitere Faktoren, wie z.B. die demografische Entwicklung und der "Zeitgeist" eine Rolle.

    Außerdem führt der Konkurrenzdruck und die damit verbundenen Sparmaßnahmen zu merkbaren Einbußen bei der journalistischen Qualität. Viele Tageszeitungen stellen ja im Wesentlichen nur noch Agenturmeldungen zusammen. Dazu noch ein paar eigene Kommentare und lokale Nachrichten. Tiefergehende, kritische sowie gut recherchierte Beiträge werden immer seltner. Manchmal denkt man, dass eine Praktikanntin schnell etwas verfassst hat.

    Und klar, leider sind auch die Leser, die (überzogen) "sparen" wollen oder müssen mitverantwortlich.

    M,E. gibt es aber immer noch einige gute Zeitungen, die sich wohltuend aus dem Mainstream und überzogenen politischen-Correktness und Einheitsbrei abheben (z.B SZ oder FAZ).

    Letzlich ändert sich die Gesellschaft und die Arbeitswelt hin zu einem ökonomisch optimierten "Menschen", propagiert z.B. auch von der Zeit. In welcher Familie, wo beide Partner arbeiten und mobil sind, hat denn noch einer Muse u. Zeit zu lesen. Für die News in der vollen S-Bahn reicht das Smartphone, allein das "Format" der Zeit wäre hier schlicht zu groß. Und wenn ich als Familienvater endlich zu Hause bin, warten ja andere Aufgaben auf mich. D.H. wenn auch meine Frau mal mehr arbeitet, lohnt sich schlicht keine größere Lektüre mehr für uns.

    2 Leserempfehlungen
  4. vielleicht tendenziell für Spiegel und Focus.

    Wie man dazu Die Zeit dazu einordnen, kann erschliesst sich mir nicht. Wäre das trotz meiner Zweifel alles richtig, was hätte es dann mit dem Verschwinden der FTD/FR zu tun?

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