SpanienDie Radikalkur von El País

Spaniens größte Tageszeitung hat 129 Mitarbeiter entlassen – ein Drittel der Belegschaft. Die Redaktion macht die Chefs für die Misere des Blattes verantwortlich. von 

Journalisten und andere Beschäftigte von El País demonstrierten am 6. November gegen die zu diesem Zeitpunkt geplanten 149 Entlassungen.

Journalisten und andere Beschäftigte von El País demonstrierten am 6. November gegen die zu diesem Zeitpunkt geplanten 149 Entlassungen.  |  © Dominique Faget/AFP/Getty Images

In der vergangenen Woche haben die Madrider Mitarbeiter von Spaniens bedeutendster Tageszeitung noch ein Gruppenfoto vor der Redaktion gemacht, unter dem El-País-Schriftzug an der Außenwand. Die meisten von ihnen lächelten tapfer. Auch aus Valencia und Bilbao gibt es letzte Bilder, auch sie wirken fröhlich, aber die schwarzen Protest-Shirts verraten den Anlass. Denn vorige Woche war längst klar, was mit der Belegschaft von El País passieren würde: Ein Drittel muss gehen. Wer bleibt, bekommt weniger Lohn.

Anfang Oktober hatte Juan Luis Cebrián, Chef des Mutterkonzerns Prisa, dem Betriebsrat einen ERE angekündigt. Ein ERE, kurz für expediente de regulación de empleo , ist ein arbeitsrechtliches Verfahren, das Firmen in Spanien massenhafte Rausschmisse erleichtert. Es ist Teil von Mariano Rajoys im Februar verabschiedeter Arbeitsrechtsreform – welche   die Journalisten von El País noch scharf kritisiert hatten, bevor die eigenen Chefs sie anwandten.

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Mit der Redaktion hat es sich Cebrián durch die Entlassungen endgültig verscherzt. Der Madrilene war 1976 einer der Mitbegründer von El País , jener Zeitung, die nach dem Tode Francos als publizistische Plattform einen entscheidenden Beitrag zum Übergang Spaniens zur Demokratie leistete. El País war ein Symbol. Journalisten waren stolz darauf, dort zu arbeiten. "Es war immer eine besondere Beziehung", sagt Redakteurin Marta Nieto.

"In einen Finanzhai verwandelt"

Die jetzige Radikalkur erklärt die Geschäftsleitung so: El País wird in diesem Jahr 200 Millionen Euro weniger einnehmen als 2007. Schuld sind zwei Krisen: die allgegenwärtige – und vor allem die der gedruckten Zeitungen, die neben den neuen Medien um ihre Existenz kämpfen. Der Vertrieb von El País ist in fünf Jahren um 22, die Anzeigen sind um 65 Prozent eingebrochen. Im Zuge des Umbruchs haben in Spanien 8.000 Journalisten ihre Arbeit verloren. So stand es am Sonntag in einem anonym abgedruckten El-País -Artikel mit dem Titel An unsere Leser , der unter Redakteuren für Wut sorgte, weil er nur die Sichtweise der Firma darstellte. Ihre ist eine andere.

Als Cebrián im Oktober der El-País -Redaktion den ERE ankündigte, sprach er von einem "schmerzhaften Prozess", der nötig sei. "Wir können nicht weiterhin so gut leben", sagte er. Die Redaktion sei zu alt, zu teuer, ihr fehle ein digitales Profil. Das zu hören – von einem damals 67-Jährigen, dessen Gehalt sich im Jahr zuvor auf 14 Millionen Euro belief – brachte die Mitarbeiter auf die Barrikaden. Dem Betriebsrat zufolge ist El País nicht defizitär: Seit 2000 machte die Zeitung insgesamt 852 Millionen Euro Gewinn, auch in der jüngsten Krisenzeit blieb sie im Plus. Prisa wiederum habe sich aus der El-País -Kasse in den vergangenen Jahren mit 35 Millionen Euro bedient. Die Belegschaft hat das Gefühl, für Cebriáns Zockerei im Mutterkonzern bluten zu müssen.

Tatsächlich hat Cebrián Prisa einigermaßen fragwürdig geführt, seit Jesús de Polanco, Mitbegründer des linksliberalen Blattes, 2007 starb. Damals gewann Cebrián im Konzern an Entscheidungsspielraum; die Familie Polanco verlor Einfluss. "Ich habe viel von Cebrián gelernt. Aber er hat vor langer Zeit aufgehört, Journalist zu sein, und sich in einen Finanzhai verwandelt", sagte ein Ex-Redakteur am Montag dem Onlinedienst Periodista Digital .

Zu Prisa gehören neben El País zahlreiche andere Medien, etwa die Wirtschaftszeitung Cinco Días , die Sportzeitung As und diverse Radiostationen. Cebrián gründete, er kaufte auf Kredit – teuer war vor allem Spaniens führendes Pay-TV-Unternehmen Sogecable, zuletzt erwarb er die spanische Seite der US-Onlinezeitung The Huffington Post – er übernahm sich. Der Konzern häufte zeitweise bis zu fünf Milliarden Euro Schulden an. 2010 stieg Investor Nicolas Berggruen mit seinem Fonds Liberty bei Prisa ein. Liberty ist nun Mehrheitseigner. Die Prisa-Aktie, die einmal 19 Euro wert war, liegt in den Tagen nach den Entlassungen bei rund 30 Cent. Bereits Anfang 2011 hatte der Konzern angekündigt, insgesamt 2.500 Stellen zu streichen.

Mit all dem hätten die Entlassungen bei El País aber nichts zu tun, beteuert ein Sprecher, der nicht namentlich genannt werden möchte, wegen der Kollegen. El País selbst mache gerade zum ersten Mal in seiner Geschichte Verluste.

Aus Sicht von Juan Luis Cebrián hat Print keine Zukunft. Im Netz will er El País zum weltweiten Leitmedium in spanischer Sprache machen. Sein Fokus liegt auf lateinamerikanischen Lesern und globalen Nachrichten – eine Strategie, die bislang durchaus Erfolg hat: Die Website hatte im Juli 13 Millionen Unique Users, davon fünf Millionen außerhalb Spaniens. Sie führt damit die spanischsprachigen Onlinemedien an. Neues Personal stellte das Blatt auf dem Weg zum globalen Medium aber nicht ein; Nachwuchs kam nur, wenn jemand ging. In Zukunft, so Chefredakteur Javier Moreno, solle das Blatt noch globaler werden und noch stärker im Netz agieren.

Regionalberichte an den Rand gedrängt

El País wandelt sich, auf eine für die Belegschaft äußerst schmerzhafte Weise. Regionale spanische Berichterstattung wird etwa zur Marginalie. In Andalusien müssen im Zuge der Kündigungswelle 13 von 21 Redakteuren gehen, in Galizien 8 von 12. Die insgesamt 129 geschassten Mitarbeiter bekamen die Nachricht ihrer Entlassung am Wochenende, per E-Mail – für viele eine weitere Respektlosigkeit der Unternehmensleitung. Der Betriebsrat hatte deren letztes Angebot am Freitag abgelehnt. Die Ex-Redakteure erhalten nun die minimale Abfindung nach dem Gesetz: für jedes gearbeitete Jahr 20 Tagesgehälter, maximal zwölf Monatsgehälter.

Den Kündigungen ging ein Monat voller Verhandlungen voraus, in dem eine Einigung stets fern schien. Die Redakteure streikten, verteilten einen Brief an ihre Leser, rügten Juan Luis Cebrián öffentlich, ließen bei ihren Artikeln verbotenerweise die Autorenzeilen weg. Chefredakteur Javier Moreno rief persönlich Korrespondenten an, damit sie sich nicht an dieser Aktion beteiligten. Daraufhin forderte die Redaktion seinen Rücktritt. Moreno erklärte sich in der FAZ .

Er will weitermachen, obwohl das Verhältnis der Belegschaft zu ihm ebenso zerrüttet ist wie jenes zu Cebrián. Den Mitarbeitern sei er nicht verantwortlich, sagt Moreno, sondern den Führungsgremien von El País und Prisa. Kann ein Chefredakteur, den die Redaktion derart ablehnt, noch erfolgreich arbeiten? Der anonyme Sprecher möchte nicht antworten. Zur Zukunft hingegen äußert er sich: "Natürlich beeinträchtigen 129 Personen weniger die Zeitung. Aber die Qualität wird gleich bleiben, die Seele wird gleich bleiben."

Das mit der Seele scheint unwahrscheinlich. Die Beilagenredakteurin Marta Nieto ist eine, die bleibt. "Fürchterlich" sei die Stimmung am Montag gewesen, sagt sie. "Die Zukunft wird schwierig. Die Arbeitsbeziehungen sind kaputt gegangen." Hätte etwas Ähnliches passieren können, als Jesús de Polanco noch lebte? Nieto antwortet entschieden: Nein. "Niemand bestreitet, dass Einschnitte notwendig sind. Aber man muss die Leute mit Würde behandeln", schiebt sie hinterher.

Das Gefühl, für Spaniens bedeutendste Tageszeitung zu arbeiten: Es hat für viele Redakteure mit Stolz und Würde derzeit wohl nicht mehr viel zu tun.

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Leserkommentare
  1. hätte eine höher verkaufte Anzahl der Zeitung das verhindert-
    wenn der Leser nicht mehr kauft geht eine Zeitung halt vom Markt, hatten wir doch gestern auch bei uns in dem eigentlich nicht krisengeschütteltem Frankfurt.

    2 Leserempfehlungen
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    geht es ums Geld, und nicht im Journalismus. Cebrián hat letztes Jahr 14 Millionen verdient, mehr als alle entlassenen Journalisten zusammen. Und das, obwohl er in den letzten Jahren Milliarder verzockt hat. El País muss das jetzt ausbaden. Wirklich eine Schande.

  2. geht es ums Geld, und nicht im Journalismus. Cebrián hat letztes Jahr 14 Millionen verdient, mehr als alle entlassenen Journalisten zusammen. Und das, obwohl er in den letzten Jahren Milliarder verzockt hat. El País muss das jetzt ausbaden. Wirklich eine Schande.

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