Jürgen FitschenDer unglückliche Deutsche-Bank-Chef

Der Chef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, macht im jüngsten Skandal eine unglückliche Figur. Sollte er gehen müssen, würde dennoch der Falsche bestraft. von Moritz Döbler

Immerhin, er hat nicht alle Fehler gemacht, die er hätte machen können. Jürgen Fitschen hat auf keine Mailbox gesprochen, und er hat, heißt es jedenfalls, nicht im Kanzleramt angerufen. Hoffentlich wäre ihm auch dort die kalte Schulter gezeigt worden. Aber wer weiß das schon? Angela Merkel hat einst ein Festessen für einen Deutsche-Bank-Chef ausgerichtet , Josef Ackermann zum Sechzigsten. Es dürfte wenige Politiker geben, die sich noch nie von einem wutschnaubenden Wirtschaftsvertreter einschüchtern ließen. Mit angeblich gefährdeten Arbeitsplätzen lässt sich Druck machen. Und das schwang mit, als Fitschen die Razzia als rufschädigend bezeichnete.

Deswegen hat es etwas Absurdes, wie ausgerechnet Ministerpräsident Volker Bouffier genüsslich erzählt, dass er Fitschen unter Verweis auf die Unabhängigkeit der Justiz abblitzen ließ . Bisher hatte in Hessens CDU eine ausgeprägte Wirtschaftsnähe durchaus Tradition. Bouffiers Vorgänger Roland Koch ist heute Vorstandsvorsitzender des Baukonzerns Bilfinger. Ein Chef der Deutschen Bank braucht vom Chef der Hessen-CDU keine Nachhilfe in Sachen Rechtsstaat. Wenn der eine den anderen anruft, kann das nicht überraschen.

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Dass Fitschen sich von dem Anruf offenkundig etwas versprochen hatte, wäre der Skandal, wenn es denn einer wäre. Aus Fitschens Umfeld verlautet nun, dass er den Anruf bedaure. Wahr ist vermutlich vor allem, dass er den Umstand bedauert, dass er selbst es war, der den Anruf ausgeplaudert hat. Der Co-Chef der Deutschen Bank hat eine ungewöhnlich unglückliche Figur gemacht – kann so einer Präsident des Bundesverbands deutscher Banken werden, noch dazu, wenn gegen ihn ein Ermittlungsverfahren läuft?

Die Antwort ist: wahrscheinlich schon. Der Bankenverband hat sich schließlich auch nicht gescheut, vor zwei Jahren Michael Kemmer , den Ex-Chef der Bayerischen Landesbank, trotz eines gegen ihn laufenden Verfahrens zum Hauptgeschäftsführer zu berufen. Vor allem aber wäre Fitschen kaum bei der Deutschen Bank haltbar, wenn er zu viel Dreck am Stecken hätte , um Bankenpräsident zu werden. Die Bank kann nicht niedrigere Maßstäbe anlegen als der Verband.

Wenn Fitschen aber tatsächlich ganz gehen müsste, dann würde in gewisser Weise der falsche Mann bestraft. Zum einen, weil er für Geradlinigkeit steht, zum anderen, weil er die beanstandete Umsatzsteuererklärung einst nur unterschrieb, weil der damalige Chef Ackermann außer Haus war. Der Handel mit Emissionsrechten fiel in den Verantwortungsbereich von Anshu Jain, der heute die Bank gemeinsam mit Fitschen führt.

Der Vertrag des Deutschen läuft ohnehin in gut zwei Jahren aus. Sein Rücktritt würde vermutlich dazu führen, dass Jain die alleinige Macht früher übernimmt als gedacht. Ob das die richtige Konsequenz aus dem groß angelegten Betrug wäre? Soll wirklich der Londoner Milliardenjongleur so schnell die ganze Bank übernehmen? Es geht nicht um die Frage, ob Jain Deutsch kann, sondern ob er allein für den angekündigten Kulturwandel stehen kann.

So oder so – die Deutschen haben schon immer ein schwieriges Verhältnis zur Deutschen Bank. Schon bei Hermann Josef Abs war das so, und Hilmar Kopper wurde die Peanuts (sein geringschätziger Ausdruck für 50 Millionen D-Mark) ebenso wenig los wie Ackermann das Victory-Zeichen. Trotzdem blieb die Deutsche Bank immer der Marktführer in Deutschland. Es ist also damit zu rechnen, dass sich die Deutschen auch mit diesem Führungsduo arrangieren, vielleicht sogar Gefallen daran finden, dass eine deutsche Bank übrig geblieben ist, die international etwas darstellt.

Angesichts der Häufung von Verdachtsfällen, Ermittlungsverfahren und Prozessen liegt das Wort von der kriminellen Vereinigung nahe, das die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht gebraucht. Aber Volker Bouffier geht bestimmt auch beim nächsten Mal ans Telefon. Und am 1. September des neuen Jahres wird Jürgen Fitschen 65 – vielleicht macht sich das Kanzleramt schon mal langsam an die Gästeliste?

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • Psy03
    • 19. Dezember 2012 14:42 Uhr
    1. [...]

    Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/fk.

  1. 'Angesichts der Häufung von Verdachtsfällen, Ermittlungsverfahren und Prozessen liegt das Wort von der kriminellen Vereinigung nahe, das die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht gebraucht.'
    Man sollte auch nicht die laufenden oder bereits abgeschlossenen Verfahren vergessen, bei denen die Deutsche Bank sich per Schadensersatzzahlung aus der Affäre zieht - und sei es nur, damit die Bevölkerung nicht das wirkliche Ausmaß und die wirklichen Fakten der Prozesse mitbekommt.
    Das hat damals Herr Hartz genauso gemacht; lieber zahlen, dafür Schweigen garantiert bekommen. In Sizilien nennt man Omerta.

    2 Leserempfehlungen
    • Hampara
    • 19. Dezember 2012 14:58 Uhr

    Bei der Art der Berichterstattung über die Vorfälle in der Deutschen Bank frage ich mich eigentlich nur noch, warum der Herr Ackermann nie richtig belangt wird für kriminelle Handlungen, die in seiner Amtszeit in dem Unternehmen begangen wurde, als er das Unternehmen verantwortlich führte.

    Wird er geschont, weil er Berater der Kanzlerin war und es nicht sein darf, dass sich die Kanzlerin von einem Kriminellen beraten ließ? Reicht der Arm der Kanzlerin wirklich bis in die Presse hinein?

    3 Leserempfehlungen
  2. Den Artikel hier in der Zeit, der warum auch immer, ohne Kommentarfunktion versehen ist, finde ich äußerst gelungen: http://www.zeit.de/2012/5... .
    Heike Buchter und Arno Storn machen hier auf einen eklatanten Mangel bei der Aufklärung aufmerksam, der so mein Eindruck, in Ihrem Artikel Herr Döbler, wiederholt wird.
    Es geht um's System und nicht um Personen. Zwar machen sie mit der Kanzlernähe auf ein weiteres systemisches Problem aufmerksam, aber es bleibt vage, da nicht nachweisbar.

    Eine Leserempfehlung
  3. Wir haben keine Golddeckung. Die EZB bedruckt buntes Papier mit Fantasiegebilden darauf (nennt sich Euro und die darauf abgebildeten Objekte existieren nicht). Die Deutsche Bank verwaltet diese Fantasieobjekte mit einem riesigen Personalaufwand und dazu unrentabel.

    Es wird Zeit, dass parallele Geldsysteme entstehen, die echten Tauschwert beinhalten, von Zinsen befreit sind und von Menschen mit der fehlenden Eigenschaft "Gier" verwaltet werden.

    Dann haben wir diese ganzen hausgemachten Probleme der niedrigen menschlichen Eigenschaften auch nicht.

    Derzeit werden jedoch auf Kosten des europäischen Steuerzahlers die Werte ganz Europas mittels Zahlung von Luftgeld auf die Banken verlagert. Und niemand merkt es.

  4. .. sollte Herr Fitschen seinen Hut nehmen müssen? Das ist mir auch nach Lektüre dieses Artikels nicht klar geworden.

    Heisst es nicht immer, die Chefs bekommen ihre völlig absurden Gehälter für die wahnsinnige Verantwortung, die sie die ganze Zeit tragen? Da hat wohl jemand nicht rechtzeitig ein Bauernopfer gefunden, nachdem "die Scheiße den Ventilator getroffen" hat, weil man sich nur allzu dumm angestellt hat - und vor allem dabei ausnahmsweise auch mal erwischt wurde?

    Angesichts der Häufung von Verdachtsfällen, Ermittlungsverfahren und Prozessen liegt das Wort von der kriminellen Vereinigung nahe, das die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht gebraucht.

    Wir erinnern uns: Banken in der aktuellen Form sind private Firmen mit Marktkapitalisierungen in der Größenordnung von Bruttosozialprodukten ganzer Länder ..
    Private Firmen, deren einziges Ziel die Vermehrung des Kapitals ist ..
    Private Firmen, die gerade so "transparent" sind, wie es die SOX-Compliance und Börsenaufsichten erfordern, und wo ansonsten _jedes_ Mittel nicht nur Recht sondern auch _Pflicht_ ist (siehe auch, zur Verpflichtung des "Shareholder Value" und nur des "Shareholder Value" allein: http://en.wikipedia.org/w...), eben diesen Profit zu erzielen!

    Die Grenzen zur organisierten und - in Erinnerung alleine an "Hartz" und "Riester" - staatlich protegierten, ja gar geförderten Kriminalität sind fließend. Da liegt ein solcher Vergleich nun wahrlich nicht fern.

    Eine Leserempfehlung
    • bkkopp
    • 19. Dezember 2012 15:58 Uhr

    Sollte er sich über die Razzia an sich beklagt haben, dann geschieht ihm recht.

    Es ist aber auch möglich, dass er sich über den martialischen Auftritt der Polizei/Staatsanwaltschaft beklagt hat. Mit Maschinenpistolen bewaffnet, wie ein SEK, war sicher unangemessen, da bewaffneter Widerstand im Gebäude der Bank nicht zu erwarten war.

    Wie auch immer, die Staatsorgane sind zu einem angemessenen Vorgehen verpflichtet. Dies war nicht erkennbar.

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    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bei der ersten Razzia wurde zu behutsam vorgegangen, mit der Folge, dass die Bank das sofort ausgenutzt hat, um Spuren zu beseitigen.

    Dass Polizisten mit Maschinenpistolen dastanden, ist wohl Ausfluss gründlicher Überlegung.

    Ein denkbarer Grund wäre z. B., dass durch die Razzia schließlich die Eigensicherung der Bank ausgeschaltet wurde. Da die Bank und ihre Vorstände durchaus Ziel terroristischer Anschläge sein kann (soll sogar schon vorgekommen sein!), war der Staat verpflichtet, in dieser Zeit die Sicherung zu gewährleisten.

  5. Ich halte das eher für den fehlgeschlagenen Versuch eigenes Fehlversagen durch Interventionismus vertuschen zu wollen. Ein Kommunikationstalent ist Herr Fitschen auf jeden Fall nicht.

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