ZEIT ONLINE: Bei den Schwellenländern geht ja gerade einiges auseinander: Manche wachsen noch schnell, andere fallen zurück. Manche profitieren von Exporten, bei anderen blüht der Binnenmarkt. Wo steht Indien ?

Prashant Khemka: Indien gehört zu den Ländern, die von innen heraus wachsen, deren Binnenmarkt schnell wächst. Der Exportanteil der indischen Wirtschaft ist einer der geringsten in ganz Asien .

ZEIT ONLINE: Und wird dieses Wachstum im gleichen Tempo weitergehen?

Khemka: Über die vergangenen 10 Jahre lagen die jährlichen Wachstumsraten bei etwa siebeneinhalb Prozent. Das ist auch längerfristig der Trend, und ich sehe im Augenblick keinen Grund, warum es nicht in ähnlichem Tempo weitergehen sollte.

ZEIT ONLINE: Für solches Binnenmarkt-Wachstum braucht man aber eine breite Konsumentenschicht. Und in Indien ist es leider so, dass ein großer Teil der Armen nur wenig an der Wirtschaft teilnimmt . Wird das zum Problem?

Khemka: Indien hat ja nicht etwa eine winzige Konsumentenschicht, wie es in einigen anderen Ländern der Fall ist. Die Gesellschaft bildet eher eine Pyramide: Der breiteste Teil, der Boden der Pyramide, sind die Armen. Aber in der Mitte gibt es eine ernstzunehmende Mittelschicht, die größer wird, es sind schon mehrere Hundert Millionen Menschen. Was nicht heißt, dass Ungleichheit kein Problem ist.

ZEIT ONLINE: Hat das schnelle Wachstum im vergangenen Jahrzehnt die Ungleichheit nicht eher noch befördert ?

Khemka: Das ist nicht der richtige Blick auf diese Entwicklung. Das durchschnittliche Einkommen in Indien hat sich über die vergangenen zehn Jahre verdreifacht, während es beispielsweise in den USA nur um 30 Prozent zugelegt hat. Der Wohlstand hat sich also insgesamt sehr gesteigert.

ZEIT ONLINE: Auch für die Armen? Seit einigen Jahren wird uns ja ein Wachstumsszenario der "Next Billion" prophezeit, der nächsten Milliarde von Neulingen am Konsummarkt, die erst mal noch arm sind. Kritiker sagen aber, dass es nicht eingetreten ist.

Khemka: Doch, das Wachstum ist den Armen ganz wesentlich zugute gekommen. Natürlich gibt es dazu andere politische Meinungen. Aber ob Sie nun Schulbildung oder Gesundheitsversorgung oder sonstige Maße für das menschliche Wohlergehen nehmen – es gibt erheblichen Fortschritt, der gerade auch den Armen nützt, und er wäre ohne den Wohlstandsgewinn im Land nicht zu erzielen gewesen. Sie dürfen auch nicht vergessen, dass Indien eine Demokratie ist. Wenn die Armen dauerhaft nicht davon profitieren, dass rings um sie herum der Wohlstand wächst, dann würden sie ihre Politiker schnell dafür verantwortlich machen.

ZEIT ONLINE: Im absolutistischen China sind solche Fortschritte teilweise schneller zustande gekommen. Ist die indische Demokratie mit ihren langsamen Entscheidungswegen und ihrer komplizierten Bürokratie nicht eher eine Bremse?

Khemka: Ja, das ist eine Realität der Demokratie. Konsens ist sehr wichtig, das Rechtssystem ist sehr unabhängig. Dafür bezahlen wir einen Preis. Es kann schon mal zehn Jahre oder mehr dauern, um ein Großprojekt umzusetzen, selbst wenn es am Ende eine ganze Region wohlhabender macht, oder um ein Problem von Grund auf zu beseitigen. Aber wahrscheinlich sind die Lösungen in Indien dann auch nachhaltiger, wenn niemand zu etwas gezwungen wurde, wenn alle angehört wurden und niemand überrollt werden musste. Auch die Armen nicht.

ZEIT ONLINE: Was wäre denn die nächste große Herausforderung in Indien, um das Wachstum für die Zukunft zu sichern?

Khemka: Es gibt so Vieles, was man verbessern könnte! Aber ich denke jetzt weniger an große Reformen als an grundlegende Dinge, die besser erledigt werden könnten. Die tägliche Umsetzung von politischen Beschlüssen und Verwaltungsaufgaben lässt viel zu wünschen übrig. Das große Glück ist nur, dass die indische Wirtschaft sehr lebendig ist und nicht zum größten Teil von Einmischungen der Regierung abhängig ist, so wie in einigen anderen Ländern.

ZEIT ONLINE: Sehr praktische Dinge.

Khemka: Ja, die Implementierung guter Standards in der Verwaltung und der Aufsicht. Das würde ein reibungsfreieres Umfeld für Unternehmen schaffen. Aus meiner Sicht ist das die eine Verbesserung, von der Indiens Wirtschaft mit Abstand am meisten profitieren würde.